Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom WochenendeHofer Filmtage 2019EhrenamtskampagneVER Selb

Brennpunkte

Komiker Selenskyj als neuer Präsident der Ukraine gefeiert

Der TV-Star Wolodymyr Selenskyj hat bei der Stichwahl in der Ukraine den von der EU und den USA unterstützten Präsidenten Petro Poroschenko besiegt. Aber kann ein Komiker ohne politische Erfahrung das von einem Krieg geschwächte Land aus der Krise führen?



Jubel
Wolodymyr Selenskyj (M) jubelt seinen Unterstützern in seinem Hauptquartier zu.   Foto: Sergei Grits/AP » zu den Bildern

Der Schauspieler und politische Quereinsteiger Wolodymyr Selenskyj hat die Stichwahl um das Präsidentenamt in der krisengeschüttelten Ukraine klar gewonnen.

Der prowestliche 41-Jährige setzte sich mit großem Abstand gegen Amtsinhaber Petro Poroschenko durch. Der 53-jährige Präsident räumte in Kiew seine Niederlage ein. Die Auszählung der Stimmzettel zog sich hin. Nach ersten Ergebnissen schnitt Selenskyj mehr als doppelt so stark ab wie der Amtsinhaber. Prognosen sahen ihn bei 73 Prozent, Poroschenko dagegen nur bei 25 Prozent der Stimme. Einige Wahlzettel waren ungültig.

Der Fernsehstar kündigte an, sich zuerst um den Krieg im Osten der Ukraine kümmern zu wollen. «Wir werden die Verhandlungen fortsetzen und bis zum Ende gehen, damit das Feuer eingestellt wird», sagte er in Kiew. Wichtigste Aufgabe sei es, seine Landsleute aus der Gefangenschaft aus Russland und der Ostukraine zu befreien.

Seit 2014 kämpfen in den Gebieten Donezk und Luhansk Regierungssoldaten gegen prorussische Separatisten. Rund 13.000 Menschen sind dabei nach UN-Angaben getötet worden. Der unter anderem durch deutsche Vermittlung ausgehandelte Minsker Friedensplan steckt seit Jahren fest. Selenskyj sprach sich dafür aus, den Friedensprozess rasch wiederzubeleben.

Die Wahl ist in mehrfacher Hinsicht historisch: Mit Selenskyj kommt in dem Land zwischen der EU und Russland erstmals ein Staatsoberhaupt ohne jedwede Regierungserfahrung ins Amt. Es wäre auch das höchste Ergebnis, das je ein Präsident der unabhängigen Ukraine erzielt hat. Selenskyj, der jüngste Präsident der ukrainischen Geschichte, strebt wie Poroschenko einen EU-Beitritt an. Über einen umstrittenen Nato-Beitritt der Ukraine soll eine Volksabstimmung entscheiden.

Dagegen musste der zuletzt noch in Berlin von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) empfangene Poroschenko nach fünf Jahren im Amt eine Niederlage hinnehmen. Er hatte einen antirussischen Wahlkampf geführt. Poroschenko warnte davor, dass der russische Präsident Wladimir Putin sich das Land unterwerfen wolle. Selenskyj wies dabei Vorwürfe zurück, eine russische Marionette zu sein. Viele sahen in der Linie Poroschenkos ein Manöver, um von den schweren innenpolitischen Problemen - wie der Armut - abzulenken.

Am Wahlabend gratulierte Poroschenko dem Sieger telefonisch. Er werde zwar das Amt, aber nicht die politische Bühne verlassen, sagte er. Mit seiner Partei wolle er eine starke Opposition bilden. «Ich werde weiter in der Politik bleiben und für die Ukraine kämpfen», sagte der scheidende Präsident. Der Oligarch Poroschenko war nach den proeuropäischen Protesten auf dem Maidan - dem Unabhängigkeitsplatz - in Kiew vor fünf Jahren der große Hoffnungsträger der EU und der USA.

In Moskau sprach der prominente russische Außenpolitiker Konstantin Kossatschow von einer «krachenden Niederlage» für Poroschenko. Es sei noch zu früh, mit dem Sieg Selenskyjs Hoffnungen zu verbinden, sagte er der Agentur Interfax zufolge. Aber Russland wünsche ihm, dass er ein eigenständiger Präsident eines unabhängigen Landes werden könne. Die Abstimmung zeige, dass die Menschen sich mit ihren innenpolitischen Problemen beschäftigen wollten, sagte der Chef des Auswärtigen Ausschusses im russischen Föderationsrat. Eine Sprecherin des Außenministeriums in Moskau meinte, dass es nun eine Chance für einen Neustart in der Ukraine gebe.

Der in seiner Heimat gefeierte Showstar Selenskyj spielt seit Jahren einen Präsidenten der Comedy-Serie «Sluha Narodu» - zu Deutsch: Diener des Volkes. Wie in der Serie des Fernsehsenders 1+1, in der ein Geschichtslehrer überraschend Staatschef wird, will er nun als «einfacher Mensch», wie er sagt, das von Korruption geprägte System in seiner Heimat zerstören. «Ich werde euch niemals hinters Licht führen», versprach er am Abend.

Kritiker werfen dem Komiker vor, ein Populist ohne echtes Programm für die Zukunft des Landes zu sein. Immer wieder Thema ist auch Selenskyjs Nähe zu dem Oligarchen Igor Kolomoiski, der mit seinem TV-Kanal 1+1 Stimmung gegen Poroschenko machte.

Das zwischen ukrainischen Nationalisten und russlandfreundlichen Bevölkerungsteilen hin und her gerissene Land zu einen, dürfte zu den schwierigsten Aufgaben für den neuen ukrainischen Präsidenten gehören. Viele Menschen hoffen besonders auf mehr Wohlstand - vor allem auf steigende Löhne und Renten sowie sinkende Lebenshaltungskosten.

Selenskyjs Sieg war zwar nach Umfragen der vergangenen Wochen erwartet worden. Der studierte Jurist hatte erst in der Neujahrsnacht seinen Wechsel in die Politik bekanntgegeben. Seinen Wahlkampf führte er vor allem in den sozialen Netzwerken mit markigen Videos.

Unklar ist aber, wie er die hohen Erwartungen der Bevölkerung erfüllen kann. Er stützt sich zwar auf eine nach seiner Fernsehsendung benannte Partei. Vertreten ist diese aber bisher nicht im Parlament. Selenskyj wäre damit auch der erste Präsident ohne eine eigene Machtbasis. Bis zum Amtsantritt hat er noch einige Wochen Zeit. Er hält es für möglich, dass er angesichts unklarer Machtverhältnisse in der Obersten Rada die eigentlich für Oktober vorgesehene Parlamentswahl vorzieht.

Soziologen hatten im Vorfeld immer wieder von einer Protestwahl gegen den schwerreichen Poroschenko gesprochen, der unter anderem ein Süßwarenimperium besitzt. Auch Selenskyj hatte Poroschenko vorgeworfen, er sei im höchsten Staatsamt immer reicher geworden. Dagegen sei das Land noch weiter verarmt. Poroschenko war vor fünf Jahren nach dem Sturz des nach Russland geflüchteten ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch damals im ersten Wahlgang mit knapp 55 Prozent der Stimmen gewählt worden.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
21. 04. 2019
21:56 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Auswärtiges Amt Außenministerien Bundeskanzlerin Angela Merkel CDU Deutsche Presseagentur Emmanuel Macron Europäische Union Interfax Kanzler Kriege Lebenshaltungskosten Nato OSZE Petro Poroschenko Präsidenten Russlands Regierungschefs Reporter ohne Grenzen Sergej Lawrow Soziale Netzwerke Staatsoberhäupter Twitter Ukrainische Staatspräsidenten Wladimir Wladimirowitsch Putin
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Ukraine Konflikt

02.10.2019

Hoffnungen auf neue Friedensgespräche im Ukraine-Konflikt

Seit Jahren herrscht Krieg im Osten der Ukraine. Nun gibt es eine Einigung für einen Sonderstatus. Damit wachsen die Hoffnungen auf neue Friedensgespräche. In Kiew selbst sehen das viele skeptisch. » mehr

Donald Trump

28.09.2019

US-Demokraten machen Druck auf Außenministerium

Die Vorwürfe gegen Donald Trump sind gewaltig. Aber lassen sie sich auch beweisen? Die US-Demokraten arbeiten fieberhaft an ihren Untersuchungen. Trump zeigt weiter mit dem Finger auf einen von ihnen. » mehr

Selenskyj kommt nach Berlin

18.06.2019

Ukraine will mehr Druck auf Russland - Merkel nicht

Im ukrainischen Wahlkampf hat Kanzlerin Merkel den Präsidentschaftskandidaten Selenskyj noch geschnitten. Bei seinem ersten Deutschlandbesuch als Staatschef trägt er ihr das nicht nach. Er hat aber einen konkreten Wunsch... » mehr

Maas und Le Drian

30.05.2019

Friedensgespräche für Ostukraine sollen wiederbelebt werden

Fünf Jahre dauert der Konflikt in der Ostukraine nun schon. Genauso lange versuchen Deutschland und Frankreich zu vermitteln. Bisher waren alle Bemühungen ziemlich erfolglos. Das scheint aber kein Grund zu sein, es nicht... » mehr

Handschlag

19.08.2019

Macron macht bei Treffen mit Putin Druck in Ukraine-Krise

Emmanuel Macron spielt schon länger den Vermittler in internationalen Krisen. Nun hat er Wladimir Putin kurz vor dem G7-Gipfel nach Frankreich eingeladen. Der französische Präsident nutzt das Treffen, um für Bewegung in ... » mehr

Flüchtlingskinder

10.10.2019

Türkei gewinnt in Syrien an Boden - Zehntausende flüchten

Schätzungsweise 450.000 Menschen leben in Syrien nahe der türkischen Grenze. Viele von ihnen ergreifen im Zuge der türkischen Offensive die Flucht. Mit den Angriffen am Boden und aus der Luft verschärft sich eine der sch... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lkw kracht auf A 9 in Warnleitanhänger: Fahrer verletzt Gefrees/Münchberg

A9/Münchberg/Gefrees: Lkw kracht in Warnleitanhänger | 17.10.2019 Gefrees/Münchberg
» 25 Bilder ansehen

Michael Mittermeier - Lucky Punch

Michael Mittermeier - Lucky Punch | 16.10.2019 Hof
» 28 Bilder ansehen

"Trails 4 Germany" in Kulmbach

"Trails 4 Germany" in Kulmbach | 14.10.2019 Kulmbach
» 10 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
21. 04. 2019
21:56 Uhr



^