Lade Login-Box.
Topthemen: KinderfilmfestAutonomes Fahren in OberfrankenBilder vom WochenendeBlitzerwarner

Brennpunkte

Lieferengpässe bei Arzneien nehmen zu

Ibuprofen, Schilddrüsenmittel oder Blutdrucksenker - bei manchen Arzneien bleiben immer wieder die Regale in Apotheken leer. Ein Grund sind komplexe Lieferketten auf dem Weltmarkt. Apotheker warnen vor Nachteilen für Patienten.



Medikamenten-Lager
Blick in das vollautomatische Medikamenten-Lager einer Apotheke.   Foto: Andreas Arnold/dpa

Eine stockende Versorgung bei gängigen Medikamenten wird für Apotheken und Patienten zu einem immer größeren Problem.

«Lieferengpässe bei Schilddrüsenarzneien, Arzneien gegen Gicht oder Schmerzmitteln wie Ibuprofen sind ein dauerndes Ärgernis», sagt Mathias Arnold, Vizepräsident der Apothekervereinigung ABDA. Auch der Rückruf des Blutdrucksenkers Valsartan nach einer Verunreinigung habe 2018 zu einem Mangel in den Apotheken geführt und normalisiere sich erst langsam. «Die Lieferengpässe haben in den vergangenen Jahren zugenommen.»

Zwar lassen sich viele knappe Arzneien durch andere Medikamente ersetzen, doch das bleibe nicht ohne Folgen, warnt Arnold. «Das sind nicht die Mittel, auf die die Patienten eingestellt sind und nicht zwingend die, die sie am besten vertragen.»

Hormone in Schilddrüsenmedikamenten etwa würden in Mini-Dosierungen verabreicht. «Wenn Firma B die Pillen anders presst, macht das schon einen Unterschied.» Patienten müssten dann von ihrem Arzt anders eingestellt werden. Auch bei Apothekern kosten Lieferengpässe Zeit: Helfen eine größere Packung oder doppelt so starke Tabletten, die der Patient teilen muss? Muss der Arzt das Rezept ändern? Das zehrt an den Nerven. Für neun von zehn selbstständigen Apothekern zählen Lieferengpässe zu den größten Ärgernissen im Alltag, so die ABDA.

Laut dem Apothekerverband hat sich die Zahl der nicht verfügbaren Rabattarzneien fast verdoppelt: Von 4,7 Millionen Packungen 2017 auf 9,3 Millionen im vergangenen Jahr. Jedes 50. dieser Mittel sei von Lieferengpässen betroffen - also mehr als zwei Wochen nicht verfügbar oder deutlich stärker nachgefragt als angeboten.

Gründe für Lieferengpässe gibt es viele. So herrscht im globalen Gesundheitswesen Kostendruck. Viele Pharmakonzerne lassen laut ABDA Wirkstoffe in Fernost herstellen - etwa Antibiotika in China und Indien. Dort konzentriert sich die Produktion auf wenige Betriebe, wie der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) erklärt. Die Folge: Steht die Produktion zeitweilig still oder kommt es wegen Verunreinigungen zu Arznei-Rückrufen, hakt es in der Lieferkette.

«Kein Hersteller hält bewusst Arzneimittel knapp oder gibt nur vor, lieferunfähig zu sein», betont der BPI. Jeder Lieferengpass sei ein Vertrauensverlust und Imageschaden, was zu Umsatzrückgängen führe.

Sind nun Arzneien in großem Stil knapp? Drohen Patienten ernsthafte Gesundheitsgefahren? Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sieht keinen Grund, Alarm zu schlagen. Die Behörde hat derzeit knapp 290 Meldungen über Lieferengpässe bei Medikamenten erfasst - bei rund 103 000 zugelassenen Arzneimitteln in Deutschland.

Zwar gebe es «eine kontinuierliche Steigerung der Lieferengpass-Meldungen», erklärte das Institut. Die Zahlen ließen sich aber nicht mit den Vorjahren vergleichen, da sich die Datengrundlage geändert haben. Zudem gibt es keine Pflicht, Lieferengpässe bei Arzneien zu melden - wohl aber einen Trend zu mehr freiwilligen Angaben. Ohnehin sei ein Lieferengpass noch lange kein Versorgungsengpass. Gemessen an allen Meldungen entstünden Versorgungsengpässe «relativ selten.»

Die Apotheker aber fordern politische Lösungen wie mehr Anreize für eine stärkere Wirkstoffproduktion in Europa. Auch kritisieren sie Rabattverträge zwischen Krankenkassen und Herstellern. Dabei bekommen Kassen von Pharmafirmen Preisnachlässe für garantierte Mindestabnahmen. Doch damit sind Apotheken darauf beschränkt, je nach Kasse des Patienten nur ein Medikament bestimmter Arzneifirmen abzugeben. «Wenn es zu Problemen bei einem Hersteller kommt, stehen kaum Alternativen zur Verfügung», sagt Arnold. Der Vorschlag der Apotheken: Die Rabattverträge müssten sicherheitshalber auf eine breitere Basis mit mehreren Pharmaherstellern gestellt werden.

Die Krankenkassen sehen das anders. Rabattverträge seien für «Effizienzreserven» im Gesundheitssystem nach wie vor unentbehrlich, erklärt der GKV-Spitzenverband, die Lobby der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen. Allein 2018 hätten Rabattverträge die Arzneiausgaben der Kassen um 4,5 Milliarden Euro gesenkt. Auch könnten Pharmahersteller so besser planen. Überhaupt werde die Rolle von Rabattverträgen bei Lieferengpässen überschätzt. «Dafür ist das deutsche Pharmageschäft viel zu klein.» Hersteller agierten global.

ABDA-Vizepräsident Arnold sieht noch ein Mittel: Ein Exportverbot lebensnotwendiger Arzneien, bei denen Knappheit herrsche. Oft würden Medikamente aus Deutschland nach Großbritannien oder Schweden verkauft, wo die Arzneipreise höher sind. «Das Problem ist, dass die Arzneipreise reguliert sind, aber der Handel ist frei.»

Veröffentlicht am:
17. 11. 2019
09:37 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Apotheken Bluthochdruckmedikamente Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände Medikamente und Arzneien Medizinprodukte Pharmafirmen Pharmakonzerne Produktionsunternehmen und Zulieferer Schmerzmittel Tabletten Valsartan
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Gesundheits-App

07.11.2019

Gesundheits-Apps kommen bald auf Rezept

Beim Arztbesuch läuft oft noch viel auf Papier. Die große Koalition will deswegen Tempo machen, um endlich einen Durchbruch für die Digitalisierung zu schaffen. Geht das für manche auch zu schnell? » mehr

Medikamente

17.09.2019

Magen-Medikamente mit Wirkstoff Ranitidin zurückgerufen

In der Europäischen Union werden einige Medikamente mit dem Wirkstoff Ranitidin zurückgerufen. Im Rahmen einer vorsorglichen Untersuchung seien in ranitidinhaltigen Arzneimitteln geringe Spuren des Stoffes N-Nitrosodimet... » mehr

Sterbehilfe

13.01.2020

Neuer Streit um Kauf-Erlaubnis für Suizidmittel

Manche Patienten wenden sich an die Behörden, weil sie ihr Leben mit speziellen Medikamenten beenden wollen. Wie soll sich der Staat da verhalten? Eine schon länger geltende Weisung sorgt für Kritik. » mehr

Frauen gewinnen Prozess gegen US-Konzern

21.11.2019

Scheiden-Implantate: Prozess-Niederlage für Pharmakonzern

Das Produkt sollte Frauen nach der Geburt helfen. Viele jedoch klagen, es habe Schmerzen und Probleme nur schlimmer gemacht. Eine Frau fühlte sich, «als ob ich eine Rasierklinge in der Vagina hätte». » mehr

Großrazzia

17.12.2019

Großrazzia bei Ärzten und Apothekern in Norddeutschland

Der Betrugsschaden soll in Millionenhöhe liegen. Ärzte, Apotheker und Pharma-Manager sollen beim lukrativen Geschäft mit Krebsmedikamenten gemeinsame Sache gemacht haben. Mit einer Großrazzia in und um Hamburg gehen die ... » mehr

Apotheke am Viktualienmarkt

19.01.2020

Apotheke wirbt für «drogen» - meint aber was anderes

Eine Münchner Apotheke will einen aus Sicht vieler Kunden verwirrenden Schriftzug an ihrer Fassade ändern. «drogen» steht über der Löwen-Apotheke am Viktualienmarkt - neben «homöopathie». » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Auftaktveranstaltung zum Klimaschutz

Klimaschutz-Auftakt | 22.01.2020 Hof
» 36 Bilder ansehen

Faschingsgilde Marktredwitz-Dörflas Marktredwitz

Gala-Abend Faschingsgilde in Marktredwitz | 18.01.2020 Marktredwitz
» 37 Bilder ansehen

EV Lindau - Selber Wölfe 3:2 Lindau

EV Lindau - Selber Wölfe 3:2 | 19.01.2020 Lindau
» 42 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
17. 11. 2019
09:37 Uhr



^