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Missbrauchsfall Bergisch Gladbach vor Gericht

Kindesmissbrauch hat es schon immer gegeben. Verändert haben sich die Mittel: Das Netz bietet den Tätern Schutz, um sich auszutauschen und zu verabreden - zumindest glauben sie das. Kein Fall steht dafür so, wie der eines Mannes aus Bergisch Gladbach. Nun steht er vor Gericht.



Prozess im Missbrauchsfall Bergisch Gladbach
Die Anklage wirft dem 43-jährigen Deutschen vor, seine 2017 geborene Tochter immer wieder sexuell missbraucht zu haben.   Foto: Oliver Berg/dpa

Als der Angeklagte den Saal 210 des Kölner Landgerichts betritt, zittert die Hand, mit der er sich einen roten Schnellhefter vor das Gesicht hält.

Die Bühne, die ihn am Morgen erwartet, ist ganz anders, als die Welt, in der er seine Taten begangen haben soll: Es herrscht maximale Öffentlichkeit. Eine Traube aus Fotografen und Kameramännern erwartet Jörg L. - ein Andrang, den selbst das hartgesottene Kölner Gericht nicht oft erlebt. Was er getan haben soll, wird ihm in einer mehr als einstündigen Anklage referiert: dutzendhafter Missbrauch seiner erst 2017 geborenen Tochter. Im Geheimen. Dann, wenn seine Frau fort und er alleine mit dem Mädchen gewesen sei. Am Wickeltisch, auf dem Ehebett, im Planschbecken.

Jörg L. steht stellvertretend für den sogenannten Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach, daher das große Interesse. Der Fall erstreckt sich mittlerweile auf ganz Deutschland - eine Durchsuchung bei dem Koch und Hotelfachmann im Herbst 2019 brachte ihn ins Rollen. Polizisten fanden riesige Mengen kinderpornografischen Materials. Und sie stießen auf digitale Kontakte zu anderen Männern, die in einer Parallelwelt im Netz Bilder und Videos von Kindesmissbrauch austauschen - im Vertrauen darauf, unter sich zu bleiben. Mittlerweile gehen Ermittler Spuren zu Tausenden Verdächtigen nach.

Ein weiterer Grund für die Bedeutung des Prozesses sind die massiven Vorwürfe gegen den 43-Jährigen. Insgesamt 79 Taten werden ihm zur Last gelegt. Die meisten betreffen den Missbrauch seiner sehr kleinen Tochter im Einfamilienhaus in Bergisch Gladbach, in dem die Familie gemeinsam lebte. Den Großteil der Taten soll er mit seinem Smartphone dokumentiert haben, um die Bilder und Videos später an gleichgesinnte Männer zu verschicken.

Staatsanwältin Clémence Bangert trägt Details vor, bei denen Beobachtern im Saal der Atem stockt. Etwa, wenn sie beschreibt, wie das Mädchen laut weinend die Worte «Mama! Nein!» und «Aua!» rief und sich wehrte, während der Vater ihre Gliedmaßen zurecht gedrückt habe, um den Missbrauch besser filmen zu können. Umso länger Bangert liest, desto verstörender wird es. Am Ende kommt sie zu Taten, die der Angeklagte gemeinsam mit einem seiner Chat-Partner begangen haben soll - der gemeinsame Missbrauch von anvertrauten Kindern, etwa in einer angemieteten Suite mit Whirlpool und Sauna.

Der Deutsche - kahl rasierter Kopf, gestutzter Bart - verfolgt das Gesagte stumm. Im Herbst 2019 wurde er festgenommen, damit endet der Zeitstrahl von Vorwürfen, die im Säuglingsalter seiner Tochter begannen. Vor dem Gericht liegt nun viel Arbeit. Die Anordnung einer Sicherungsverwahrung steht im Raum. Der Angeklagte, dem bis zu 15 Jahre Freiheitsstrafe drohen, wird durch einen psychiatrischen Sachverständigen begutachtet. Am Montag kann endlich richtig verhandelt werden - in der Vorwoche kam noch ein Brand dazwischen.

Dass die Ermittler eine so umfassende Anklage verfassen konnten, liegt an dem umfangreichen Datenmaterial, das sie sicherstellen konnten - Bilder und Videos. «Es ist schon schwer erträglich», sagt der Sprecher der Kölner Staatsanwaltschaft, Ulrich Bremer. Aber es gelte, professionell zu bleiben. In Köln hat sich eine Ermittlergruppe unter großer Belastung tief in die Szene eingegraben.

Jörg L. soll bereits geholfen haben, Chat-Partner zu identifizieren. Am Montag erklärt er zudem, sich zu den Vorwürfen einlassen zu wollen. Dafür wird aber auf Antrag der Anwältin, die seine Frau und seine Tochter vertritt, die Öffentlichkeit aus dem Saal gebeten. Sie will das Mädchen schützen, wenn die vorgeworfenen Taten im Detail erörtert werden. Auch die Aussage der Mutter soll später ohne Presse erfolgen.

Draußen vor dem Gericht hat sich unterdessen Markus Diegmann mit seinem Wohnmobil positioniert. Er ist selbst Opfer sexuellen Missbrauchs geworden, wie er berichtet - nun fährt er seit vier Jahren umher, um auf das Thema aufmerksam zu machen. Er sagt, dass sei seine Strategie, mit dem «Fluchttrieb» umzugehen, den er nun in sich trage. Die Öffentlichkeit, die der Missbrauchsfall Bergisch Gladbach erlebt, Diegmann hätte sie sich schon länger gewünscht.

© dpa-infocom, dpa:200817-99-195595/4

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Veröffentlicht am:
17. 08. 2020
22:51 Uhr

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17. 08. 2020
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