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Missbrauchsskandale: Druck auf den Papst wächst

Für Papst Franziskus und die katholische Kirche steht viel auf dem Spiel. Was kann die beispiellose Anti-Missbrauchskonferenz in Bewegung setzen? Vorschläge und Appelle gibt es viele, wie Missbrauch verhindert und aufgearbeitet werden kann. Konkret ist wenig.



Papst Franziskus
Papst Franziskus nimmt an einem Bußgottesdienst am dritten Tag des Gipfeltreffens der Katholischen Kirche zum Thema Missbrauch teil.   Foto: Vincenzo Pinto » zu den Bildern

Der deutsche Kardinal Reinhard Marx hat beim Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan ein Ende der Geheimniskrämerei um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche gefordert.

Offen prangerte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz am Samstag auch Vertuschung und Machtmissbrauch an: «Akten, die die furchtbaren Taten dokumentieren und Verantwortliche hätten nennen können, wurden vernichtet oder gar nicht erst erstellt.» Nötig seien nun Fakten und Offenheit.

Kurz vor dem Ende des viertägigen Spitzentreffens wächst der Druck auf den Papst. Bei einem Bußgottesdienst verlangte er, «die Situationen in unseren Ländern, unser eigenes Handeln, ehrlich in den Blick zu nehmen». Während der Zeremonie bekannten sich die Bischöfe dazu, dass sie ihrer Verantwortung oft nicht gerecht geworden seien, «dass wir gesündigt haben in Gedanken, Worten und Taten, in dem, was wir getan und unterlassen haben».

In drei Tagen Konferenz gab es viele Schuldeingeständnisse; es stehen viele Ideen und Vorschläge im Raum. Doch greifbar ist wenig. Kardinal Marx sieht auch den Papst in die Pflicht, diese zu klaren Ergebnissen zu bündeln. «Dazu erwarte ich mir doch auch eine Hilfe des Heiligen Stuhls», sagte er. Franziskus wird zum Ende des Gipfels an diesem Sonntag eine Rede halten, die mit Spannung erwartet wird.

Bindende Beschlüsse können die insgesamt 190 Teilnehmer der Konferenz nicht fassen. Auch eine Abschlusserklärung war nicht vorgesehen. Es sei jedoch ein vorläufiges Praxishandbuch mit Fragen und Antworten zustande gebracht worden, sagte der maltesische Erzbischof Charles Scicluna, der für den Vatikan in Missbrauchsfällen ermittelt. «Die Bischöfe möchten wissen, was zu tun ist» - im Falle einer Anklage oder Anzeige.

Opfervertreter zeigten sich enttäuscht und auch wütend über den Verlauf. Die Spitze des Vatikans weigere sich, klare Richtlinien und Vorgaben für die Weltkirche zu machen, sagte Matthias Katsch vom deutschen Opferschutzverband Eckiger Tisch. «Die katholische Kirche hat nicht mehr viel Zeit. Das Zeitfenster, in dem sie noch handeln kann und nicht wirklich zur Getriebenen wird, das schließt sich.»

Katsch demonstrierte am Samstag zusammen mit mehreren Dutzend Missbrauchsopfern aus aller Welt in Rom für eine konsequente Verfolgung der Täter. Die Kirche müsse es schaffen, sich eindeutig von Tätern und Vertuschern zu distanzieren, forderte er.

Der Katalog an Forderungen ist lang. Das Kirchenrecht müsse geändert werden, damit pädophile Geistliche nicht mehr als Priester arbeiten dürfen. Auch eine neutrale Kommission für die Aufklärung von Missbrauchsfällen, Gewaltenteilung, unabhängige Berater an der Seite von Bischöfen und stärkere Zusammenarbeit mit staatlichen Ermittlern werden verlangt. Was der Missbrauch mit den Opfern macht, führte ein junger Mann im Bußgottesdienst vor Augen: «Missbrauch jeder Art ist die schlimmste Demütigung, die man einem Menschen zufügen kann. (...) Was am meisten wehtut ist die Gewissheit, dass dich niemand verstehen kann. Dieses Gefühl wird dich ein Leben lang begleiten.»

«Wir müssen uns eingestehen, dass uns unsere Mittelmäßigkeit, Scheinheiligkeit und Selbstgefälligkeit an diesen schändlichen und skandalösen Punkt geführt haben, an der wir uns als Kirche befinden», mahnte die nigerianische Ordensschwester Veronica Openibo in der Synodenaula. «Zu oft wollen wir ruhig bleiben, bis der Sturm vorüberzieht! Dieser Sturm wird nicht vorüberziehen. Unsere Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel.»

Für Glaubwürdigkeit sei Transparenz entscheidend, sagte Marx. Damit sei nicht die «disziplinlose Verbreitung von Missbrauchsvorwürfen» gemeint. Vielmehr müsse die Kirche Vorwürfe klären und konkretisieren und die Öffentlichkeit, die Behörden und die römische Kurie zu gegebener Zeit darüber informieren. Ein Gebot zu besonderer Geheimhaltung sieht er bei Missbrauchsfällen nicht: Es gebe keine Gründe, warum diese unter das päpstliche Geheimnis fallen sollten, sagte Marx.

Sexueller Missbrauch durch Geistliche wurde in der Vergangenheit in vielerlei Hinsicht vertuscht - auch in Deutschland. Aus der von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen und im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie geht hervor, dass in einigen deutschen Bistümern Akten «mit Bezug auf sexuellen Missbrauch Minderjähriger in früherer Zeit vernichtet worden waren». Marx ermunterte die Teilnehmer der Konferenz, Akten «ordentlich aufzuarbeiten».

Insgesamt müsse die Kirche vier Maßnahmen ergreifen: Vertraulichkeit und Geheimhaltung neu definieren, ihr Rechtssystem öffentlichen Standards anpassen, Zahlen und Einzelheiten zu Missbrauchsfällen öffentlich melden und gerichtliche Verfahren veröffentlichen. Fakten könnten Vertrauen stiften, betonte Marx. «Institutionelles Misstrauen führt zu Verschwörungstheorien bezüglich einer Organisation und Legendenbildung über eine Organisation.»

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Veröffentlicht am:
23. 02. 2019
19:53 Uhr

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