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Mutmaßlicher Frankfurt-Täter wurde psychiatrisch behandelt

Gewaltausbruch und psychiatrische Behandlung: Nach dem Tod eines Jungen im Frankfurter Hauptbahnhof werden Details zum Tatverdächtigen bekannt. Warum er aber das Kind vor einen ICE stieß, bleibt unklar. Die Konsequenzen der Tat beschäftigen den Bundesinnenminister.



Haftvorführung
Der Tatverdächtige wird in Frankfurt dem Haftrichter vorgeführt.   Foto: Christoph Reichwein » zu den Bildern

Nach der tödlichen Attacke auf einen Achtjährigen im Frankfurter Hauptbahnhof ist mehr über den mutmaßlichen Täter bekannt geworden.

Der 40-jährige Eritreer, der den Jungen am Montag mit einem Stoß vor einen einfahrenden ICE getötet haben soll, lebte seit 2006 in der Schweiz, war verheiratet und Vater von drei Kindern, wie eine Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft am Dienstag sagte.

Laut Züricher Polizei war der Mann in diesem Jahr in psychiatrischer Behandlung. Vergangene Woche kam es dann zu einer Gewalteskalation, und der Mann floh aus der Schweiz. Hinweise auf eine Radikalisierung fanden die Ermittler nach eigenen Angaben nicht.

Die Ermittler in Deutschland und der Schweiz verkündeten am Dienstag nach und nach ihre ersten Ergebnisse - wie ein Puzzle fügten sich die Informationen zusammen. Laut der Kantonspolizei Zürich sperrte der 40-jährige Mann vergangenen Donnerstag seine Ehefrau und die drei gemeinsamen Kleinkinder im Alter von ein, drei und vier Jahren sowie eine Nachbarin in ihren Wohnungen in Wädenswil ein.

Zuvor hatte er demnach die Nachbarin angegriffen und sie verbal sowie mit einem Messer bedroht. Daraufhin sei er in der Schweiz zur Festnahme ausgeschrieben gewesen, sagte Bundespolizeipräsident Dieter Romann in Berlin bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und BKA-Präsident Holger Münch.

Das Motiv für die Tat blieb weiter unklar. Am Montag hatte der Verdächtige einen achtjährigen Jungen und dessen Mutter vor einen einfahrenden ICE gestoßen. Der Junge starb noch im Gleisbett, die Mutter konnte sich retten und wurde verletzt. Eine dritte Person, die der 40-Jährige auch attackiert hatte, brachte sich in Sicherheit.

Seehofer zufolge reiste der Tatverdächtige «offensichtlich legal» nach Deutschland ein. Es sei davon auszugehen, dass der Mann an der Grenze nicht kontrolliert wurde, sagte Romann. «An der Grenze zur Schweiz gibt es auch keine reguläre Grenzkontrolle.» Laut Frankfurter Staatsanwaltschaft gab der 40-Jährige an, vor wenigen Tagen von Basel mit dem Zug nach Frankfurt gefahren zu sein. In Deutschland war er demnach bislang nicht polizeibekannt.

Wie Bundespolizeipräsident Romann berichtete, war der Mann 2006 unerlaubt in die Schweiz eingereist und hatte dort Asyl beantragt, was ihm zwei Jahre später gewährt wurde. «Er besitzt seitdem in der Schweiz die Niederlassungsbewilligung der Kategorie C, das heißt gut integriert», sagte Romann. Der Verdächtige sei einer festen Arbeit nachgegangen, «aus Sicht der Ausländer- und Asylbehörden in der Schweiz vorbildlich». Er sei in Publikationen als Beispielfall gelungener Integration genannt worden, sagte Seehofer.

Der Gewaltausbruch vergangene Woche sei für die Ehefrau und die Nachbarin überraschend gewesen, teilte die Schweizer Polizei mit. «Sie sagten übereinstimmend aus, dass sie ihn noch nie so erlebt hätten», sagte ein Polizeisprecher. Der 40-Jährige arbeitete den Angaben zufolge seit Januar 2019 nicht mehr. Er war wegen psychischer Probleme krankgeschrieben. Vor dem Vorfall vom 25. Juli war der Tatverdächtige der Polizei nur wegen eines geringfügigen Verkehrsdelikts bekannt.

Gegen den Mann wurde am Dienstag Haftbefehl erlassen. Ihm wird Mord und versuchter Mord in zwei Fällen vorgeworfen. Hinweise, dass der Mann unter Alkohol oder Drogeneinfluss gestanden habe, hat die Staatsanwaltschaft eigenen Angaben zufolge bislang nicht. Eine erste Atemkontrolle auf Alkohol nach der Tat habe 0,0 Promille ergeben, sagte die Sprecherin.

Seehofer betonte, obwohl die allgemeine Kriminalität zurückgehe, sei das Sicherheitsgefühl in Deutschland derzeit «sehr angespannt». Es werde jetzt ein Spitzengespräch, vermutlich auch mehrere, zwischen seinem Ressort, dem Bundesverkehrsministerium und der Deutschen Bahn AG zu der Frage geben, wie sich die Sicherheit an Bahnhöfen erhöhen lasse.

Seehofer verlangte eine größere Polizeipräsenz an Bahnhöfen. Außerdem müsse man technische Möglichkeiten zur Verbesserung der Sicherheit prüfen - «und zwar vorurteilsfrei». Geld dürfe dabei keine Rolle spielen. Der CSU-Politiker erneuerte seine Forderung nach einer stärkeren Videoüberwachung im öffentlichen Raum.

Am Tatort herrschte am Dienstag Entsetzen . Zahlreiche Menschen legten am Bahnsteig 7 des Hauptbahnhofs Blumen, Kerzen und kleine Teddybären nieder. Bei einer Andacht am Abend erinnerten etwa 400 Menschen auf dem Bahnhofsvorplatz an das getötete Kind. «Wir können nicht glauben, dass ein Leben sinnlos abbricht, das gerade erst begonnen hat», sagte der Leiter der Frankfurter Bahnhofsmission, Carsten Baumann. Er lud die Trauernden ein, sich in ein Kondolenzbuch einzutragen. Pfarrerin Jutta Jekel sagte: «Wir dürfen nicht zulassen, dass jetzt Gedanken von Hass um sich greifen.» Jetzt gelte es, bei den Opfern zu stehen.

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) teilte mit, derzeit sei «nichts wichtiger als Menschlichkeit und Mitgefühl. Jede Instrumentalisierung dieses unfassbaren Mordes verbietet sich. Die übergroße Mehrheit unserer Gesellschaft lässt sich nicht zu Hass aufstacheln.» Sie fügte hinzu: «Wir haben mehrere tausend Bahnhöfe in Deutschland, Millionen Menschen fahren Bahn. Wir sollten über alle Schritte reden, die die Sicherheit wirklich erhöhen und nicht die Freiheit von Menschen über Gebühr einschränken.»

Nach der Attacke äußerten sich mehrere Politiker und Verkehrsexperten. Grüne und FDP mahnten zur Besonnenheit. «Wir sollten einen Moment innehalten und uns fragen, wie wir mit solchen Taten umgehen», erklärte die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt. «Aus furchtbaren Taten und Leid dürfen nicht Hass und Hetze entstehen.» Vertreter der AfD wiesen auf die eritreische Staatsangehörigkeit des mutmaßlichen Täters hin. «Der Staat macht immer wieder deutlich, dass er auch seine Jüngsten nicht mehr schützen kann oder will», sagte der Bundestagsabgeordnete Stephan Protschka.

Aus Sicht der Vorsitzenden der Verkehrsministerkonferenz, Anke Rehlinger (SPD), sind Taten wie in Frankfurt durch Sicherheitsmaßnahmen nicht zu verhindern, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) berichtete.

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Veröffentlicht am:
30. 07. 2019
20:46 Uhr

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30. 07. 2019
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