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Nawalny sieht Putin hinter Vergiftung

Zum ersten Mal seit seiner Vergiftung spricht Kremlgegner Nawalny selbst deutlich aus, wen er für den wahren Schuldigen hält: Putin. Die Antwort aus Moskau lässt nicht lange auf sich warten.



Nawalny
Alexej Nawalny, Oppositionsführer aus Russland.   Foto: Pavel Golovkin/AP/dpa/Archiv

Nach seiner Vergiftung hat der Kremlgegner Alexej Nawalny den russischen Präsidenten Wladimir Putin für die Tat persönlich verantwortlich gemacht.

«Ich behaupte, dass hinter der Tat Putin steht, und andere Versionen des Tathergangs habe ich nicht», sagte er dem Magazin «Der Spiegel». Nur die Chefs der russischen Geheimdienste - Inlandsgemeindienst FSB, Militärgeheimdienst GRU und Auslandsgeheimdienst SWR - hätten Zugriff auf das tödliche Nervengift Nowitschok. Alle stünden unter Putins Befehl.

Der Kreml wies Nawalnys Vorwürfe als «absolut nicht zulässig» zurück. Kremlsprecher Dmitri Peskow sprach von «beleidigenden» Äußerungen gegen Putin, die «auch nicht hinnehmbar» seien. In Russland stehen Beleidigungen des Präsidenten unter Strafe. Zugleich bekräftigte Peskow, dass Russland interessiert sei an einer Aufklärung des Falls um den «Berliner Patienten» - so nennt er Nawalny nur. Der 44-Jährige macht in Berlin eine Reha-Maßnahme, um nach Wochen im Koma und zwölf Kilogramm Gewichtsverlust wieder zu Kräften zu kommen.

Für Ermittlungen in Russland, seien Informationen jener Stellen nötig, die Spuren einer Vergiftung gefunden haben wollten, bekräftigte Peskow. Moskau fordert seit langem Beweise für einen Mordanschlag. Es bezweifelt, dass Nawalny tatsächlich vergiftet wurde und wirft dem Westen eine Inszenierung vor. Peskow lud Nawalny zur Rückkehr ein, um seine Genesung in Russland zu vollenden.

Nach Darstellung Peskows erhält Nawalny direkte Anweisungen des US-Geheimdiensts CIA. «Wahrscheinlich arbeitet nicht der Patient mit den westlichen Geheimdiensten zusammen, sondern die westlichen Geheimdienste arbeiten mit ihm.» Der Kreml hält es auch für möglich, dass westliche Geheimdienste Nawalny vergiftet haben, um Russland an den Pranger zu stellen und dann mit Sanktionen zu belegen.

Ähnlich hatte sich schon kurz nach Veröffentlichung des Interviews Parlamentschef Wjatscheslaw Wolodin, einer der engsten Vertrauen Putins, geäußert. Er meinte sogar in einer Stellungnahme auf der Internetseite: «Putin hat ihm das Leben gerettet.» Das konnte Peskow auf Nachfrage russischer Journalisten so nicht bestätigten. Wegen der CIA-Vorwürfe kündigte Nawalny prompt an, Peskow zu verklagen.

Der Oppositionelle war am 20. August während eines Inlandsflugs in Russland zusammengebrochen. Nach einer Notlandung in der sibirischen Stadt Omsk wurde er zur weiteren Behandlung nach Berlin gebracht. Wochenlang lag er dort im künstlichen Koma. Nach dem Befund eines Bundeswehr-Speziallabors wurde er mit einem Nowitschok-Kampfstoff vergiftet. Das bestätigten auch Labors in Frankreich und Schweden bestätigt. Mit Spannung werden nun die Untersuchungsergebnisse der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) erwartet. Wenn sich alles bestätigt, drohen Russland neue Sanktionen.

Zu der international diskutierten Frage neuer Sanktionen gegen Russland wegen des Einsatzes verbotener Chemiewaffen sagte Nawalny, jede Russland-Strategie müsse «das Stadium des Wahnsinns in den Blick nehmen, das Putin erreicht hat». In der Debatte um einen Baustopp für die Ostseepipeline Nord Stream 2 überlasse er die Entscheidung der deutschen Politik.

Zu dem Attentat am 20. August sagte Nawalny: «Du fühlst keinen Schmerz, aber Du weißt, Du stirbst.» Angesichts der russischen Forderungen, endlich Beweise oder Biomaterial Nawalnys für eigene Untersuchungen vorzulegen, sagte der Kremlgegner, in der Klinik in Omsk müsse ausreichend Blut von ihm entnommen worden sein. In dem Krankenhaus war er nach einer Zwischenlandung notärztlich versorgt worden. Die Ärzte fanden nach damaliger Darstellung kein Gift. Sie sprachen lediglich von einer Stoffwechselstörung.

Wie der «Spiegel» berichtete, kündigte der Putin-Gegner bei einem zweistündigen Redaktionsbesuch in Berlin am Mittwoch auch an, nach Russland zurückzukehren. «Meine Aufgabe ist jetzt, der Typ zu bleiben, der keine Angst hat. Und ich habe keine Angst!» Er werde Putin nicht das Geschenk machen, sich aus dem Kampf zu verabschieden.

Der Fall hat die Spannungen in den deutsch-russischen Beziehungen noch einmal verschärft. Kanzlerin Angela Merkel, die Nawalny in der Klinik besucht hatte, forderte Russland zur Aufklärung auf. Besonders verärgert reagierte Russland auf Außenminister Heiko Maas, der diese Woche in einer Videobotschaft vor der UN-Vollversammlung gesagt hatte, der Fall könne nicht folgenlos bleiben.

Das russische Außenministerium warf Maas eine «feindliche antirussische Linie» vor. Die Äußerungen seien besonders zynisch, weil die deutsche Seite russische Rechtshilfegesuche und Angebote der Zusammenarbeit ignoriere. Es gebe die Gefahr eines Abbruchs der Beziehungen. Russland gelange zu dem Schluss, dass es angesichts «des Verhaltens Deutschlands und seiner Verbündeten in der EU und NATO unmöglich ist, mit dem Westen noch irgendetwas zu tun zu haben, bis er die Methoden der Provokation einstellt und damit beginnt, sich ehrlich und verantwortlich aufzuführen.»

Außenminister Sergej Lawrow warf Berlin vor, nur noch in einer Sprache der Vorwürfe, Drohungen und Ultimaten mit Moskau zu sprechen. Dabei gerieten die historischen Beziehungen beider Länder aus dem Blick, meinte er anlässlich des geschichtlichen Diskussionsforums «Wegmarken der deutsch-sowjetischen Beziehungen». Noch aber gebe es die Chance, das Verhältnis zu retten.

© dpa-infocom, dpa:201001-99-780253/7

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01. 10. 2020
19:44 Uhr

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