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«Nur kein Krieg» - Menschen in Luhansk hoffen auf Gipfel

Voller Spannung schauen die Menschen im Separatistengebiet Luhansk auf den Ukraine-Gipfel in Paris. Nach mehr als fünf Jahren Kriegszustand haben sie genug vom Chaos. Aber soll die Region künftig zur Ukraine gehören, zu Russland - oder eigenständig sein?



Luhansk
An einem Kontrollpunkt zwischen dem ukrainischen Regierungsgebiet und der Separatistenregion Luhansk floriert der Handel.   Foto: Ulf Mauder/dpa

An diesem tristen Wintertag in Luhansk sticht eine Leuchtreklame als Farbfleck in der Separatistenmetropole hervor: «Lebe und gedeihe, geliebte Republik» steht an einer Fassade. Gemeint ist die nicht anerkannte Volksrepublik Luhansk (LPR).

Sie hat eine hellblau-blau-rote Fahne, ein Wappen mit Sowjetstern und den russischen Rubel. Hier im Stadtzentrum schweigen mehr als fünf Jahre nach Beginn des Krieges zwar die Waffen. Es gilt aber weiter Kriegsrecht. Hin und her gerissen zwischen Russland und der Ukraine sehnen sich die Menschen nach Frieden und klaren Verhältnissen.

Im Schneegestöber gibt sich der Rentner Vitali freimütig als LPR-Anhänger. «Ich war 2014 bei den Demonstrationen dabei», sagt der 72-Jährige. Er protestierte damals gegen den Sturz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, nahm teil am so bezeichneten Anti-Maidan, der Gegenbewegung zur proeuropäischen Revolution auf dem Maidan in Kiew. Viele griffen damals zu Waffen, die beim Geheimdienst und der Polizei lagerten, später kam Nachschub aus Russland. Die ukrainische Regierung antwortete mit Panzern und Luftangriffen. Auch Luhansk wurde getroffen. Tausende flüchteten.

Vitali schaut, wie er sagt, hoffnungsfroh auf den Ukraine-Gipfel am 9. Dezember in Paris. Dort treffen unter deutsch-französischer Vermittlung erstmals der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Kremlchef Wladimir Putin zusammen. Es ist auch das erste Mal, dass sich die beiden Präsidenten persönlich treffen werden.

Es wird zugleich ein neuer Versuch, den Krieg zu beenden im Donbass, zu dem auch die nicht anerkannte Volksrepublik Donezk gehört. Ziel des Gipfels ist eine Lösung dieses tiefen Konflikts, der sich nicht zuletzt darum dreht, wie die russischsprachige Region mitbestimmen kann bei ihrer Zukunft. Selenskyj schwebt vor, dass dort im nächsten Herbst gewählt werden soll - wie im Rest des Landes auch.

«Wir müssen nach Russland», sagt der Senior Vitali. Der frühere Hochschulangestellte, der heute von überdurchschnittlichen 9500 Rubel (135 Euro) lebt, erzählt aber, dass sich ein Riss durch seine Familie ziehe. Seine Frau ging in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet nach Charkiw. Sein Sohn, der bei einer Bank arbeitet, zog nach Kiew, wo die Regierung einen EU- und Nato-Beitritt anstrebt. Kontakt haben sie wegen ihrer politischen Positionen kaum noch, wie Vitali sagt.

Die Meinungen, wie der Konflikt zu lösen ist, gehen aber auch bei den Einwohnern der Großstadt auseinander. Auf dem Zentralen Markt sieht Verkäuferin Olga an ihrem Imbiss die Lösung nicht unbedingt in einem Beitritt zu Russland und schon gar nicht als unabhängiger Staat. Die jetzt fast nur noch über Russland importierten Waren seien nicht nur teurer, sondern auch schlechter, sagt sie. «Die ukrainischen Lebensmittel schmecken einfach besser», sagt die 42-Jährige. Sie verkauft Hot Dogs und heiße Getränke. Vor dem Krieg war die Mutter von zwei Söhnen Unternehmerin mit eigenem Laden für Trikotagen. Ukraine oder Russland? «Hauptsache, nur kein Krieg mehr», sagt sie.

Viele wie Olga bleiben hier wegen der eigenen Wohnung. Anderswo wäre es schon wegen der Miete teurer. Fast jeder aber klagt, dass etwa die Bürokratie viel schlimmer geworden sei. Die Gebietsverwaltung tut indes alles, um Tatsachen zu schaffen. Autos erhalten Nummernschilder der Lugansk People's Republic (LPR), es gibt eine eigene Staatsbank. Ukrainisches Fernsehen ist über Kabel nicht zu empfangen. Auch das Internet wird zensiert. Wer ukrainische Webseiten aufrufen will, erhält den Sperrvermerk mit dem «Staatswappen» der LPR.

Am Lenindenkmal, wo gerade der Weihnachtsbaum aufgestellt wird, läuft der Computerfachmann Denis zur Arbeit. «Ich glaube nicht, dass man alles zurückdrehen kann und dass es so wie 2014 wird», sagt der 26-Jährige. Er hofft, dass der Paris-Gipfel den Schwebezustand der Region beenden kann. «Die Jugend will ausgehen, feiern, sich amüsieren», sagt er voller Elan. Da stört die Sperrstunde ab 23.00 Uhr, wenn das Leben auf der Straße abrupt endet.

Auf die von Russland seit einigen Monaten leichter vergebene Staatsbürgerschaft verzichtet er. Nach offiziellen Angaben haben bisher 48.000 Einwohner des Luhansker Gebiets das umstrittene Angebot der Russen angenommen. Nicht viele. «Der russische Pass bietet keine Vorteile. Mit dem ukrainischen kann ich frei reisen», sagt Denis.

Weit hat es Denis nicht in das von der Ukraine kontrollierte Gebiet. Rund zwölf Kilometer von Luhansk entfernt liegen der Kontrollpunkt der Separatisten und eine Fußgängerbrücke. Stanyzja Luhanska heißt der Ort an der entmilitarisierten Frontlinie. Dort beschossen sich vor allem 2014 und 2015 Einheiten der Regierung und der von Russland unterstützten Separatisten. Auch die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) überwacht die brüchige Waffenruhe.

Rote Schilder warnen links und rechts vor Minen. Es ist ein Erbe des Krieges, das die Region auch nach Ende der Kampfhandlungen noch lange beschäftigten wird. Es sind vor allem ältere Menschen, die sich im Regierungsgebiet ihre Rente abholen. Auf der von der Ukraine kontrollierten Seite ist der im Krieg gesprengte Teil der Brücke wieder aufgebaut. Präsident Selenskyj kam selbst vor kurzem zur Einweihung. Der 41-Jährige will, dass hier ein Schaufenster zu einer moderneren Ukraine entsteht.

Das Rote Kreuz bietet ärztliche Untersuchungen an, es gibt WCs, Bänke und nach der Passkontrolle einen Marktplatz mit Händlern, Geldautomaten und provisorischen Behörden. Es soll ein Angebot für die Luhansker sein, ihre Zukunft als Teil der Ukraine zu gestalten.

Der Rentner Alexej, Mitte 70, und seine Frau haben kurz nach dem Ausbruch der Kämpfe Luhansk verlassen, wo er 54 Jahre lebte. Nun sind sie für einen Urlaub mit dem Nachtzug aus Kiew mehr als zehn Stunden gefahren, dann drei Stunden mit einem Minibus, vorbei an mehreren Straßenposten schwer bewaffneter ukrainischer Soldaten. «Ich glaube nicht, dass Putin den Donbass einfach wieder hergibt», sagt Alexej. «Die Region ist landwirtschaftlich interessant für Russland, bei uns wachsen Kirschen, Äpfel und Birnen am Straßenrand.»

Er will mit seiner Frau bei dem Urlaub in der alten Heimat vor allem Verwandte und Bekannte wiedersehen. Aber das Thema Politik wollen sie vermeiden bei den Besuchen. Es gebe viele offene Wunden. Rund 13.000 Menschen verloren nach UN-Angaben in dem Krieg im Donbass ihr Leben. Hunderttausende Ukrainer leiden unter dem Kriegstrauma.

Veröffentlicht am:
08. 12. 2019
11:11 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
08. 12. 2019
11:11 Uhr



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