Lade Login-Box.
Topthemen: 30 Jahre GrenzöffnungBlitzerwarnerVER Selb

Brennpunkte

Späte Reue: Patientenmörder Högel bittet um Entschuldigung

Auch die Verteidigung fordert Lebenslang für den Patientenmörder Högel. Sie kann nicht anders. Zu klar sind Beweise und Geständnisse. Doch ging es bei dem Prozess nie in erster Linie um das Strafmaß.



Niels Högel
Der wegen Mordes an 100 Patienten angeklagte Niels Högel verfolgt die Vorgänge im Gericht.   Foto: Hauke-Christian Dittrich

Der wegen 100 Morden angeklagte Ex-Krankenpfleger Niels Högel hat sich in seinem letzten Wort vor dem Landgericht Oldenburg bei den Angehörigen seiner Opfer entschuldigt. Er sprach am Mittwoch von Reue und Scham.

Es sei ihm während des Prozesses klar geworden, wie viel unendliches Leid er durch seine «schrecklichen Taten» verursacht habe. Ob er die Angehörigen der Opfer im Saal erreichte, darf aber bezweifelt werden.

«Es ist nicht zu leugnen, dass er nicht nur einmal die Unwahrheit gesagt hat», musste selbst seine Anwältin Ulrike Baumann im Rückblick einräumen. Auch sie kam im Plädoyer zu dem Schluss, dass für Högel nur eine Strafe in Betracht kommt: lebenslange Haft.

Allerdings kamen Baumann und ihre Kollegin Kirsten Hüfken zu einer ganz anderen Bewertung der einzelnen Fälle als die Staatsanwaltschaft vor drei Wochen. In 55 Fällen plädierte die Verteidigung auf Mord. In 14 sah sie den Tatbestand eines versuchten Mordes erfüllt. In 31 Fällen lautete dagegen die Forderung Freispruch.

Die Staatsanwaltschaft geht hingegen von 97 Morden des Deutschen aus. Nur in drei Fällen fehle es an hinreichenden Beweisen.

«Weder wir noch Herr Högel leugnen, dass er in vielen Fällen der Täter ist. Dennoch kann er nur für Taten verurteilt werden, die er begangen hat, und nicht für Taten, die er begangen haben könnte», sagte Baumann. Die Verteidigerin betonte Högels positives Aussageverhalten. Er habe sich umfassend eingelassen - freiwillig.

Der 42-jährige, der bereits wegen zweifachen Mordes an Patienten 2015 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde, bestritt in seinem «letzten Wort» ausdrücklich, dass er die Verhandlungen dazu habe nutzen wollen, sich besser darzustellen. «Wie soll das funktionieren, wenn man moralisch auf unterster Stufe steht? Der Prozess sollte niemals eine Bühne sein.» Scham und Reue seien seine ständigen Begleiter - «ob bei Tag oder Nacht».

Am Donnerstag will die Kammer das Urteil sprechen. Sollte das Gericht eine lebenslange Haftstrafe verhängen, werden Högel die bereits verbüßten Jahre im Gefängnis angerechnet. Es wird die Frage zu entscheiden sein, ob das Gericht wie schon 2015 die besondere Schwere der Schuld feststellt und eine Sicherungsverwahrung in Betracht kommt.

In dem Prozess spielte das Strafmaß aber aus Sicht des Strafrechtsexperten Jürgen Möthrath letztlich eine untergeordnete Rolle. «Einen solchen Prozess führt man, weil es ungeklärte Fälle gibt und deren Aufklärung für Opfer und Hinterbliebene ein wichtiger Teil des Prozesses ist, um mit dem Trauma abschließen zu können», sagte Möthrath, Präsident des Deutschen Strafverteidiger Verbandes (DSV), der Deutschen Presse-Agentur.

Der Sprecher der Angehörigen, Christian Marbach, sagte, er hoffe, dass Högel für alle 97 Morde verurteilt werde. Der Ex-Pfleger habe in dem Prozess die Chance verpasst, umfassend zur Aufklärung beizutragen. «Högel ist und bleibt ein Lügner. Er hat taktisch nur das eingeräumt, was ihm ohnehin zu 100 Prozent nachgewiesen werden konnte», sagte er. Marbachs Großvater gehört zu den Opfern, für deren Tod Högel sich schon vor Gericht verantworten musste.

Der frühere Krankenpfleger soll von 2000 bis 2005 an den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst Patienten mit verschiedenen Medikamenten zu Tode gespritzt haben. Dabei brachte er seine Opfer in lebensbedrohliche Lagen, um bei der notwendigen Reanimierung Lob von seinen Kollegen zu bekommen. Viele überlebten das nicht. Wegen des Todes von sechs Patienten auf der Delmenhorster Intensivstation war Högel bereits 2015 zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Dabei wurden ihm zwei Morde zu Last gelegt. Er sitzt in der Justizvollzugsanstalt Oldenburg.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
05. 06. 2019
12:49 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Deutsche Presseagentur Haftstrafen Hinterbliebene Justizvollzugsanstalten Krankenhäuser und Kliniken Landgericht Oldenburg Mord Niels Högel Sicherungsverwahrung Verbrecher und Kriminelle
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Klinikum Oldenburg

26.09.2019

Wer wusste von Högels Morden? Anklage gegen Ex-Vorgesetzte

Jahrelang spritzte Niels Högel Patienten zu Tode - und niemand informierte die Polizei. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass ehemalige Führungskräfte des Klinikums Oldenburg sehr wohl wussten, welche Gefahr von de... » mehr

Prozess

16.05.2019

Anklage will lebenslang für Patientenmörder Högel

Die Liste der mutmaßlichen Todesopfer von Högel ist lang. An die meisten Morde kann er sich nicht mehr erinnern. Doch die Staatsanwaltschaft legt ihm die grausame Rechnung vor, auf der 97 Morde stehen. » mehr

Niels Högel

06.06.2019

Lebenslange Haft für Serienmörder Niels Högel

Die Mordserie dürfte die größte der deutschen Nachkriegsgeschichte sein. Ex-Pfleger Niels Högel tötete so viele Patienten, dass er sich selbst längst nicht an alle erinnern können will. Mit dem Urteil gegen ihn ist der F... » mehr

Strafjustizgebäude in Hamburg

09.09.2019

Bankräuber hält stundenlanges letztes Wort

Stundenlang hält ein Bankräuber vor Gericht sein letztes Wort. Das ist sein gutes Recht als Angeklagter - solange er sich nicht wiederholt oder zu sehr abschweift. Für den 71 Jahre alten Bankräuber vor dem Hamburger Land... » mehr

Lügde-Prozess

05.09.2019

Hohe Haftstrafen und Sicherungsverwahrung im Lügde-Prozess

«Abscheulich, monströs, widerwärtig»: Zwei Männer haben auf einem Campingplatz jahrelang und Hunderte Male Kinder vergewaltigt. Dafür müssen sie nun viele Jahre ins Gefängnis. Auch danach soll die Allgemeinheit vor ihnen... » mehr

Missbrauchsfall Staufen

09.05.2019

Kind in Staufen vergewaltigt - Wie der Fall vor den BGH kam

Ein Kind wird bei Freiburg jahrelang missbraucht und an Männer verkauft. Sieben Täter sowie die Mutter des Opfers werden verurteilt. Vor dem Bundesgerichtshof haben nun Revisionen der Staatsanwaltschaft Erfolg. Es geht u... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Holiday%20on%20Ice-1507.jpg Hof

Holiday on Ice in Hof - Donnerstag | 06.12.2019 Hof
» 21 Bilder ansehen

Q11 MGF pres. Froh und Hacke! Schwingen 06.12.2019

Froh und hacke in Schwingen: Q11 MGF | 07.12.2019 Schwingen
» 65 Bilder ansehen

Selber Wölfe - EV Lindau

Selber Wölfe - EV Lindau | 06.12.2019 Selb
» 31 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
05. 06. 2019
12:49 Uhr



^