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Steinmeier: Beziehungen zu Italien vertiefen

Felice Perani kann seine Tränen kaum unterdrücken. «Deutschland hat mein Leben gerettet», sagt er. Perani war der erste Corona-Patient, der im März von Bergamo nach Leipzig gebracht wurde - und überlebte.



Bundespräsident Steinmeier in Italien
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r) und Sergio Mattarella (l), Präsident von Italien, sprechen mit Felice Perani (M), der am 24.3. als erster Covid-19-Patient von Bergamo nach Leipzig an die Uniklinik gebracht und dort behandelt wurde.   Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa » zu den Bildern

Deutschland und Italien wollen nach den Misstönen zu Beginn der Corona-Krise ihre Beziehungen und Freundschaft wieder vertiefen und ausbauen.

Dies machten Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und sein italienischer Amtskollege Sergio Mattarella am Donnerstag in Mailand deutlich. Steinmeier sagte, sein erster Besuch im Ausland nach der Corona-Krise führe ihn nicht von ungefähr nach Italien und hier nach Mailand.

Er wolle mit seinem Besuch gerade in Norditalien, das besonders von der Corona-Pandemie betroffen war, ein «dreifaches Zeichen» setzen. Es gehe um Anteilnahme für die hier gestorbenen Menschen und deren Angehörigen, es gehe um Solidarität - Deutschland und Italien müssten nicht nur in der Krise zusammenstehen - und es gehe um ein Zeichen des Aufbruchs, um gemeinsam aus der Krise zu finden. Im Mailänder Dom habe er der Corona-Toten gedacht.

Deutschland könne gar nicht «hoch genug einschätzen», wie hier in Italien die «Luftbrücke», mit der schwer erkrankte Patienten nach Deutschland gebracht wurden, «als Zeichen der Solidarität» gesehen werde. Als Steinmeier über den Platz vor dem Dom ging, bekam er spontan Applaus von Passanten. Allein in der Lombardei sind bis heute fast 17 000 Menschen im Zusammenhang mit dem Coronavirus gestorben.

Steinmeier und der italienische Präsident Mattarella kamen in Mailand mit Ärzten, Pflegekräften und Patienten zusammen, um über deren Erlebnisse und Erkenntnisse aus der Krise zu reden. Auch Felice Perani (57) war dabei. Er war den Angaben zufolge der erste italienische Corona-Patient, der am 24. März - todkrank - aus dem besonders hart getroffenen Bergamo in die Leipziger Uniklinik nach Deutschland gebracht worden war.

Er sei im Koma nach Deutschland transportiert worden und habe mit dem Tode gerungen, erzählt Perani. Und er sei behandelt worden wie ein Sohn, wie ein Bruder. Er habe mit Deutschland quasi eine Art Ersatzmutter dazu bekommen. «Dass ich heute noch lebe, verdanke ich Deutschland», erzählt der 57-Jährige, bis ihm die Stimme versagt.

Nach Sachsen kamen insgesamt zwölf Patienten, sagt der Arzt Sven Bercker von der Uniklinik Leipzig, etwa die Hälfte konnte nach seinen Worten gerettet werden. Die Patienten seien während des Transportes beatmet worden. Behandelt werden mussten neben der Viruserkrankung selbst unter anderem Organschäden etwa an Lunge oder Niere. Zudem sei in solchen Fällen eine Kreislauftherapie nötig.

Christian Salaroli, Arzt in Bergamo, machte deutlich, dass nicht jeder Corona-Patient auch in der Lage gewesen sei, den dreistündigen Transport auf sich zu nehmen. Salaroli war von italienischer Seite für Vorbereitungen und Abklärungen von Krankentransporten zuständig gewesen. Es sei eine sehr dramatische Situation gewesen. Bercker wie Salaroli sind sich einig, dass sie auch nach der Krise weiter in Kontakt und Austausch belieben wollen. Doch eine solche Krise sei keine Blaupause für den Alltag.

Steinmeier verwies darauf, dass in der Krise über Städtepartnerschaften viel Hilfe geleistet worden sei. Sie habe von der Geldspende bis zur Anbahnung von Krankentransporten gereicht. Er rief dazu auf, diese deutsch-italienischen Partnerschaften auf kommunaler Ebene wieder zu intensivieren.

Deutschland und Italien seien zwar durch mehr als 400 kommunale Partnerschaften miteinander verbunden. Allerdings befänden sich diese in einem ganz unterschiedlichen Status: Die einen stünden nur noch auf dem Papier, die anderen würden aktiv gelebt. Die Partnerschaften seien auch deswegen wichtig, weil in einer Krise immer wieder Missverständnisse zwischen beiden Seiten hochkommen könnten.

Steinmeier und Mattarella kündigten einen Preis für die kommunale Zusammenarbeit zwischen deutschen und italienischen Gemeinden an. Der Preis ist mit insgesamt 200 000 Euro dotiert. Er wird den Angaben zufolge 2021 in den Kategorien Innovation, Kultur, Jugend und sozialer Zusammenhalt verliehen. Der Oberbürgermeister von Münster, Markus Lewe, sagte in dem Gespräch mit den beiden Präsidenten, ein wichtiges Thema in der Zukunft sei der Klimawandel. Auch da könne auf kommunaler Ebene viel unternommen werden.

Zu Beginn der Corona-Krise hatte es Verstimmungen gegeben, weil Deutschland - wie andere EU-Länder - bei der Versorgung Erkrankter zunächst an sich selbst dachte und weniger an Partnerstaaten. Die Verstimmung legte sich, nachdem Patienten aus überlasteten italienischen Krankenhäusern in deutschen Kliniken behandelt wurden.

Zudem setzte Kanzlerin Angela Merkel (CDU) zusammen mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in der EU ein 750 Milliarden Euro schweres Wiederaufbauprogramm durch. Es sieht nicht nur Kredite vor, sondern auch Zuschüsse gerade für die von dem Coronavirus betroffenen Regionen.

Steinmeier sagte, es sei viel Mut nötig gewesen, um dieses Paket zu schnüren. Das zeige, dass sich in Europa etwas bewegt habe. Er wünschte sich ebenso viel Mut bei anderen Krisen der EU, etwa in der Migrations- und Flüchtlingspolitik. Der Tageszeitung «La Repubblica» (Donnerstag) sagte er: «Letztendlich braucht Europa Einigkeit über zwei Dinge: effektiven Schutz der Außengrenzen, aber auch eine Verständigung über die Aufnahme und Verteilung der Geflüchteten.»

© dpa-infocom, dpa:200917-99-604483/2

Veröffentlicht am:
17. 09. 2020
18:35 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
17. 09. 2020
18:35 Uhr



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