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Brennpunkte

Steinmeier beschwört Zusammenhalt

Corona machte die Pläne für die zentrale Einheits-Party zunichte. Gefeiert wurde dennoch - mit Abstand, Maske und weniger Gästen. Hauptthema in den Reden: das Spannungsverhältnis zwischen Ost und West.



Tag der Deutschen Einheit
Passanten gehen an einem schwarz-rot-goldenen Herz mit der Aufschrift «30 Jahre» vorbei. Potsdam als Brandenburger Landeshauptstadt ist in diesem Jahr Gastgeber der zentralen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit.   Foto: Christoph Soeder/dpa » zu den Bildern

Am 30. Jahrestag der Deutschen Einheit hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Bundesbürger in Ost und West zum Zusammenhalt aufgerufen.

«Unser Land zeigt in diesen Corona-Zeiten, dass wir zusammenstehen, dass wir stark sind und verantwortungsvoll handeln», sagte Steinmeier am Samstag beim zentralen Festakt in Potsdam. «Ja, wir leben heute in dem besten Deutschland, das es jemals gegeben hat.» Er forderte den Abbau von Ungleichheiten. «Beseitigen wir Missstände, wo sie noch bestehen, hören wir vor allen Dingen uns gegenseitig zu, lernen wir voneinander, egal ob im Osten oder Westen, im Norden oder im Süden.»

Die Einheitsfeier stand unter dem Eindruck der Corona-Krise. Ein großes Bürgerfest gab es nicht, zum Festakt kamen weniger Gäste - und alle Besucher mussten Masken tragen sowie Abstand halten. Zu den Gästen zählten unter anderen Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und der Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Stephan Harbarth.

In den Festakt rund 230 Gästen stimmte Moderatorin Anna Loos mit ihrem Song «Startschuss» ein, zwischen den Reden führten Roland Kaiser («Alles was Du willst»), Mia («Tanz der Moleküle) und Mark Forster («Übermorgen») musikalisch durch die drei Jahrzehnte des wiedervereinten Deutschlands. Auf einer Videowand leuchteten Szenen aus den drei Dekaden auf: etwa Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) mit dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow, das Fußball-Sommermärchen 2006, der deutsche Papst Joseph Ratzinger.

Die Kanzlerin forderte Mut: «Wir wissen, wir müssen heute wieder mutig sein», sagte sie. «Mutig, neue Wege zu gehen angesichts einer Pandemie, mutig, die noch bestehenden Unterschiede zwischen Ost und West auch wirklich zu überwinden, aber auch mutig, den Zusammenhalt unserer ganzen Gesellschaft immer wieder einzufordern und dafür zu arbeiten.» Es seien mutige Menschen in der DDR gewesen, die die friedliche Revolution 1989 in Gang gesetzt hätten. Mut hätten auch Westdeutsche gehabt, sich auf den Weg der Einheit einzulassen. Und Deutschlands Partner seien mutig gewesen, Deutschland zu vertrauen.

Steinmeier erinnerte aber daran, dass der Umbruch die Menschen im Osten wesentlich härter traf als die im Westen. «Wenn Menschen sich dauerhaft zurückgesetzt fühlen, wenn ihre Sichtweise nicht vorkommt in der politischen Debatte, wenn sie den Glauben an die eigene Gestaltungsmacht verlieren, dann darf uns das eben nicht kalt lassen», betonte er. «Dann bröckelt der Zusammenhalt, dann steigt das Misstrauen in Politik, dann wächst Nährboden für Populismus und extremistische Parteien.» Der Bundespräsident regte eine Gedenkstätte für die friedliche Revolution in der DDR an. «Einen Ort, der daran erinnert, dass die Ostdeutschen ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen und sich selbst befreit haben.»

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) rief beim Festakt dazu auf, Ostdeutschland auch als Vorbild zu sehen. «Eine selbstbewusste Frauenpolitik, Betriebskindergärten oder Polikliniken als Gesundheitszentren sind nur einige wenige Beispiele», sagte der amtierende Bundesratspräsident. Für eine neue gesamtdeutsche Generation sei das normaler Lebensstandard.

Unter dem Motto «Wir miteinander» war Brandenburg Gastgeber der Feier, weil das Land derzeit den Vorsitz des Bundesrats hat. In Teilen der Potsdamer Innenstadt musste Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden, auch im Bereich der «Einheits-Expo». Dort präsentieren sich auch noch am Sonntag die Bundesländer und Verfassungsorgane in Glaspavillons. Bei Sonnenschein machten Tausende einen Ausflug zur Freiluft-Schau. Am Rande des Festakts demonstrierten rund 200 Beschäftigte des Schaeffler-Werks Luckenwalde - der Auto- und Industriezulieferer will Stellen abbauen; das Land sagte Hilfe zu.

Vielerorts in Deutschland wurde an die Wiedervereinigung erinnert. Für Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ist sie ein historisches Geschenk. «Die Deutsche Einheit ist in erster Linie den Menschen der ehemaligen DDR zu verdanken», sagte der CSU-Chef am Samstag bei einem Treffen mit dem sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) an der früheren innerdeutschen Grenze bei Weischlitz. Tausende besuchten über einem Wolkenmeer den Brocken, der zu DDR-Zeiten gesperrt war.

Trotz Konflikten und Problemen hat sich einer neuen Umfrage zufolge die Zufriedenheit der Deutschen teils deutlich erhöht. Mit Blick auf das Einkommen sind vor allem die Ostdeutschen glücklicher als noch vor 30 Jahren, in Westdeutschland etwas weniger. Das geht aus der Auswertung repräsentativer Umfragen von 1991 und 2020 hervor, die der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) vornahm.

© dpa-infocom, dpa:201003-99-807727/11

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Veröffentlicht am:
04. 10. 2020
14:29 Uhr

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04. 10. 2020
14:29 Uhr



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