Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: 54. Hofer Filmtage75 Jahre FrankenpostCoronavirusJubiläumsgewinnspielBlitzerwarner

Brennpunkte

Ultrarechter Bolsonaro wird neuer Präsident Brasiliens

Die Wut ist groß in Brasilien - Wut auf die korrupte Politikerkaste, die nichts gegen Gewalt, Elend und Armut im Alltag zu tun gedenkt. Jetzt soll es ein Mann richten, der bis vor kurzem noch ein skurriler Hinterbänkler war: Jair Bolsonaro. Doch der neue «starke Mann» ist umstritten.



Bolsonaro
Jair Bolsonaro auf dem Weg zur Stimmabgabe. Der Ex-Militär wird neuer Präsident Brasiliens.   Foto: Ricardo Moraes/Pool Reuters/AP » zu den Bildern

Brasilien schwenkt nach rechts: Das fünftgrößte Land der Welt wird künftig von einem Mann regiert, der die Militärdiktatur verherrlicht, Schwule verachtet und politischen Gegnern mit Gewalt und Gefängnis droht.

Bei der Präsidentenwahl am Sonntag kam der Rechtspopulist Jair Bolsonaro auf 55,13 Prozent der Stimmen, wie das Wahlamt nach der Auszählung fast aller Stimmen mitteilte. Sein Konkurrent Fernando Haddad von der linken Arbeiterpartei erhielt demnach 44,87 Prozent.

«Ich werde das Schicksal des Landes verändern», sagte Bolsonaro nach der Bekanntgabe des Ergebnisses in seinem Haus in Rio de Janeiro: «Brasilien über alles. Gott über alles. »

Haddad räumte seine Niederlage ein. «Habt keine Angst», sagte er vor Anhängern der Arbeiterpartei in São Paulo. Er rief die Brasilianer auf, die Demokratie zu verteidigen. «Wir leben in Zeiten, in denen die Institutionen ständig auf die Probe gestellt werden», sagte er.

Angesichts der weit verbreiteten Korruption und einer Welle der Gewalt haben die Brasilianer für einen radikalen Politikwechsel gestimmt. Die Wahl Bolsonaros ist eine klare Misstrauenserklärung gegen die Politikelite, die über alle Parteigrenzen hinweg in Schmiergeldaffären verwickelt ist und keine Antworten auf die zunehmende Kriminalität findet.

«Wir haben die Ablehnung der traditionellen Politik lange unterschätzt», räumt der Politologe Maurício Santoro Rocha von der Universität von Rio de Janeiro ein. «Bolsonaro ist das Symbol für einen tiefgreifenden Wandel.»

Wenn Bolsonaro nach seinem Amtsantritt am 1. Januar 2019 auch nur einen Teil seiner Versprechen umsetzt, könnte sich in Brasilien so einiges ändern. Der frühere Fallschirmjäger will den Zugang zu Waffen erleichtern, wichtige Ministerien mit Militärs besetzen und möglicherweise aus dem Pariser Klimaschutzabkommen aussteigen.

Noch bis vor Kurzem galt der in Anlehnung an US-Präsident Donald Trump auch «Tropen-Trump» genannte Politiker als skurriler Hinterbänkler im Parlament. Er provozierte immer wieder mit Ausfällen gegen Frauen, Schwarze und Schwule sowie mit seiner Sympathie für die brasilianische Militärdiktatur (1964-1985).

«Die Wahl Bolsonaros birgt Risiken für Indigene, Kleinbauern, Homosexuelle, Schwarze, Frauen und Aktivisten», sagte die Amerika-Chefin der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, Erika Guevara-Rosas. Der Brasilienexperte Norbert Bolte vom Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat erklärte: «Bolsonaro will zurück in die Militärdiktatur. Auch wenn alle hoffen, dass seiner Rhetorik keine Taten folgen, sollte man sich da keinen Illusionen hingeben.»

In seiner ersten Rede nach dem Wahlsieg gab sich Bolsonaro zunächst versöhnlich. Er sprach von einem «Brasilien der unterschiedlichen Meinungen, Farben und Orientierungen.» In dem mit harten Bandagen geführten Wahlkampf hatte Bolsonaro noch Minderheiten und Linke verunglimpft und «Säuberungen» angekündigt.

Einer der ersten Gratulanten in der Wahlnacht war US-Präsident Donald Trump. Auch die Staatschefs aus Mexiko, Argentinien, Peru, Paraguay und Kolumbien gratulierten. Venezuelas sozialistischer Präsident Nicolás Maduro rief Bolsonaro zum Dialog auf. Die deutsche Bundesregierung hielt sich zunächst bedeckt. «Dieses demokratische Wahlergebnis hat die Bundesregierung zur Kenntnis genommen», sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin.

Erfreut über Bolsonaros Wahlsieg zeigte sich die AfD. «Jair Bolsonaro ist ein aufrechter Konservativer, der angetreten ist, die linke Korruption zu bekämpfen und Sicherheit und Wohlstand für sein Volk wiederherzustellen», sagte der AfD-Obmann im Auswärtigen Ausschuss, Petr Bystron. «Die konservative Revolution hat damit auch Südamerika erreicht.»

Wie lange Bolsonaro von seinem Mythos zehren kann, dürfte auch davon abhängen, ob er seine Wahlversprechen erfüllen kann. Denn Brasilien steckt in einer tiefen Krise: Nach Jahren der Rezession kommt die Wirtschaft nur langsam wieder in Schwung, das Gesundheitswesen ist völlig überlastet und das Rentensystem müsste dringend reformiert werden. «In so einer Stimmung der tiefen Enttäuschung sind die Flitterwochen nur kurz», prognostizierte der Amerika-Chef der Risikoberatung Eurasia Group, Chris Garman.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
29. 10. 2018
14:39 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Alternative für Deutschland Amnesty International Arbeiterparteien Donald Trump Gewalt Korruption Luiz Inácio Lula da Silva Michel Temer Militärdiktaturen Nicolás Maduro Polizei Schmiergeld-Affären Schwule Steffen Seibert Twitter Wahlsiege Wut
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Donald Trump

06.11.2020

Ton und Handeln von US-Medien wandeln sich

Etwas verändert sich. Präsident Trump wütet, aber die US-Medien wollen das nicht mehr unkommentiert transportieren. Seine Betrugsvorwürfe nach der Wahl gehen vielen zu weit. Es stellt sich ein neuer Ton ein. » mehr

Donald Trump

11.11.2020

US-Präsidentschaft: Streit um Wahlergebnis geht weiter

Trump und Biden nehmen zeitgleich an getrennten Feiern zum Tag der Veteranen teil. In Alaska kann sich der Präsident die Mehrheit sichern und twittert weiter von einem Wahlsieg - entgegen allen Ergebnissen für Biden. » mehr

Fahnen

04.11.2020

Reaktionen auf die US-Wahl: Schock und Empörung in Europa

Vor der US-Wahl wünschte sich in Umfragen eine Mehrheit der Menschen in Deutschland und Europa eine Niederlage von Präsident Trump. Am Tag nach der Wahl starrten viele mit Entsetzen nach Washington. » mehr

Horst Seehofer

07.07.2020

Seehofer sieht kein Rassismus-Problem bei der Polizei

Auf seine vollmundig angekündigte Anzeige gegen die Autorin einer polizeikritischen Kolumne hat Seehofer im Juni dann doch verzichtet. In der Frage, ob Wissenschaftler untersuchen sollen, wie groß das Rassismus-Problem i... » mehr

Nach der Präsidentschaftswahl in den USA - Proteste

15.11.2020

Trump twittert über Bidens Wahlsieg

«Er hat gewonnen», fängt Donald Trump einen Satz über Wahlsieger Joe Biden an - nur um seine unbelegten Vorwürfe von Wahlfälschung zu wiederholen. Seine Klagen gegen das Wahlergebnis gehen weiter. Derweil erreichen die C... » mehr

Wahlen in Brasilien

09.10.2018

«Tropen-Trump» triumphiert in Brasilien

Die Brasilianer haben die Nase voll von Korruption, Gewalt und Misswirtschaft. Der ultrarechte Ex-Militär Jair Bolsonaro will mit harter Hand durchgreifen. Mit seinen frauenfeindlichen Sprüchen und seiner Sympathie für d... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lkw kracht in Warnleitanhänger Berg/Bad Steben

A 9: Lkw kracht in Warnleitanhänger | 24.11.2020 Berg/Bad Steben
» 35 Bilder ansehen

Premierenfeier Theater Hof

Premierenfeier Theater Hof | 26.09.2020 Hof/Selb
» 14 Bilder ansehen

Selber Wölfe - EV Füssen 2:1 Selb

Selber Wölfe - EV Füssen 2:1 | 22.11.2020 Selb
» 42 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
29. 10. 2018
14:39 Uhr



^