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Viele Demonstranten ziehen durch Köthen

Erneut ziehen viele Menschen durch Köthen. Zum Gegenprotest kommen etwa halb so viele. Damit kommt die Kleinstadt nicht zur Ruhe. Auch in Chemnitz wird ein neuer Vorfall gemeldet.



Köthen
Eine Woche nach dem Herzinfarkt-Tod eines 22-Jährigen nach einem nächtlichen Streit finden in Köthen mehrere Demonstrationen statt.   Foto: Sebastian Köhler » zu den Bildern

Eine Woche nach dem Tod eines 22-Jährigen hat es in der sachsen-anhaltischen Kleinstadt Köthen erneut eine rechtsgerichtete Demo sowie Gegenprotest gegeben.

Am Abend folgten geschätzt etwa 1300 Menschen einem Aufruf mehrerer Vereine, darunter des fremdenfeindlichen Dresdner Pegida-Bündnisses. Etwa halb soviele beteiligen sich an einer Demo für eine weltoffene Gesellschaft.

Das sächsische Chemnitz kommt ebenfalls nicht zur Ruhe - die Polizei musste eine selbst ernannte Bürgerwehr stoppen, die Ausländer bedroht haben soll.

In Köthen waren bei der rechtsgerichteten Demo Plakate wie «Volksverräter absetzen», «Heimatliebe ist kein Verbrechen» und «Es reicht, Frau Merkel, sie muss weg» zu sehen. Mehr als 1000 Polizisten aus mehreren Bundesländern sichern das Geschehen ab. Reiterstaffeln und Wasserwerfer sind im Einsatz.

Am Vortag hatte die Kleinstadt mit gut 26.000 Einwohnern ein Zeichen für ein friedliches Köthen gesetzt: Es wurden auf zahlreiche Straßen und Plätze bunte Kreidebotschaften wie «Frieden für Köthen» und «bunt ist schön» gemalt. Die Botschaften zierten den Markt auch noch während der rechtsgerichteten Demonstration.

Auch die Köthener Jakobskirche öffnete am Nachmittag erneut ihre Türen und hielt mit Hunderten Teilnehmern einen Friedensgottesdienst ab. Zu den Besuchern gehörte der stellvertretende Landtagspräsident Wulf Gallert (Linke). Er sagte, die Demokratie müsse entschieden verteidigt werden. Köthen dürfe nicht zum Aufmarschplatz rechter Kräfte werden. Fremdenhass und Rassismus dürften nicht die Straßen erobern.

Hintergrund der Demos ist der Tod eines 22-Jährigen vor einer Woche. Nach Behördenangaben starb der schwer herzkranke Deutsche an einem Infarkt, nachdem er sich schlichtend in einen Streit zwischen mehreren Afghanen eingeschaltet hatte und ins Gesicht geschlagen wurde. Zwei 18 und 20 Jahre alte Verdächtige sitzen in Untersuchungshaft.

Seit dem Tod des Mannes gab es mehrere Demos in der Stadt. Bei der ersten Spontandemo vor einer Woche waren laut Verfassungsschutz rund 500 Rechtsextreme unter den 2500 Teilnehmern. Die Polizei ermittelt unter anderem wegen Volksverhetzung.

Nun hatte das fremdenfeindliche Dresdner Pegida-Bündnis und der rechtsgerichtete Verein «Zukunft Heimat» aus Brandenburg, der auch in Cottbus aktiv ist, zu der Demo aufgerufen. Auch die AfD war mit mehreren Landtagsabgeordneten und Vertretern vor Ort, darunter Ex-Landeschef André Poggenburg und der Kreischef von Anhalt-Bitterfeld, Daniel Roi.

Unter zahlreichen lautstarken Rufen wie «Merkel muss weg!», «Lügenpresse» und «Abschieben, Abschieben - sofort» rief Roi den Demonstranten zu, 13 Jahre Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) seien genug. Die CDU regiere auch seit 16 Jahren in Sachsen-Anhalt und tue trotzdem so, als habe sie mit maroden Schulen und Straßen und allen anderen Problemen des Landes nichts zu tun. Die Demonstranten hielten auch Plakate hoch wie «Chemnitz ist überall».

Dort war Ende August ein 35-jähriger Deutscher erstochen worden. Verdächtig sind drei Asylbewerber. Nach der Tat hatte es in Sachsens drittgrößter Stadt ausländerfeindliche Übergriffe gegeben. Es kam wiederholt zu Demos von Rechtsgerichteten, Neonazis, Gegnern der Flüchtlingspolitik sowie zu Gegenprotesten.

Am Freitagabend soll es einen weiteren Vorfall in Chemnitz gegeben haben. Nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft kreisten 15 mutmaßliche Mitglieder einer selbst ernannten Bürgerwehr eine Gruppe aus Deutschen, Iranern und Pakistanern ein. Ein Iraner erlitt eine Platzwunde am Kopf. Gegen einige der mutmaßlichen Täter wurde Haftbefehl erlassen.

In Sachsen-Anhalt ermittelt die Polizei im Harz zudem wegen nach zwei Angriffen auf Flüchtlinge wegen gefährlicher Körperverletzung und Volksverhetzung. Bei den Attacken in Hasselfelde und Halberstadt wurden insgesamt vier Flüchtlinge verletzt. Die Angreifer sollen laut Polizei jeweils Deutsche gewesen sein.

Die Demos in Köthen liefen laut Polizei am Abend zunächst weitestgehend störungsfrei. Die Hochschule Anhalt in der Kleinstadt hatte auf ihrer Internetseite im Vorfeld zur Vorsicht wegen «potenziell gefährlicher Demonstrationen» geraten. Annähernd jeder vierte der fast 8000 Studenten kommt aus dem Ausland.

Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sagte der «Mitteldeutschen Zeitung» zu den Demonstrationen: «Mein Vorschlag wäre ja, dass die Bürger dann am Sonntag, wenn die Rechten demonstrieren, einfach in ihren Wohnungen bleiben und die Rollläden zumachen. Nicht, weil wir die Sicherheit nicht gewährleisten können, sondern um ein Zeichen zu setzen, dass man die nicht sehen will.» Entlang der Demoroute waren jedoch nicht viele heruntergelassene Rollläden zu sehen, vielmehr beobachteten viele an den geöffneten Fenstern das Geschehen.

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dpa

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Veröffentlicht am:
16. 09. 2018
21:45 Uhr

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