Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Jubiläumsgewinnspiel "75 Jahre Frankenpost"WohnzimmerkunstBlitzerwarnerCoronavirus

Brennpunkte

Weihnachtsmarkt-Räumung: Verdächtige aus Salafisten-Szene

Es ist der Weihnachtsmarkt, und es ist der Breitscheidplatz an der Berliner Gedächtniskirche. Drei Jahre nach dem Terroranschlag wird der Platz erneut geräumt. Bei den Ermittlungen geht es auch wieder um die islamistische Szene.



Weihnachtsmarkt geräumt
Nach Hinweisen auf einen möglicherweise verdächtigen Gegenstand räumte die Polizei am Samstagabend den Berliner Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz.   Foto: Gregor Fischer/dpa

Es sind diese zwei Worte, die nicht nur in Berlin etwas auslösen: Weihnachtsmarkt und Breitscheidplatz. Wo fast auf den Tag genau vor drei Jahren der islamistische Terrorist Anis Amri mit einem gekaperten Lastwagen eine Spur der Verwüstung hinterlassen und zwölf Menschen getötet hatte, herrscht am Samstagabend Alarmstimmung.

Einer Polizeistreife fallen gegen 19.00 Uhr zwei verdächtige Männer auf, weil sie sich «schlagartig entfernt» und dabei auch Leute beiseite gedrängt hatten, wie es am Sonntag heißt. Die Polizisten entschließen sich, die Männer zu kontrollieren. Wenig später wird der Platz geräumt.

Aufgrund des Verhaltens der beiden Männer kann die Polizei nicht ausschließen, dass sich ein verdächtiger Gegenstand, möglicherweise Sprengstoff, auf dem Weihnachtsmarkt-Gelände befindet. «Die Kombination hat bei den Einsatzkräften ein ungutes Gefühl ausgelöst, das zur Räumung des Platzes führte», sagt Polizeisprecher Thilo Cablitz.

Am Sonntag wird klar: Die Männer gehören der salafistischen Szene an. Ob sie damit auch als islamistische «Gefährder» eingestuft werden, denen ein Anschlag zugetraut wird, sagt der Sprecher nicht. Weitere Erkenntnisse dazu gebe es nicht, heißt es. Festgenommen wird keiner der Männer, die Polizei stellt aber ihre Identitäten fest. Sie hätten in Berlin gelebt, so Cablitz.

Bei der Überprüfung am Samstag finden die Einsatzkräfte zunächst heraus, dass nach einer der Personen in einem islamistischen Kontext gefahndet werde - was sich allerdings später als nicht korrekt herausstellt. Die Polizei spricht von einer Namensverwechslung. Außerdem offenbaren sich Differenzen zwischen Pass und Aufenthaltstitel eines der Männer, woraus sich Widersprüche zur tatsächlichen Identität ergeben.

250 Polizisten suchen daraufhin am Abend - unterstützt von Sprengstoffspürhunden - den Platz und die Gedächtniskirche ab, wo gerade noch der Bach-Chor das Weihnachtsoratorium gesungen hatte. Gefunden wird nichts. Die Männer werden vernommen. Um 22.49 Uhr werden sie aus dem Polizeigewahrsam entlassen. Laut Cablitz handelt es sich um zwei 21 und 24 Jahre alte syrischstämmige Männer. Kurz davor hebt die Polizei die Sperrungen um den Weihnachtsmarkt auf.

Seit dem Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz vor drei Jahren haben die deutschen Behörden nach Angaben des Bundeskriminalamtes (BKA) neun islamistisch motivierte Anschläge in Deutschland verhindert. Diese Zahl teilte das BKA auf Anfrage der «Welt am Sonntag» (WamS) mit. Allein in diesem November seien zwei Anschläge abgewendet worden. Konkretere Angaben zu den Hintergründen machte das BKA in dem Bericht nicht.

Berlins Innensenator Andreas Geisel bezeichnete die Entscheidung der Polizei, den Weihnachtsmarkt zu räumen, am Sonntag denn auch als richtig. Der Einsatz zeige, dass sich die Sicherheitsbehörden «nicht im Routinemodus befinden und weiter wachsam sind», betonte der SPD-Politiker. Und eines sei auch klar: «Ein Fehlalarm ist am Ende immer die bessere Nachricht», sagte Geisel.

«Es ist der Breitscheidplatz, und es ist Weihnachtszeit. Da sind wir hochsensibel», hieß es am Vorabend bei der Polizei. Alle Besucher hätten das Gelände ruhig und besonnen verlassen. In Medien berichteten Besucher aber auch von Aufregung.

Es bleibt das Gefühl, dass der Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt das Leben in Deutschland nachhaltig verändert hat. Erst am Donnerstag, zum dritten Jahrestag, hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) im Parlament betont, der Anschlag habe tiefe Wunden, Trauer, Schmerzen und Traumata sowie «eine bleibende Verletzung in unserer Gesellschaft» hinterlassen. Es sei deutlich geworden, dass die freiheitliche Demokratie verwundbar sei. Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) sagte zum Gedenktag, Unsicherheit und Angst sollten nicht das Leben bestimmen. Eine Botschaft des 19. Dezember 2016 sei, die Freiheit nicht aufzugeben.

Der islamistische Attentäter Amri war am 19. Dezember 2016 mit einem gekaperten Lastwagen in den Weihnachtsmarkt gerast. Er hatte zuvor den Lastwagenfahrer erschossen und tötete dann mit dem Lkw elf Besucherinnen und Besucher des Marktes. Dutzende Menschen wurden verletzt. Amri wurde später auf der Flucht in Italien erschossen. Mehrere Parlamentarische Untersuchungsausschüsse versuchen seitdem, Fehler und Versäumnisse von Behörden aufzuarbeiten.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
22. 12. 2019
17:14 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Abu Bakr al-Baghdadi Anis Amri Attentäter Bundesanwaltschaft Bundeskriminalamt CDU CSU Der Polizeipräsident in Berlin Deutsche Bahn AG Geiseln Horst Seehofer Islamistischer Fundamentalismus Michael Müller Politikerinnen und Politiker der SPD Polizei Polizeisprecher Polizistinnen und Polizisten SPD Staatsanwaltschaft Frankfurt Terroranschläge Terroristen Twitter Verdächtige Weihnachtsmärkte Wolfgang Schäuble
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Hanau nach dem Anschlag

31.03.2020

BKA-Chef: Anschlag von Hanau war rassistisch motiviert

Im Februar erschießt ein Mann neun Menschen mit ausländischen Wurzeln. Macht es den Anschlag weniger rassistisch, dass er wirren Verschwörungstheorien anhing? Aus dem BKA werden offenbar Zweifel gestreut. Jetzt sieht sic... » mehr

Terroranschlag in Berlin 2016

05.06.2020

Polizist soll Informationen an AfD-Chatgruppe verraten haben

Die Polizei muss mit vielen Informationen sorgfältig umgehen. Wenn Dienstgeheimnisse verraten werden, ist das schon problematisch genug. Noch schlimmer wird es, wenn einzelne Mitwisser zu rechtsextremistischen Kreisen ge... » mehr

Generalstaatsanwaltschaft Berlin

19.11.2019

Terrorverdacht: Spezialeinheit nimmt Mann in Berlin fest

In Chats reden die Islamisten über Bomben, Gewehre und das Töten. Einer zieht los und kauft Chemikalien, so der Vorwurf der Ermittler. Lange beobachten die Fahnder, wie die Pläne konkreter werden - bevor sie zuschlagen. ... » mehr

Übergriff auf Kamerateam

03.05.2020

Hintergrund für Angriff auf ZDF-Team unklar

Nach Dreharbeiten bei einer Demo von Gegnern der Corona-Maßnahmen wird ein ZDF-Team brutal angegriffen. Zunächst Festgenommene sind wieder frei. Völlig unklar ist, was dahinter steckt. » mehr

Trauermarsch

21.02.2020

Nach Hanau-Anschlag: Polizei zeigt bundesweit mehr Präsenz

Der Todesschütze von Hanau war wohl psychisch schwer krank. Für Innenminister Seehofer ist trotzdem klar, dass es ein Terroranschlag war. Noch gibt es eine Ungereimtheiten zum Tatverlauf. » mehr

Mathias Middelberg

14.06.2020

CDU- und CSU-Politiker gegen Streichung des Begriffs «Rasse»

Die Rassismus-Debatte ebbt nicht ab. Die geforderte Streichung des Begriffs «Rasse» aus dem Grundgesetz erhitzt vor allem bei der Union die Gemüter. Zwei schwarze Abgeordnete hingegen kritisieren die Dünnhäutigkeit beim ... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Aktion von "Fridays for Future" am Kugelbrunnen in Hof Hof

Aktion von "Fridays for Future" in Hof | 03.07.2020 Hof
» 16 Bilder ansehen

Konzert in der Filzfabrik

Konzert in der Hofer Filzfabrik | 20.06.2020 Hof
» 37 Bilder ansehen

20200516_143430

4. Bratwurstlauf 2020 |
» 17 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
22. 12. 2019
17:14 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.