Lade Login-Box.
Topthemen: Fotos: Erstklässler in der RegionBlitzerwarnerBilder vom Wochenende

Brennpunkte

Weltklimarat drängt zu raschem Handeln für 1,5-Grad-Ziel

Deutschland ringt um den Kohleausstieg, die EU streitet, wie viel Sprit neue Autos fressen dürfen - Alltag im mühsamen Klimaschutz. Jetzt schreckt ein neuer UN-Bericht die Politik auf. Die Botschaft: Mehr Ehrgeiz lohnt sich. Aber es wird schwer.



Weltklimarat
Hoesung Lee (M), Vorsitzender des Weltklimarats, und weitere Mitglieder bei einer Pressekonferenz in Incheon.   Foto: Ahn Young-Joon/AP » zu den Bildern

Missernten, Dürren, steigende Meeresspiegel: Die Begrenzung des Klimawandels und seiner Folgen wird zu einem Wettlauf gegen die Zeit. Der Weltklimarat der Vereinten Nationen fordert in einem Sonderbericht rasches Handel in allen Bereichen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Zwar seien die Folgen für die Weltbevölkerung dann immer noch dramatisch. Eine Erwärmung um zwei Grad würde die Lebensgrundlagen für Hunderte Millionen Menschen aber noch viel stärker bedrohen, warnen die Experten.

Im Pariser Klimaabkommen hat die Weltgemeinschaft sich darauf verständigt, den Klimawandel bei «deutlich unter zwei Grad» zu bremsen, möglichst aber schon bei 1,5 Grad . Wissenschaftler wurden beauftragt, auszuarbeiten, ob und wie das machbar ist. In der Nacht zum Montag legten sie ihre Ergebnisse in Südkorea vor.

«Die globale Erwärmung auf 1,5-Grad zu begrenzen, erfordert rasche, weitreichende und beispiellose Veränderungen in sämtlichen Bereichen der Gesellschaft», erklärte der Klimarat IPCC im Anschluss an eine mehrtägige Sitzung in der Küstenstadt Incheon. Es gehe Energie, Industrie, Gebäude, Transport, Landnutzung und Städtebau. Der globale Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) und anderen Klimagasen müsste nach dem IPCC-Bericht für das 1,5-Grad-Ziel von 2010 bis 2030 um 45 Prozent fallen und im Jahr 2050 netto bei Null liegen.

Das 1,5-Grad-Ziel bezieht sich nicht auf die derzeitige Temperatur, sondern auf die vor der Industrialisierung - denn seitdem hat die Erde sich bereits um etwa ein Grad erwärmt. Es bleiben also nur 0,5 Grad. «Eine der Kernaussagen des Berichts ist: Wir sehen derzeit bereits die Konsequenzen von einem Grad Erderwärmung wie mehr Extremwetter, steigende Meeresspiegel, schwindendes arktisches Meereis und andere Veränderungen», sagte der Co-Vorsitzende einer IPCC-Arbeitsgruppe, Panmao Zhai.

Einig sind sich die meisten Forscher, dass die Welt ohne zusätzliche Anstrengungen derzeit sogar auf drei bis vier Grad Erwärmung zusteuert. Das Pariser Klimaabkommen sieht vor, dass die Staaten ihre Ziele regelmäßig nachschärfen. Genaue Regeln dafür sollen auf der nächstem UN-Klimakonferenz im Dezember im polnischen Kattowitz beschlossen werden.

Nach dem neuen Bericht können die Menschen möglicherweise etwas mehr CO2 ausstoßen als bisher angenommen, um dennoch dass 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Für den Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer, ist das kein Grund zur Entspannung. «Gegenüber früheren Abschätzungen des IPCC haben wir höchstens einen Zeitgewinn von sieben Jahren.» Der sei aber «schon längst verfrühstückt» angesichts der geplanten und existierenden Kohlekraftwerke, die oft noch Jahrzehnte CO2 ausstießen.

Der IPCC-Bericht macht deutlich, dass es große Unterschiede zwischen einer Erwärmung von 1,5 und einer von 2 Grad gibt:

- Die Begrenzung auf 1,5 Grad könnte die Zahl der Menschen, «die klimabedingten Risiken ausgesetzt und anfällig für Armut sind, bis 2050 um mehrere Hundert Millionen» verringern.

- Bei 1,5 Grad werden Ernteeinbußen bei Mais, Reis, Weizen und womöglich weiteren Getreidearten geringer ausfallen.

- Der Meeresspiegel wird bei 1,5 Grad bis zum Jahr 2100 um 10 Zentimeter weniger klettern als bei 2 Grad.

- Einen eisfreien Arktischen Ozean im Sommer gibt es wahrscheinlich einmal pro Jahrhundert, bei 2 Grad vermutlich «mindestens einmal pro Jahrzehnt».

- Etwa 70 bis 90 Prozent der Korallenriffe würden bei 1,5 Grad verschwinden. «Mit 2 Grad wären praktisch alle verloren.»

- Bei 2 Grad könnten deutlich weniger Fische gefangen werden.

- Das Risiko für große Systemumbrüche, etwa das Abschmelzen des Grönlandeises, erhöht sich bei 2 Grad.

An diesem Dienstag treffen sich die Umweltminister der EU in Brüssel, um über ihre Position vor der kommenden Weltklimakonferenz und den Klimaschutz im Verkehr, also strengere CO2-Grenzwerte für Neuwagen, zu verhandeln.

Die Bundesregierung zeigte sich am Montag beeindruckt vom Sonderbericht des Klimarats. Umwelt- und Forschungsministerium forderten mehr Ehrgeiz im Kampf gegen die Erderwärmung. Die Erkenntnis, dass zwei Grad Erderwärmung viel schwerwiegendere Folgen für Millionen Menschen hätten als 1,5 Grad, müsse «handlungstreibend» sein, sagte Umwelt-Staatssekretär Jochen Flasbarth. Forschungs-Staatssekretär Michael Meister nannte den Bericht einen «Weckruf»: «Wir haben die Fakten vorliegen für die Klimapolitik.»

Derzeit hinkt Deutschland im Klimaschutz den eigenen und internationalen Zielen hinterher. Eine Kommission soll noch in diesem Jahr einen Plan für den Ausstieg aus der Kohlestrom-Gewinnung vorlegen, auch zum Klimaschutz im Verkehr tagt eine Arbeitsgruppe. Ab 2019 soll ein Klimaschutzgesetz sicherstellen, dass Deutschland die Ziele in Zukunft erreicht.

Eine am Sonderbericht beteiligte Hamburger Klimaexpertin stellte der Bundesregierung ein mäßiges Zeugnis aus: Sie fände es «schade», dass Deutschland «nicht mehr ganz an der Führungsspitze des Umbruchs und des Voranschreitens» stehe, sagte Daniela Jacob, und forderte «deutlich ambitionierte Schritte». Das Land habe dazu alles, was es brauche, etwa Erfindergeist und Ingenieure.

Auch die deutschen Umweltverbände forderten mit Blick auf den neuen Report größere Anstrengungen der Politik. «Auch die Bundesregierung muss ihre Ziele und Maßnahmen der 1,5-Grenze anpassen», sagte BUND-Chef Hubert Weiger. «In Deutschland muss deshalb schnellstmöglich mit dem Kohleausstieg begonnen werden», mahnte NABU-Präsident Olaf Tschimpke. Der Präsident des Deutschen Naturschutzrings, Kai Niebert, forderte mit Blick auf das Treffen in Brüssel am Dienstag: «Schon aus Selbstschutz muss die Europäische Union morgen als gutes Beispiel vorangehen, indem sie sich im EU-Umweltrat verpflichtet, das EU-Ziel für 2030 deutlich zu erhöhen.»

Veröffentlicht am:
08. 10. 2018
17:21 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Erderwärmung Heinrich-Böll-Stiftung Intergovernmental Panel on Climate Change Klima-Abkommen Klimaschutz Klimaschutzgesetze Kohleausstieg Kohlendioxid Kraftstoffe Meeresspiegel Michael Meister Regierungseinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland UNO Wolfgang Cramer Ziele
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Trockener Flussboden

08.08.2019

Weltklimarat fordert schnelles Handeln

Taten statt Worte, auch bei der sorgsamen Landnutzung - das muss nach Meinung des Weltklimarats das Motto der kommenden Jahre sein. Die Erderwärmung könnte die Versorgung mit Lebensmitteln beeinträchtigen. » mehr

Patricia Espinos

17.06.2019

Demos sollen UN-Klimaschützer beflügeln

Zehntausende junge Leute haben sich der Protestbewegung Fridays for Future angeschlossen und fordern mehr Klimaschutz. Sie haben das Thema mit Wucht auf die Agenda gedrückt. Kann eine große UN-Konferenz den Schwung nutze... » mehr

Annegret Kramp-Karrenbauer

11.08.2019

Annegret Kramp-Karrenbauers Klima-Offensive

Der Kampf gegen die Erderwärmung ist das Thema dieser Tage. Der Deutsche Wetterdienst misst Temperaturrekorde, Schüler streiken, die Grünen sind im Höhenflug. Und wo ist die CDU? Die gar nicht mehr so neue Parteichefin m... » mehr

Kampf gegen die Erderwärmung

13.05.2019

Schulze für schärferes EU-Klimaziel

In Berlin treffen sich Diplomaten aus aller Welt zu Gesprächen über den Kampf gegen die Erderwärmung. Umweltministerin Schulze präsentiert sich als ehrgeizige Gastgeberin - aber zu Hause läuft es zäh beim Klimaschutz. » mehr

Demonstration

31.07.2019

Fridays for Future: Effektiver Protest, unklare Perspektive

Sie streiken für besseres Klima und treiben längst die Politik zu Reaktionen an. Doch wie geht es weiter mit Fridays for Future? Das diskutieren die Aktivisten auf einem Kongress. Experten sehen die Bewegung vor wichtige... » mehr

Klima-Aktivisten

08.04.2019

«Fridays for Future» mit neuen Zielen

Deutschlands «Fridays für Future»-Schüler lassen nicht locker. Sie wollen so lange auf die Straße statt in die Schule gehen, bis die Politik mehr für Klimarettung tut. Jetzt hat die Bewegung eine Agenda. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lange Einkaufnacht Marktredwitz

Lange Einkaufsnacht Marktredwitz | 14.09.2019 Marktredwitz
» 50 Bilder ansehen

Wirtshausnacht in Rehau Rehau

Wirtshausnacht in Rehau | 07.09.2019 Rehau
» 45 Bilder ansehen

Selber Wölfe - Moskitos Essen

Selber Wölfe - Moskitos Essen 3:5 | 14.09.2019 Selb
» 27 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
08. 10. 2018
17:21 Uhr



^