Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Jubiläumsgewinnspiel "75 Jahre Frankenpost"WohnzimmerkunstBlitzerwarnerCoronavirus

Brennpunkte

Wie Kinder besser vor Missbrauch geschützt werden

Der Missbrauchsskandal von Lügde hat erschreckende Defizite beim Kinderschutz offengelegt. Politik, Behörden und Verbände suchen Wege, wie Kindeswohlgefährdungen künftig frühzeitig entdeckt und verhindert werden können.



Missbrauchsfall Lügde
Polizeiauto vor dem versiegelten Campingwagen des mutmaßlichen Täters von Lügde. Kinderschutz- und Sozialverbände fordern Konsequenzen aus dem Missbrauchsfall auf dem Campingplatz.   Foto: Guido Kirchner

Der jahrelange massenhafte Missbrauch von mehr als 40 Kindern auf einem Campingplatz in Lügde (Nordrhein-Westfalen) wirft die Frage auf, warum die Schwächsten der Gesellschaft nicht besser geschützt werden.

Kinderschutzorganisationen sollen am 24. Juni in einer Anhörung im NRW-Landtag Empfehlungen abgeben. Drei Tage später (27. Juni) beginnt der Prozess gegen drei Angeklagte im Fall Lügde. Auch die schwarz-gelbe NRW-Landesregierung will in Kürze ein Konzept zum Kinderschutz vorlegen. Die sogenannte Bosbach-Kommission hat ebenfalls Vorschläge gemacht. Die Experten-Empfehlungen für die Anhörung liegen schriftlich vor.

JUGENDÄMTER : Die Landschaftsverbände LWL und LVR beklagen einen dramatischen Fachkräftemangel in den NRW-weit 186 Jugendämtern. Die Fallzahlen, in denen die Ämter Risiken einschätzen oder Hilfe gewähren müssen, seien im bevölkerungsstärksten Bundesland seit 2012 um mehr als 11.000 auf fast 39.500 gestiegen. Landesfamilienminister Joachim Stamp (FDP) will nun «Fallobergrenzen» prüfen. Die Verbände und Stamp wollen bundesgesetzliche Regelungen für sogenannte Fallübergaben bei Jugendämtern. Damit soll verhindert werden, dass wie im Fall Lügde Lücken beim Kindesschutz durch die Zuständigkeit von gleich zwei Jugendämtern entstehen.

KINDERSCHUTZBEAUFTRAGTER : Verbände plädieren für einen unabhängigen Kinderschutzbeauftragten. Er soll nicht nur die bestehenden Strukturen unter die Lupe nehmen, sondern auch Anlaufstelle für «Whistleblower» werden, die Hinweise auf Verdachtsfälle geben. Einmal im Jahr soll er dem Landtag Bericht erstatten. Die NRW-Regierung steht dem offen gegenüber. Vorstellbar wäre ihrer Ansicht nach auch eine Kommission zur Prävention sexueller Gewalt gegen Minderjährige.

KINDERSCHUTZHOTLINE : In Mecklenburg-Vorpommern und Berlin haben solche Hotlines nach Angaben der Kinderschutzverbände dazu geführt, dass deutlich mehr Hinweise auf Kindeswohlgefährdungen eingingen.

NETZWERKE: Fast unisono fordern Experten die Bildung von berufsübergreifenden Netzwerken aus Kitas, Schulen, Jugendhilfe, Vereinen, Kinderärzten und Betreuungsstätten. Denn die unzureichende Kooperation der verschiedenen Stellen stelle ein Risiko dar. Vielfach wird zudem bemängelt, dass besonders auf dem Land das Netz von Beratungsstellen zu dünn sei.

ÄRZTE: Kinderärzte sollten sich untereinander besser austauschen können. Dies wird aber durch die Schweigepflicht und den Datenschutz erschwert. Die Bosbach-Kommission fordert eine Regelung, die einen internen Austausch rechtlich ermöglicht. Denn mögliche Täter wechselten oft den Kinderarzt, um Übergriffe zu verschleiern.

INTERNET: Nach wie vor kommen Meldungen zu kinderpornografischem Material überwiegend aus den USA. Internet-Service-Provider in Deutschland sollten laut Deutscher Kinderhilfe wie in den USA dazu verpflichtet werden, Verdachtsfälle zu melden.

STRAFEN: Die Mindeststrafandrohung für einfachen sexuellen Missbrauch von Kindern ist mit derzeit sechs Monaten laut Deutscher Kinderhilfe zu niedrig - bei Wohnungseinbrüchen liege sie bei einem Jahr. Auch die Innenminister der Länder reagieren. Sie wollen Verbreitung, Erwerb und Besitz von Kinderpornografie künftig härter bestrafen. Die Höchststrafe für die Verbreitung von Bildern und Videos soll von derzeit fünf auf zehn Jahre steigen, die Höchststrafe für die Beschaffung von drei auf fünf Jahre. Einige Experten fordern zudem, dass Verjährungsfristen bei sexuellem Missbrauch aufgehoben werden. Denn Opfer seien oft erst Jahrzehnte später in der Lage, über ihre Erfahrungen zu sprechen.

OPFERSCHUTZ: Mehrfachbefragungen von Kindern sollten vermieden werden. In jeder Polizeidienststelle sollte ein Beamter oder eine Beamtin zur Kinderschutzfachkraft weiterqualifiziert werden, empfiehlt die Deutsche Kinderhilfe. Verbände und Bosbach-Kommission sprechen sich für verstärkte Videovernehmungen aus.

PRÄVENTION: Kinder sollen besser aufgeklärt werden. Über schulische Präventionsprogramme könnten potenziell alle Kinder erreicht werden, erklärt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Gute Ansätze gebe es schon mit Theaterprojekten, heißt es bei der Arbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz. Verstärkt sollten bei der Prävention auch digitale Medien einbezogen werden.

AUSBILDUNG: Kinderschutz müsse Pflichtfach in der Erzieherausbildung, im Studium sowie in der Ausbildung an Familiengerichten und bei Kinderärzten werden, fordert der Deutsche Kinderverein. Medizinisches Personal, Rettungsdienste, Polizei, Lehrer und Erzieher sollten in der Früherkennung geschult werden.

KINDERRECHTE: Kinder, die Hilfe zur Erziehung erhalten, sollten nach Ansicht des Deutschen Kindervereins einen Rechtsanspruch auf regelmäßige persönliche Gespräche mit dem Jugendamt haben. Dabei sollten sie ohne die Eltern über ihr Befinden, ihre Wünsche und mögliche Gefährdungen sprechen können.

Veröffentlicht am:
17. 06. 2019
10:07 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Beamte Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Erzieher FDP Joachim Stamp Kinderpornographie Kindervereine und Jugendvereine Kindesmissbrauch Missbrauchsaffären Polizei Schwarz-Gelb Sexualdelikte Verbrecher und Kriminelle Öffentliche Behörden
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Missbrauchsfall in Würzburg

09.04.2020

44 Verdächtige nach Missbrauchsskandal in Würzburg ermittelt

Ein Logopäde aus Würzburg steht wegen Missbrauchs von Kindern in 66 Fällen vor Gericht. Die Polizei hat jetzt weitere Verdächtige ausfindig gemacht - die etwa kinderpornografische Inhalte bezogen haben sollen. » mehr

Logopäde in Würzburg

04.03.2020

Nach Missbrauchsskandal mehr als 40 Verdächtige ermittelt

Es sind schreckliche Taten und den Ermittlern wird zunehmend das Ausmaß der Taten bewusst: Ein Logopäde aus Würzburg soll sich in 66 Fällen massiv an Kindern vergangen haben. » mehr

Johannes-Wilhelm Rörig, Franziska Giffey

21.04.2019

Kaum Interesse der Länder an eigenen Missbrauchsbeauftragten

Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung hat die Länder aufgefordert, eigene Stellen nach seinem Vorbild einzurichten. Die Reaktionen dürften ihn nicht zufrieden stellen. » mehr

Prozess um bundesweiten Kindes-Missbrauchsfall

27.05.2020

Koordinator im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach gefasst

Der Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach zieht immer weitere Kreise. Die Ermittler sprechen von einem Schneeball-System und sehen den sexuellen Kindesmissbrauch in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Eine mutmaßliche ... » mehr

Prozess wegen Kindesmissbrauchs

25.05.2020

Missbrauch in Kitas: Mehr als elf Jahre Haft für Logopäden

Ein anerkannter Sprachtherapeut soll in Würzburg behinderte Jungen therapieren. Er missbraucht sie sexuell schwer - in zwei Kitas und seinen Praxisräumen. Orte, an denen Eltern ihre Kinder in Sicherheit wähnen. Dafür mus... » mehr

Polizeieinsatz

11.05.2020

Sexuelle Gewalt gegen Kinder nimmt zu

«Auch sexueller Missbrauch ist eine Pandemie, eine Pandemie mit dramatischem Ausmaß», warnt der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung. Der Kampf dagegen und für den Kinderschutz dürfe in der Corona-Krise nicht verna... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Bewaffneter überfällt Bank in Brand Brand

Bewaffneter Mann überfällt Bank in Brand | 29.05.2020 Brand
» 12 Bilder ansehen

DisTANZ in den Mai Fichtelgebirge

DisTANZ in den Mai | 03.05.2020 Fichtelgebirge
» 63 Bilder ansehen

20200516_143430

4. Bratwurstlauf 2020 |
» 17 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
17. 06. 2019
10:07 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.