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Wohnungsmangel verschärft Lage der Frauenhäuser

Frauenhäuser in Deutschland nehmen jedes Jahr Tausende Frauen auf, die vor gewalttätigen Männern fliehen. Oder sie versuchen es, denn die Plätze sind rar. 2019 soll ein Aktionsprogramm die Lage verbessern helfen.



Frauenhaus Berlin
Berliner Frauenhaus «Cocon»: Der Wohnungsmängel verschärft die Lage der Zufluchtsstätten für Frauen.   Foto: Britta Pedersen

Immer neue Schutzsuchende melden sich, aber viele bisherige Bewohnerinnen können nicht ausziehen: Der angespannte Wohnungsmarkt in vielen deutschen Städten wird für Frauenhäuser zunehmend zu einem Problem.

Die Einrichtungen bekämen zu spüren, dass der soziale Wohnungsbau jahrzehntelang vernachlässigt worden sei, sagte die Geschäftsführerin der Frauenhauskoordinierung, Heike Herold, der Deutschen Presse-Agentur. In dem Verein sind mehr als 250 Frauenhäuser bundesweit Mitglied. Bezahlbare Wohnungen fehlten nicht mehr nur in Ballungsräumen, sagte Herold, sondern auch in der Fläche. Dabei gebe es ohnehin schon zu wenig Plätze in Frauenhäusern.

Sylvia Haller von der Zentralen Informationsstelle Autonomer Frauenhäuser (ZIF), in der mehr als 100 Frauenhäuser organisiert sind, bestätigt das. «Auf dem freien Wohnungsmarkt brauchen wir fast kaum noch zu suchen», sagt sie.

Als besonders schwer beschreiben Expertinnen die Suche für Frauen mit Kindern, noch höher seien die Hürden für Frauen mit Migrationshintergrund und prekärem Aufenthaltsstatus. Für die Frauenhäuser bedeutet all das zusätzlichen Beratungsaufwand zu Fragen rund ums Mieten: Besichtigungen, Schufa-Bescheinigung, Wohnberechtigungsschein, Wohngeld.

Mit aufwendigen Wohnungssuchen verlängert sich der Aufenthalt der Frauen und Kinder in den Einrichtungen. Auf jeden Fall mehr als drei, oft sechs oder neun Monate sei die reguläre Dauer, sagt Haller. Die Statistik der Frauenhauskoordinierung weist zwar einen Durchschnitt von 60 Tagen aus, der Wert wird jedoch durch Notaufenthalte von einzelnen Nächten gedrückt. Weil Frauenhäuser in den Augen vieler Länder und Kommunen vorrangig akut helfen sollen, wird teils eine maximale Aufenthaltsdauer vorgegeben, die viele Frauenhäuser aber nicht für realistisch halten. Es könne passieren, dass Frauen wieder raus müssten, obwohl sie noch Zeit bräuchten, sagt Herold.

Weniger als 7000 Plätze gibt es laut Haller in den bundesweit rund 350 Frauenhäusern. Inzwischen ist klar, dass es dabei nicht bleiben kann: Deutschland hat die sogenannte Istanbul-Konvention des Europarats zum Schutz von Frauen vor Gewalt ratifiziert, sie trat im Februrar 2018 in Kraft. Damit verbundene Empfehlungen besagen, dass in Deutschland rund 21.000 Betten in Frauenhäusern nötig wären, wie Haller sagt. Es fehlten damit rund doppelt so viele Plätze wie bisher vorhanden. Mit der Berechnungsgrundlage können Frauenhäuser nun den Mangel belegen, den viele von ihnen schon lange täglich erleben.

Die Häuser sind oft belegt, müssen Frauen abweisen oder an andere Einrichtungen vermitteln, teils in andere Städte und Bundesländer. «Von einer Wahl ist überhaupt nicht zu reden», sagt Haller mit Blick auf die Platzvergabe. Heike Ritterbusch vom Frauenhaus «Cocon» in Berlin berichtet, manche Frauen landeten vorübergehend in Obdachlosenunterkünften. Polizei und Hilfsorganisationen vermittelten Opfer in Notfällen auch in Pensionen.

Dabei kann ein Platz, an dem die Frau nicht gefunden wird, Leben retten. Nach Ritterbuschs Erfahrung eskaliert die Situation oft gerade dann, wenn sich die Frau - häufig nach Jahren der Gewalt - zur Trennung entscheide. Wie alltäglich das ist, zeigen Zahlen des Bundeskriminalamtes für 2017: Im Schnitt jeden Tag versucht ein Mann in Deutschland, seine Frau, Lebensgefährtin oder Ex zu töten. Jeden zweiten bis dritten Tag stirbt ein Opfer.

Der Bund unterstützt die Länder mit einem Aktionsprogramm beim Frauen-Gewaltschutz und bei der Schaffung besserer Strukturen - mit Mitteln für «innovative Praxismodelle» und Baumaßnahmen. Wie eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums mitteilte, sollten 2019 zunächst 6,1 Millionen, im Folgejahr 35 Millionen Euro zur Verfügung stehen. «Bis 2022 sind rund 100 Millionen Euro des Bundes vorgesehen.» Zur konkreten Umsetzung gebe es noch Gespräche.

In vielen Bundesländern werde über die Schaffung von Wohnungen für die Übergangszeit nach dem Frauenhaus nachgedacht, sagt Haller. Bisher gibt es einzelne solche sogenannten Zweite-Stufe-Projekte, etwa in Berlin. Dort sank dadurch laut Senatsgesundheitsverwaltung der Anteil von Frauen, die deutlich mehr als drei Monate im Frauenhaus bleiben, 2017 von 33 auf 23,6 Prozent. Noch sei das Kontingent an Wohnungen aber zu gering angesichts der hohen Zahl an Frauen, die keinen oder nur erschwerten Zugang zum Wohnungsmarkt haben, sagt Ritterbusch.

Die Entwicklung birgt aus Sicht der Frauenhäuser zudem das Risiko, dass Kommunen und Länder solche Wohnungen nicht als Ergänzung zu Frauenhäusern bereithalten, sondern als Ersatz: «Wenn Schutzwohnungen - egal ob als Übergang oder als grundständiges Angebot - initiiert werden, weil sie günstiger sind und weniger Personal brauchen, halte ich es für eine gefährliche Entwicklung», betonte Haller.

Häusliche Gewalt geht durch alle Schichten. Besser gestellte Frauen haben aber oft Mittel und Kontakte, so dass sie kein Frauenhaus aufsuchen müssen. Frauen ohne solche Ressourcen brauchen hingegen oft Hilfe bei weiteren Problemen: psychische Schwierigkeiten und Sucht etwa. «Das lässt sich nicht in Kurzaufenthalten von ein, zwei Wochen klären», betont Herold.

Veröffentlicht am:
31. 12. 2018
10:12 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
31. 12. 2018
10:12 Uhr



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