Topthemen: Hofer Kaufhof wird HotelHilfe für NachbarnBenefiz-BallStromtrasse durch die RegionGrabung bei NailaGerch

Hintergründe

Wird künftig jeder Organspender auf Widerruf?

Beim Gedanken, einmal auf eine fremde Niere angewiesen zu sein, hofft wohl jeder, eine zu bekommen. Doch würde man selbst Organe geben? Angesichts niedriger Zahlen kommt nun Bewegung in das brisante Thema.



Organspende
Geht es nach Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), soll künftig Jeder, der keinen Widerspruch einlegt, zum Organspender werden.   Foto: Bernd Wüstneck

Es geht um eine ganz persönliche Entscheidung, die viele aber immer wieder vor sich herschieben: Würde ich nach meinem Tod anderen Menschen Organe spenden, zumal Tausende dringend darauf warten?

Die Krankenkassen schicken schon regelmäßig Ausweisvordrucke durch die Republik, auf denen man Ja oder Nein ankreuzen könnte. Oft bleiben die Felder aber leer. Und das hat Folgen: Ohne ausdrückliche Zustimmung dürfen in Deutschland keine Organe entnommen werden. Schon seit längerem wird diskutiert, dieses Prinzip umzukehren. Jetzt geht Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dafür in die Offensive.

Was will der Minister?

Spahn macht sich für eine «doppelte Widerspruchslösung» stark. Das heißt, erstmal ist jeder automatisch ein Spender. Dann soll man dazu aber zu Lebzeiten ausdrücklich Nein sagen können, ansonsten sind - als doppelte Schranke - auch noch die Angehörigen zu fragen. Bisher ist es grundsätzlich genau andersherum: Organe entnommen werden dürfen nur, wenn eine Einwilligung des Patienten vorliegt - über den Spenderausweis oder zum Beispiel eine Patientenverfügung. Hat der Patient keine Entscheidung getroffen, müssen erst nächste Angehörige wie Ehepartner, volljährige Kinder oder Geschwister gefragt werden.

Wo ist das Problem?

Dass die Organspendezahlen hierzulande relativ gering sind, sehen viele mit Sorge. Dabei gibt es durchaus ein wachsendes öffentliches Bewusstsein der Bundesbürger dafür. Einen Organspendeausweis haben laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung inzwischen 36 Prozent, nachdem es 2012 noch 22 Prozent waren. Im selben Zeitraum sank aber die Zahl der Organspender von 1046 auf 797 im vergangenen Jahr - ein Tiefpunkt, wie die Deutsche Stiftung Organtransplantation bilanzierte. Das entspricht 9,7 Spender pro eine Million Einwohner und liegt klar unter dem Niveau anderer Länder. Dabei warten mehr als 10 000 Menschen hierzulande auf Organe wie Niere, Leber oder Lungen.

Wie ist die Situation in anderen Staaten?

Befürworter der Widerspruchslösung verweisen etwa auf Spanien, das auf mehr als 43 Spender pro eine Million Einwohner kommt. Hierbei werden aber auch Spenden nach einem Herztod einbezogen und nicht nur wie in Deutschland nach festgestelltem Hirntod, wie die Deutsche Stiftung Patientenschutz erklärt. In Frankreich gilt aus «nationaler Solidarität» das Prinzip des angenommenen Einverständnisses. Wer keine Entnahme will, kann sich ab dem Alter von 13 Jahren in ein Widerspruchsregister eintragen oder ein Schreiben bei Angehörigen hinterlegen. Auch in Österreich ist jeder als Spender vorgesehen, der nicht widerspricht. Laut Deutscher Stiftung Patientenschutz gab es 2016 gut 24 Spender pro eine Million Einwohner in der Alpenrepublik.

Was sind Gründe für niedrige Zahlen in Deutschland?

Die Entwicklung in Deutschland führen Experten teils noch immer auf Verunsicherung wegen der Organspende-Skandale von 2012 zurück, die sich um Manipulationen bei Wartezeiten für Transplantationen drehten. Manche machen sich auch Sorgen, dass zu früh der Tod festgestellt werden könnte. Dafür müssen zwei Experten unabhängig voneinander den vollständigen und unumkehrbaren Ausfall des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms bestätigen. Als gravierende Hindernisse ausgemacht haben Fachleute und Politik zudem, dass in Krankenhäusern zu häufig Zeit und Kapazitäten fehlen, um Organspender ausfindig zu machen. Spahn hat dafür gerade auch ein Gesetz auf den Weg gebracht, das etwa mobile Ärzteteams als Unterstützung für kleinere Kliniken vorsieht.

Wie geht es weiter?

Für eine grundsätzliche Neuregelung bei der Entscheidung will der Minister nicht einfach ein Gesetz machen. «Immerhin greift der Staat hier in die Freiheit des Einzelnen ein», sagte er der «Bild»-Zeitung. Es sei aber jetzt an der Zeit, dass sich der Bundestag über die Fraktionsgrenzen hinweg damit befassen sollte wie schon bei anderen Gewissensentscheidungen. Das befürwortet auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die sich in der Sache aber noch nicht öffentlich festgelegt hat. Patientenschützer Eugen Brysch sieht das Problem ohnehin grundsätzlich in einer «staatlich organisierten Verantwortungslosigkeit». Nach wie vor liege von den Richtlinien der Organentnahme über die Organisation und Verteilung bis zur Aufsicht alles in Händen privater Akteure. «Doch an diesen elementaren Fehlern will Spahn nichts ändern.»

Veröffentlicht am:
03. 09. 2018
17:45 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Bundeskanzlerin Angela Merkel Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung CDU Deutsche Stiftung Organtransplantation Deutscher Bundestag Jens Spahn Nierensystem Organspenden Organspender Volljährige Kinder
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Annegret Kramp-Karrenbauer

07.11.2018

AKK heißt ab sofort: Abgrenzung, Kampf, Konzentration

Annegret Kramp-Karrenbauer verspricht einen fairen Wahlkampf um das Erbe von Parteichefin Angela Merkel. Ob der gute Vorsatz gut vier Wochen hält? » mehr

AfD-Chef Jörg Meuthen

05.11.2018

CDU-Führungswechsel könnte AfD in die Bredouille bringen

«Merkel war unsere beste Wahlkampfhelferin», sagt AfD-Chef Meuthen. Wie geht es jetzt, wo die Kanzlerin ihren Rückzug in Etappen eingeläutet hat, weiter für die Rechtspopulisten? » mehr

Friedrich Merz

31.10.2018

Merz will CDU-Chef werden - Durchaus nicht chancenlos

Nein, in die Debatte über die Kandidaten für die CDU-Spitze will sich Angela Merkel nicht einmischen. Auch nicht, wenn sich einer derjenigen meldet, der ihr seit Jahren in Ablehnung verbunden ist. » mehr

Wahlparty Grüne

29.10.2018

Hessenwahl: Und wieder wird die GroKo abgewatscht

Für die Parteien der großen Koalition ist es ein Desaster: Zum zweiten Mal innerhalb von zwei Wochen werden Union und SPD bei einer Landtagswahl abgewatscht - zur Freude der sogenannten Kleinen. » mehr

Merkel in Hessen

28.10.2018

Hessen wählt, Berlin zittert - Schicksalswahl für Merkel

Bei der Hessen-Wahl steht auch für die GroKo im Bund viel auf dem Spiel. Möglich, dass Schwarz-Rot noch stärker ins Schlingern kommt. Können sich die Kanzlerin und die SPD-Vorsitzende halten? » mehr

CDU-Chefin Merkel

26.09.2018

Tag eins nach dem Merkel-Beben: Schockstarre in der Union

Kann Merkel sich halten - oder wird auch sie nach dem Sturz ihres Vertrauten Volker Kauder aus dem Amt gedrängt? Nur eines ist klar: Die Kanzlerin muss kämpfen. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

WG: Schwerer Unfall B2 zw Töpen und Juchöh 12.11.2018

Tödlicher Unfall auf der B2 bei Töpen | 12.11.2018 Töpen
» 4 Bilder ansehen

Wunsiedel

19. Wunsiedler Kneipennacht | 10.11.2018 Wunsiedel
» 104 Bilder ansehen

SpVgg Bayern Hof - SV Seligenporten 1:1

SpVgg Bayern Hof - SV Seligenporten 1:1 | 11.11.2018 Hof
» 59 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
03. 09. 2018
17:45 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".