Lade Login-Box.
Topthemen: Live-Ticker "Rock im Park"Mit Video: HöllentalbrückenSchlappentag

Hintergründe

Proteste in Chemnitz störungsfrei

Chemnitz kommt nicht zur Ruhe: Nach größeren Protesten haben die Versammlungen am Samstag zwar kaum Zulauf. Für Empörung sorgt nun aber die Anzeige einer antisemitischen Attacke auf einen jüdischen Wirt. Nun schaltet sich der Ministerpräsident ein.



Jüdisches Restaurant
Das Schild des jüdischen Restaurants «Schalom» im Zentrum von Chemnitz.   Foto: Hendrik Schmidt

Es hätte ein Tag zum Durchschnaufen werden können in Chemnitz: Zwei angekündigte Versammlungen in der Innenstadt bleiben am Samstag mit mehreren Dutzend Personen weitgehend ohne Zulauf.

Doch die erst spät bekannt gewordene Anzeige eines jüdischen Restaurants wegen einer Attacke bei den Ausschreitungen vor zwei Wochen sorgt für Aufregung. Hatten die gewaltsamen Proteste noch größere Dimensionen als zunächst angenommen?

Das Restaurant «Schalom» liegt am Rande der Innenstadt, ein schmuckes Lokal in einer ruhigen Wohngegend. Rund vierzig Gäste haben dort Platz, es wird koscheres Essen serviert. Geschäftsführer Uwe Dziuballa sitzt an diesem Samstag in seinem Lokal, die Aufmerksamkeit der Medien ist ihm fast zuviel. Nun hat ihn der Ministerpräsident angerufen und will ihn treffen.

Nach Dziuballas Schilderungen ist er am Montag, den 27. August, von mehreren Menschen angegriffen worden. An dem Tag habe es im Restaurant einen Vortrag gegeben. Gegen 21.40 - als schon fast alle Besucher das Lokal verlassen hatten - sei er wegen eines Geräuschs vor die Tür getreten. Vor ihm hätten zwischen zehn bis zwölf zum Teil vermummte Personen gestanden.

«Entweder habe ich laut gedacht oder leise gesagt: Haut ab», erinnert Dziuballa sich. Er meint, den Satz «Judensau, hau ab aus Deutschland!» gehört zu haben. In der derselben Sekunde seien Steine, Flaschen und eine Eisenstange an ihm vorbeigeflogen. Er wird an der rechten Schulter getroffen. «Nach weiteren drei oder vier Sekunden war das Ganze vorbei.»

Dziuballa ruft die Polizei, die schnell am Restaurant ist. «Die Polizei hat sich bis zum heutigen Zeitpunkt mir gegenüber korrekt, respektvoll, kompetent verhalten», sagt er. Schon in der Vergangenheit war es mehrmals zu Angriffen aus das Lokal gekommen. Seit ein paar Jahren seien diese aber ausgeblieben.

Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) verurteilt die Attacke scharf. «Das ist eine ganz schändliche Tat. Es zeigt, wie sehr sich da die Gewalt Bahn bricht», sagt er am Rande des Volksfestes «Tag der Sachsen», das in diesem Wochenende im nordsächsischen Torgau gefeiert wird. Kretschmer findet auf der Sachsen-Party auch nochmal deutliche Worte zu den vergangenen zwei Wochen in Chemnitz: «Eine Minderheit in Chemnitz versucht, das Land mit Worten und Hass zu prägen. Dem werden wir uns entgegenstellen.»

Am Samstagabend trifft Innenminister Roland Wöller (CDU) den Wirt. Die Polizei Sachsen arbeite mit Hochdruck daran, «diese widerliche Tat aufzuklären», teilt das Ministerium dazu mit.

Derweil kritisiert das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus, dass die Polizei die Anzeige nicht schon viel eher öffentlich gemacht hat. «Es ist ungeheuerlich, dass in Chemnitz ein vermummter Mob das einzige jüdische Restaurant attackiert, antisemitische Parolen ruft und die Öffentlichkeit erst Tage später von dem Fall erfährt», teilt ein Sprecher mit. Das Internationale Auschwitz Komitee spricht von einem «nicht hinnehmbaren Skandal».

In der Chemnitzer Innenstadt ist es am Samstag unterdessen weitgehend ruhig. Eine Versammlung gruppiert sich um die Kerzen, Blumen und Fotos an dem Ort, an dem vor knapp zwei Wochen ein 35-jähriger Deutscher mutmaßlich von Asylbewerbern getötet wurde. Zwei Versammlungen sind von Privatpersonen angemeldet, doch es kommen nur wenige. «Es sind Personen im unteren zweistelligen Bereich», sagt ein Polizeisprecher. Noch am Freitag hatten in der Stadt Tausende demonstriert. Und auch für den nächsten Freitag ruft das rechtspopulistische Bündnis «Pro Chemnitz» wieder zur Demo auf.

Dem Wirt Dziuballa machen die Proteste in der Innenstadt trotz der Attacke keine allzu große Angst. «Ich fühle mich nicht bedroht in Chemnitz», sagt er. «Ich mache mir - wenn überhaupt - Gedanken über die Entwicklung des Landes an sich.»

Veröffentlicht am:
09. 09. 2018
12:48 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Antisemitismus CDU Gaststätten und Restaurants Innenstädte Michael Kretschmer Ministerpräsidenten Polizei Roland Wöller Widerliches
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Löscharbeiten

16.04.2019

Deutschland will Wiederaufbau von Notre-Dame unterstützen

Der Großbrand von Notre-Dame löst europaweit Entsetzen aus - und Hilfsbereitschaft. Deutschland will die Franzosen beim Wiederaufbau der Kathedrale unterstützen - sowohl mit Geld als auch mit Fachwissen. » mehr

Straftat

14.05.2019

Politische Kriminalität: Die radikalen Ränder fransen aus

Wenn die Zahl der Straftaten mit politischem Hintergrund sinkt, ist das eigentlich eine gute Nachricht. Innenminister Seehofer sieht trotzdem keinen Anlass zur Freude. » mehr

Bodo Ramelow im Erfurter Landtag

12.10.2018

Kunterbunte Kombinationen in den deutschen Ländern

Bei Parlamentswahlen in Deutschland holt nur selten eine Partei die absolute Mehrheit der Sitze. Meist regieren in Bund und Ländern Koalitionen. Jahrelang waren CDU/CSU-FDP und SPD-Grüne die gängigen Varianten. » mehr

Ralph Brinkhaus

11.06.2019

Völlig irre? Die CDU diskutiert über Kanzlerkandidatur

Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus legt sich auf Annegret Kramp-Karrenbauer als Unions-Kanzlerkandidatin fest. Vielen kommt diese Diskussion zur Unzeit. Was will er damit wohl erreichen? » mehr

Maike Schaefer

27.05.2019

In Bremen hängt es an den Grünen

Die rote Bastion Bremen ist getroffen - ob sie einstürzt, ist nicht gesagt. Der historische Sieg der CDU trifft die SPD bis ins Mark. Aber es gibt Machtoptionen für beide Seiten. » mehr

Von der Leyen besucht Buchenhöhe

13.01.2019

«Volle Pulle im Einsatz»

Seit Tagen kämpft der Süden Bayerns mit bedrohlichen Schneemassen, in fünf Landkreisen wurde der Katastrophenfall ausgerufen. Ministerpräsident Markus Söder und Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen haben am Woche... » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Brand im Ängerlein in Kulmbach

Brand im Ängerlein in Kulmbach | 18.06.2019 Kulmbach
» 4 Bilder ansehen

IndieMusik Festival 2019 Hof

In.Die.Musik-Festival | 15.06.2019 Hof
» 233 Bilder ansehen

14. Thonberglauf in Schauenstein

14. Thonberglauf in Schauenstein | 01.06.2019 Schauenstein
» 67 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
09. 09. 2018
12:48 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".