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Hintergründe

Abschied von der deutschen Steinkohle

Nur ein Zufall: Am dunkelsten, weil kürzesten Tag des Jahres 2018 endet der deutsche Steinkohlenbergbau. Seit 2007 stand das Ende fest, groß war die Wehmut trotzdem. Würdevolles Ende einer Ära.



Abschiedsveranstaltung
Bergleute stehen mit dem letzten Stück Steinkohle vor dem Schacht auf der Zeche Prosper Haniel.   Foto: Oliver Berg

Die großen Pfützen auf dem Parkplatz der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop sind an diesem Tag noch ein wenig kohlenstaubschwärzer als sonst. Es regnet in Strömen.

Dutzende Grubenwehrleute in ihren leuchtend orangen Feuerschutzanzügen und mit Helmlampen stehen tapfer an den Ecken und weisen die Autos ein. Einer von ihnen spricht sofort von dem Unglück im Bergwerk Ibbenbüren am vergangenen Montag, bei dem ein 29 Jahre alter Industriemechaniker unter Tage ums Leben kam. «Ich war nur 80 Meter entfernt, aber gehört habe ich nichts», sagt er. Erst später habe er dann über Funk davon erfahren. Lebensgefährlicher Steinkohlenbergbau. Bis zuletzt.

Viele Politiker, Manager, Gewerkschafter sind an diesem Tag zur Zeche gefahren, um Abschied zu nehmen von einer Ära, einem der wichtigsten Kapitel deutscher Industriegeschichte: Nach rund 200 Jahren industriellem Steinkohlenbergbau stellt die letzte deutsche Zeche offiziell ihre Förderung ein. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist gekommen. Ebenso EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). Direkt am Förderturm von Schacht Haniel stehen sie in einer Halle zusammen mit mehreren Hundert weiteren Ehrengästen und warten auf den letzten symbolischen Akt.

Die Stimmung ist gedämpft. Wenige sprechen miteinander. Die Gesichter sind ernst und angespannt. In seiner Rede erinnert der RAG-Vorstandsvorsitzende Peter Schrimpf an den Toten in Ibbenbüren und an die 13 Toten vom Donnerstagabend bei einem Grubenunglück in Tschechien, eine Schlagwetterexplosion in 880 Metern Teufe, wie der Bergmann sagt, wenn er Tiefe meint. Es ist ganz still, als sich dann das armdicke Stahlseil im Schacht in Bewegung setzt und einen Förderkorb nach oben zieht. Es scheppert und rasselt und dauert ein bisschen, bis die acht Bergleute in dem Korb über Tage sind. Zuletzt tritt Reviersteiger Jürgen Jakubeit aus der Kabine, ein stattliches, sieben Kilogramm schweres Stück Kohle in der Hand, das allerletzte in Deutschland geförderte Stück. Um 16.19 Uhr übergibt er es an Steinmeier.

Der Bundespräsident hebt den Zusammenhalt und die Solidarität unter Tage hervor und spricht von dem Respekt, der den Bergleuten gebühre, die auch für einen Teil des Wohlstandes in Deutschland gesorgt hätten. Er hoffe, dass dies auch in den revierfernen Regionen nicht vergessen werde. In seiner Festrede fragt Steinmeier später rhetorisch, ob sich in den Milliarden Steuergeldern für den Bergbau nicht auch so etwas wie der Dank des Vaterlandes ausdrücke. Für die, die 1000 Meter unter der Erde in Hitze, Dreck und ständiger Gefahr Gesundheit und Leben riskiert haben.

So wie Thomas Sidzik, 51 Jahre alter Reservist der Grubenwehr aus Gelsenkirchen, schon im Vorruhestand. Bereits mit 16 hat er angefangen, war im Abbau, auch im Streckenvortrieb, also direkt «vor der Kohle». Er wurde Steiger, eine Art Vorarbeiter. Später bildete er Sicherheitsfachkräfte aus. «Da geht eine ganze Ära zu Ende. In meiner Familie sind das jetzt fünf Generationen gewesen, die im Bergbau gearbeitet haben.» Die erste Generation kam noch aus Masuren.

Auch Steinmeier erinnert an die vielen Zugewanderten aus Deutschland und Europa, aus Nordafrika und Korea, die im Steinkohlenbergbau Arbeit fanden. Und er erinnerte an die Frauen der Bergleute, die «unbesungene Heldinnen» seien, deren Arbeit nicht weniger hart war. «Denken wir nur an die ewige, tagtägliche Mühe, die Wohnung und die Fenster und Kleidung sauber zu halten, inmitten des schwarzen Staubs.»

Und jetzt? «Es gibt hier viele, viele Voraussetzungen für eine gute Zukunft hier in der Region. Das Wichtigste sind die Menschen, die sich nicht unterkriegen lassen, die in jedem Abschied auch einen neuen Anfang sehen», sagt der Bundespräsident. Auch Thomas Sidzik hat Pläne. «Jetzt ist erstmal zu Hause dran. Jetzt kann ich das tun, was ich zu Hause die ganze Zeit nicht so genau machen konnte, renovieren zum Beispiel. Dann haben wir auch noch einen Garten. Dann noch ein bisschen reisen.» Und auch sein Fachwissen will er einbringen, etwa in einem Trainingsbergwerk in Recklinghausen. Dort will er Schulklassen führen.

Veröffentlicht am:
22. 12. 2018
14:56 Uhr

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Autor

dpa

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22. 12. 2018
14:56 Uhr



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