Lade Login-Box.
zum Digital-Abo
Topthemen: Jubiläumsgewinnspiel "75 Jahre Frankenpost"WohnzimmerkunstBlitzerwarnerCoronavirus

Hintergründe

Die Mietpreisbremse wirkt - aber kaum

Der große Effekt bleibt aus. Die meisten Mieter sparen durch die vieldiskutierte Mietpreisbremse nur ein paar Euro im Monat. Justizministerin Barley will die Regelung trotzdem verlängern.



Mieterhöhung
Der Wohnraummangel gilt in gefragten Gegenden als Hauptgrund für Preissteigerungen.   Foto: Arno Burgi

Berliner Mieter haben die Bremse gezogen. 1385 Euro sollte ihre Wohnung im Monat kosten. Für die Hauptstadt ist das - trotz Mietenexplosion - ein stattlicher Preis, zumal hier überall die Mietpreisbremse gilt. Die Mieter wurden skeptisch und zogen gegen ihre Vermieter vor Gericht. Jetzt sparen sie jeden Monat 650 Euro.

Das ist das Paradebeispiel, an dem das Justizministerium erklärt, was die Mietpreisbremse bringen kann. Ministerin Katarina Barley (SPD) zieht nach dreieinhalb Jahren das Fazit: Da, wo sie gilt, funktioniere die umstrittene Regelung - auch wenn sie alleine den kaputten Wohnungsmarkt nicht heilen könne. Barley will die Mietpreisbremse deshalb über 2020 hinaus verlängern.

Was soll die Regelung bewirken?

Sie soll verhindern, dass die Mieten in beliebten Wohngegenden explosionsartig steigen. Vermieter dürfen hier deshalb nicht mehr das verlangen, was der Markt hergibt. Die Miete darf im Normalfall nur noch zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Ausnahmen gibt es für Neubauten, Sanierungen oder wenn die Miete des Vormieters schon höher war. Bisher gilt der Mietendeckel in 313 von 11.000 Städten und Gemeinden in Deutschland. Dazu gehören Metropolen wie Berlin, München oder Frankfurt und ihr Umland, mittelgroße Städte wie Braunschweig oder Jena, aber auch reiche ländliche Gemeinden wie Emmendingen und Sylt.

Funktioniert das wirklich?

Das ist heftig umstritten. Mietervereine und Kommunalverbände sind überzeugt, dass die Preisbremse nicht wirkt, wie sie soll. Das könne man schon beim Blick auf die Annoncen sehen, in denen immer noch oft horrende Mieten gefordert werden. Einzelnen Mietern helfe sie zwar, in der Summe tauge sie aber nichts, um die Mieten in den Griff zu bekommen. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag des Bundesjustizministeriums dagegen bescheinigt der Mietpreisbremse jetzt eine messbare, wenn auch moderate Wirkung.

Was hat die Mieten-Deckelung demnach gebracht?

Dort, wo die Mietpreisbremse gilt, stiegen die Mieten der Studie zufolge weniger stark. Der Effekt liege allerdings nur bei zwei bis vier Prozent, sagt Studienautor Claus Michelsen. In Zahlen heißt das: Wer heute 500 Euro Miete zahlt, müsste ohne Mietpreisbremse 510 bis 520 Euro im Monat berappen. Ersparnis: 120 bis 240 Euro im Jahr.

Heißt das, die Vermieter halten sich an die Mietpreisbremse?

Nein, in vielen Fällen werde sie nicht strikt eingehalten, sagen die Forscher. Wohnungsangebote seien auf den ersten Blick oft deutlich zu teuer - und nicht immer werde klar, ob eine der Ausnahmen greife oder die Vermieter einfach zu viel verlangten. Der Effekt der Mietpreisbremse wäre also eigentlich größer - wenn sich die Vermieter daran halten würden.

Ziehen viele Mieter deswegen vor Gericht?

Bisher hält sich das in Grenzen. Viele hätten Angst, das Verhältnis zum Vermieter zu zerstören, sagen Mietervertreter. Wenn sie es doch wagen, ist die Klage aber meist erfolgreich. Das Justizministerium hat die bisher veröffentlichten Urteile ausgewertet: Im Schnitt holen die Mieter demnach 167 Euro im Monat raus. Manche mindern ihre Miete um fünf oder sechs Prozent, andere um fast die Hälfte.

Wirkt sich die Preisbremse auch auf Neubauwohnungen aus?

Ja, aber anders als man denken könnte: Die Mieten in Neubauten hätten durch die Mietpreisbremse sogar noch stärker angezogen, sagt Michelsen. Für Vermieter lohnt sich bauen also mehr als zuvor. Für Mieter wird es aber schwierig.

Tatsächlich zeigt eine Studie des Immobilienmarktspezialisten Empirica im Auftrag des ARD-Magazins «Panorama»: Durchschnittsverdiener können Neubaumieten kaum noch bezahlen. Mehr als 27 Prozent des Nettoeinkommens geht in vielen Städten allein für die Kaltmiete drauf. Ein Wert darüber gilt Experten als problematisch, weil dann nur noch relativ wenig Geld für die sonstige Lebensführung übrig bleibt. Besonders in Berlin ist die Belastung hoch: Eine durchschnittliche Familie muss hier 41,3 Prozent des Nettoeinkommens ausgeben, um eine Drei-Zimmer-Neubauwohnung zu mieten.

Sollte die Mietpreisbremse dann auch für Neubauten gelten?

Davor warnen die Forscher, denn derzeit rege die gute Rendite im Neubau den Wohnungsbau an. Und Deutschland braucht dringend 350.000 bis 400.000 neue Wohnungen. Würde die Mietpreisbremse auch für Neubauten gelten, würde weniger gebaut, meint Michelsen. Mietervertreter fordern aber, dass die Ausnahme für Neubauten nur zwei Jahre lang und ausschließlich für die Erstvermietung gelten soll.

Wie kann man die Preisbremse noch verbessern?

Einen ersten Schritt hat die Bundesregierung getan: Seit Jahresbeginn können Mieter einfacher erkennen, ob sie für ihre Wohnung zu viel zahlen oder nicht. Die DIW-Forscher kritisieren jedoch, dass die Regelung Vermietern weiterhin einen «ökonomischen Anreiz zu Fehlverhalten» gibt. Denn Verstöße dagegen werden nicht bestraft, Vermieter müssen zuviel verlangte Miete erst ab dem Zeitpunkt der Rüge zurückzahlen. Das sollte man ändern, schlägt das DIW vor. Der Berliner Mieterverein fordert Bußgelder von bis zu 100 000 Euro.

Was kann man noch tun für eine Entspannung auf dem Mietmarkt?

Mehr Neubau und mehr sozialer Wohnungsbau würde helfen, sagt Barley. Der Städte- und Gemeindebund fordert deshalb, Kommunen müssten leichter an Bauland kommen. Zugleich müssten die Ballungszentren entlastet und mehr Arbeitsplätze in ländlichen Regionen geschaffen werden. Die Wohnungswirtschaft fordert steuerliche Anreize für Wohnungsbau. «Alles Herumdoktern an der Mietpreisbremse hilft den verzweifelten Menschen nicht, die in den Hausfluren stehen und eine passende Wohnung suchen», sagt Verbandspräsident Axel Gedaschko.

Veröffentlicht am:
24. 01. 2019
15:48 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Axel Gedaschko Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Euro Justizminister Katarina Barley Mietervereine Mietpreisbremsen SPD Vermieter Vormieter Wohnungsbau
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Computer-Gaming

14.10.2019

Games-Community im Visier der Sicherheitspolitik

Innenminister Horst Seehofer will nach dem Anschlag in Halle die «Gamerszene» beobachten - und erntet von Gamern nur Spott. Dabei sind rechtsradikale Auswüchse im Gaming-Bereich unübersehbar. Nur sind diese mit klassisch... » mehr

Wohnungsgesuch

05.09.2018

Was Mieter künftig gegen Wuchermieten tun können

Ob als Single, Paar oder Familie, in vielen Städten ist die Wohnungssuche eine echte Tortur - und die Mieten klettern immer weiter. Immerhin: In Zukunft sollen Mieter mehr Rechte und Vermieter mehr Pflichten haben. Ein Ü... » mehr

Straftat

14.05.2019

Politische Kriminalität: Die radikalen Ränder fransen aus

Wenn die Zahl der Straftaten mit politischem Hintergrund sinkt, ist das eigentlich eine gute Nachricht. Innenminister Seehofer sieht trotzdem keinen Anlass zur Freude. » mehr

Norbert Walter-Borjans

06.03.2020

„Kein Interesse an einer zerbröselnden CDU“

SPD-Parteichef Norbert Walter-Borjans spricht im Interview mit unserer Zeitung über die Zeit bis zur nächsten Bundestagswahl. » mehr

War gestern zugestellt mit zahllosen Kerzen und und Blumen: das Brüder-Grimm-Denkmal in Hanau. Viele Menschen wollen an dieser zentralen Stelle mit einer kleinen Geste an die Opfer erinnern.

21.02.2020

Zu viel Hass - Wer hat ein Gegengift?

Männer, die sich Waffen beschaffen und Angriffe auf Moscheen planen. Ein Rassist, der bewaffnet loszieht, um Menschen mit ausländischen Wurzeln zu töten. Politiker suchen nach einem Rezept gegen den Terror. » mehr

Ramelow

06.02.2020

Auf Tauchstation: Ramelow nach Niederlage kaum greifbar

Während sich nach dem Wahlsieg des FDP-Politikers Thomas Kemmerich in Thüringen zahlreiche Politiker zu Wort melden, bleibt einer auffallend bedeckt: der unterlegene Ex-Ministerpräsident Bodo Ramelow. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Bewaffneter überfällt Bank in Brand Brand

Bewaffneter Mann überfällt Bank in Brand | 29.05.2020 Brand
» 12 Bilder ansehen

DisTANZ in den Mai Fichtelgebirge

DisTANZ in den Mai | 03.05.2020 Fichtelgebirge
» 63 Bilder ansehen

20200516_143430

4. Bratwurstlauf 2020 |
» 17 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
24. 01. 2019
15:48 Uhr



^
OK

Diese Webseite verwendet u.a. Cookies zur Analyse und Verbesserung der Webseite, zum Ausspielen personalisierter Anzeigen und zum Teilen von Artikeln in sozialen Netzwerken. Unter » Datenschutz erhalten Sie weitere Informationen und Möglichkeiten, diese Cookies auszuschalten.