Lade Login-Box.
Topthemen: FirmenlaufBilder vom WochenendeHofer Volksfest 2019BlitzerwarnerGerch

Hintergründe

Die Mietpreisbremse wirkt - aber kaum

Der große Effekt bleibt aus. Die meisten Mieter sparen durch die vieldiskutierte Mietpreisbremse nur ein paar Euro im Monat. Justizministerin Barley will die Regelung trotzdem verlängern.



Mieterhöhung
Der Wohnraummangel gilt in gefragten Gegenden als Hauptgrund für Preissteigerungen.   Foto: Arno Burgi

Berliner Mieter haben die Bremse gezogen. 1385 Euro sollte ihre Wohnung im Monat kosten. Für die Hauptstadt ist das - trotz Mietenexplosion - ein stattlicher Preis, zumal hier überall die Mietpreisbremse gilt. Die Mieter wurden skeptisch und zogen gegen ihre Vermieter vor Gericht. Jetzt sparen sie jeden Monat 650 Euro.

Das ist das Paradebeispiel, an dem das Justizministerium erklärt, was die Mietpreisbremse bringen kann. Ministerin Katarina Barley (SPD) zieht nach dreieinhalb Jahren das Fazit: Da, wo sie gilt, funktioniere die umstrittene Regelung - auch wenn sie alleine den kaputten Wohnungsmarkt nicht heilen könne. Barley will die Mietpreisbremse deshalb über 2020 hinaus verlängern.

Was soll die Regelung bewirken?

Sie soll verhindern, dass die Mieten in beliebten Wohngegenden explosionsartig steigen. Vermieter dürfen hier deshalb nicht mehr das verlangen, was der Markt hergibt. Die Miete darf im Normalfall nur noch zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen. Ausnahmen gibt es für Neubauten, Sanierungen oder wenn die Miete des Vormieters schon höher war. Bisher gilt der Mietendeckel in 313 von 11.000 Städten und Gemeinden in Deutschland. Dazu gehören Metropolen wie Berlin, München oder Frankfurt und ihr Umland, mittelgroße Städte wie Braunschweig oder Jena, aber auch reiche ländliche Gemeinden wie Emmendingen und Sylt.

Funktioniert das wirklich?

Das ist heftig umstritten. Mietervereine und Kommunalverbände sind überzeugt, dass die Preisbremse nicht wirkt, wie sie soll. Das könne man schon beim Blick auf die Annoncen sehen, in denen immer noch oft horrende Mieten gefordert werden. Einzelnen Mietern helfe sie zwar, in der Summe tauge sie aber nichts, um die Mieten in den Griff zu bekommen. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Auftrag des Bundesjustizministeriums dagegen bescheinigt der Mietpreisbremse jetzt eine messbare, wenn auch moderate Wirkung.

Was hat die Mieten-Deckelung demnach gebracht?

Dort, wo die Mietpreisbremse gilt, stiegen die Mieten der Studie zufolge weniger stark. Der Effekt liege allerdings nur bei zwei bis vier Prozent, sagt Studienautor Claus Michelsen. In Zahlen heißt das: Wer heute 500 Euro Miete zahlt, müsste ohne Mietpreisbremse 510 bis 520 Euro im Monat berappen. Ersparnis: 120 bis 240 Euro im Jahr.

Heißt das, die Vermieter halten sich an die Mietpreisbremse?

Nein, in vielen Fällen werde sie nicht strikt eingehalten, sagen die Forscher. Wohnungsangebote seien auf den ersten Blick oft deutlich zu teuer - und nicht immer werde klar, ob eine der Ausnahmen greife oder die Vermieter einfach zu viel verlangten. Der Effekt der Mietpreisbremse wäre also eigentlich größer - wenn sich die Vermieter daran halten würden.

Ziehen viele Mieter deswegen vor Gericht?

Bisher hält sich das in Grenzen. Viele hätten Angst, das Verhältnis zum Vermieter zu zerstören, sagen Mietervertreter. Wenn sie es doch wagen, ist die Klage aber meist erfolgreich. Das Justizministerium hat die bisher veröffentlichten Urteile ausgewertet: Im Schnitt holen die Mieter demnach 167 Euro im Monat raus. Manche mindern ihre Miete um fünf oder sechs Prozent, andere um fast die Hälfte.

Wirkt sich die Preisbremse auch auf Neubauwohnungen aus?

Ja, aber anders als man denken könnte: Die Mieten in Neubauten hätten durch die Mietpreisbremse sogar noch stärker angezogen, sagt Michelsen. Für Vermieter lohnt sich bauen also mehr als zuvor. Für Mieter wird es aber schwierig.

Tatsächlich zeigt eine Studie des Immobilienmarktspezialisten Empirica im Auftrag des ARD-Magazins «Panorama»: Durchschnittsverdiener können Neubaumieten kaum noch bezahlen. Mehr als 27 Prozent des Nettoeinkommens geht in vielen Städten allein für die Kaltmiete drauf. Ein Wert darüber gilt Experten als problematisch, weil dann nur noch relativ wenig Geld für die sonstige Lebensführung übrig bleibt. Besonders in Berlin ist die Belastung hoch: Eine durchschnittliche Familie muss hier 41,3 Prozent des Nettoeinkommens ausgeben, um eine Drei-Zimmer-Neubauwohnung zu mieten.

Sollte die Mietpreisbremse dann auch für Neubauten gelten?

Davor warnen die Forscher, denn derzeit rege die gute Rendite im Neubau den Wohnungsbau an. Und Deutschland braucht dringend 350.000 bis 400.000 neue Wohnungen. Würde die Mietpreisbremse auch für Neubauten gelten, würde weniger gebaut, meint Michelsen. Mietervertreter fordern aber, dass die Ausnahme für Neubauten nur zwei Jahre lang und ausschließlich für die Erstvermietung gelten soll.

Wie kann man die Preisbremse noch verbessern?

Einen ersten Schritt hat die Bundesregierung getan: Seit Jahresbeginn können Mieter einfacher erkennen, ob sie für ihre Wohnung zu viel zahlen oder nicht. Die DIW-Forscher kritisieren jedoch, dass die Regelung Vermietern weiterhin einen «ökonomischen Anreiz zu Fehlverhalten» gibt. Denn Verstöße dagegen werden nicht bestraft, Vermieter müssen zuviel verlangte Miete erst ab dem Zeitpunkt der Rüge zurückzahlen. Das sollte man ändern, schlägt das DIW vor. Der Berliner Mieterverein fordert Bußgelder von bis zu 100 000 Euro.

Was kann man noch tun für eine Entspannung auf dem Mietmarkt?

Mehr Neubau und mehr sozialer Wohnungsbau würde helfen, sagt Barley. Der Städte- und Gemeindebund fordert deshalb, Kommunen müssten leichter an Bauland kommen. Zugleich müssten die Ballungszentren entlastet und mehr Arbeitsplätze in ländlichen Regionen geschaffen werden. Die Wohnungswirtschaft fordert steuerliche Anreize für Wohnungsbau. «Alles Herumdoktern an der Mietpreisbremse hilft den verzweifelten Menschen nicht, die in den Hausfluren stehen und eine passende Wohnung suchen», sagt Verbandspräsident Axel Gedaschko.

Veröffentlicht am:
24. 01. 2019
15:48 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Axel Gedaschko Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Euro Justizminister Katarina Barley Mietervereine Mietpreisbremsen SPD Vermieter Vormieter Wohnungsbau
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Straftat

14.05.2019

Politische Kriminalität: Die radikalen Ränder fransen aus

Wenn die Zahl der Straftaten mit politischem Hintergrund sinkt, ist das eigentlich eine gute Nachricht. Innenminister Seehofer sieht trotzdem keinen Anlass zur Freude. » mehr

Wohnungsgesuch

05.09.2018

Was Mieter künftig gegen Wuchermieten tun können

Ob als Single, Paar oder Familie, in vielen Städten ist die Wohnungssuche eine echte Tortur - und die Mieten klettern immer weiter. Immerhin: In Zukunft sollen Mieter mehr Rechte und Vermieter mehr Pflichten haben. Ein Ü... » mehr

CO2-Preis

12.07.2019

Der Preis für die Klimasünden

Ökostrom-Ausbau, Kaufprämien für E-Autos, Fördergeld für neue Fenster - bisher reicht das nicht, um beim Klimaschutz in Deutschland schnell voranzukommen. Deshalb wollen viele, dass der Treibhausgas-Ausstoß teurer wird -... » mehr

Kohlendioxid

05.07.2019

CO2-Steuer auf Sprit und Heizen - Was bedeutet das für wen?

Tanken und Heizen mit Öl und Gas wird teurer, trotzdem sollen viele Menschen am Ende sogar mehr im Geldbeutel haben: Das ist die Idee von Umweltministerin Schulze. Was würde ein CO2-Preis samt «Klimaprämie» bedeuten - fü... » mehr

Merkel hat erneut Zitteranfall

28.06.2019

Mutet sich die Kanzlerin zu viel zu?

Zweimal innerhalb von ein paar Tagen wird die Kanzlerin von einem Zitterkrampf durchgeschüttelt. Viele Menschen sorgen sich um Merkels Gesundheitszustand. Doch sie macht weiter, als sei nichts passiert. » mehr

Andrea Nahles

26.05.2019

Was nun, Frau Nahles? Die GroKo muss schwer einstecken

Die schwarz-rote Regierung muss 14 Monate nach ihrem Start schon wieder Zittern. Übersteht die Koalition die massiven Verluste in Europa? Oder verliert die SPD die Nerven? » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Wiesenfest Selbitz

Wiesenfestmontag in Selbitz | 22.07.2019 Selbitz
» 115 Bilder ansehen

Nacht der Sinne 2019

Nacht der Sinne 2019 | 20.07.2019 Hof
» 104 Bilder ansehen

Hofer Gealan-Triathlon Hof

Hofer Gealan-Triathlon | 21.07.2019 Hof
» 223 Bilder ansehen

Autor

dpa

Kontakt zur Redaktion

Veröffentlicht am:
24. 01. 2019
15:48 Uhr



^
Ändern Einverstanden

Diese Webseite nutzt Cookies für Funktions-, Statistik- und Werbezwecke. In unserer » Datenschutzerklärung können Sie die Cookie-Einstellungen ändern. Wenn Sie der Verwendung von Cookies zustimmen, klicken Sie bitte "Einverstanden".