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Hintergründe

Der Ruin des Karibik-Sozialismus

Das Elend in Venezuela fängt schon am Flughafen an. Das Öl wurde zum Segen und Fluch zugleich - aber auch deutsche Unternehmen stehen vor der Frage: Besser bleiben, um dabei zu sein, wenn die Wende kommt?



Politische Krise in Venezuela
Eine gewaltige Menschenmenge hat sich am 23. Januar 2019 bei einem Protest gegen die Regierung von Präsidenten Maduro in Caracas versammelt.   Foto: Rodolfo Churion

Lange Zeit war Venezuela ziemlich flüssig. Und da die USA das meiste Erdöl abnehmen, setzte Präsident Nicolás Maduro auch auf Donald Trump. Der in Texas beheimatete Ölkonzern Citgo, der dem venezolanischen Staatskonzern PDVSA gehört, spendete satte 500.000 Dollar für die Vereidigungsfeier des neuen US-Präsidenten 2017.

Chef von Citgo ist übrigens ein Cousin von Hugo Chávez, der den «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» begründete, bevor Maduro nach Chávez' Tod 2013 das Erbe des Staatschefs fortführte. Trump könnte den Hahn bald zudrehen, um Maduros Sturz zu erzwingen - er hat dessen Gegenspieler, den Präsidenten des entmachteten Parlaments, Juan Guaidó als Staatschef anerkannt.

Ein Ölboykott könnte Maduro und der vom Militär dominierten Staatswirtschaft den Todesstoß versetzen - aber zugleich den Weltmarktpreis in Zeiten einer fragilen Konjunktur erhöhen. Und das Elend der Bürger so verschärfen, dass ein Szenario bis hin zum Bürgerkrieg drohen könnte. Daher versuchte es Washington bisher mit dem Einfrieren ausländischer Konten führender Sozialisten.

Nun gibt es zwei Präsidenten, aber was bleibt: Das einst reichste Land Südamerikas ist ruiniert - obwohl es die größten Ölreserven der Welt hier gibt. Wer den Niedergang begutachten will, bekommt schon am Flughafen Simón Bolívar bei Caracas einen guten Eindruck. Leere Duty Free Shops, stillstehende Gepäckbänder, kaum Licht. Auf der Toilette kein Klopapier. Kaum eine Airline fliegt noch in das Land, auch die Lufthansa stellte schon 2016 nach 45 Jahren den Betrieb ein.

Bis dahin flog die Lufthansa auch noch den badischen Spargel und den Wein für das traditionelle Spargelessen der Deutsch-Venezolanischen Industrie- und Handelskammer ein. Doch von rund 15 Dax-Konzernen, die hier einst vertreten waren, ist kaum noch einer größer aktiv.

Wer noch da ist, ist zum Beispiel Siemens. Es geht auch immer darum bei Unternehmen, ob man noch ein Fuß in der Tür hat, wenn es zum Machtwechsel und einer Rückkehr zur Marktwirtschaft kommen sollte.

Sogar die lange zögernde Bundesregierung von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hat am Freitag merklich den Druck erhöht. «Venezuela braucht jetzt freie und faire Wahlen», sagt Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Bundesregierung spreche sich dafür aus, «Juan Guaidó als Interimspräsident des Landes anzuerkennen, sofern es nicht umgehend zu solchen freien und fairen Wahlen kommt.» Nach Venezuela gingen zuletzt nur knapp 0,1 Prozent der deutschen Gesamtausfuhren. Der Weltbank zufolge sind die Geschäftsbedingungen für Unternehmen in kaum einem Land so schlecht. In einem Index belegte Venezuela 2018 Platz 188 von 190 Ländern. Nur Eritrea und Somalia lagen dahinter.

Die Korruption blüht, und das Öl wurde zu Segen und Fluch zugleich. Ähnlich wie in Brasilien in der Regierungszeit von Luiz Inácio Lula da Silva verschaffte der lange Zeit hohe Ölpreis dem Land mit den größten Reserven weltweit den Spielraum, um Millionen Menschen neue Wohnungen und ein würdiges Leben zu spendieren. Doch anstatt in den Boom-Jahren die Abhängigkeit zu verringern - 95 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Ölexport - wurde weiter fast alles aus dem Ausland importiert, von Toilettenpapier bis zu den meisten Lebensmitteln.

Als dann der Ölpreis einbrach und die Inflation die höchste der Welt wurde, verschärfte sich die Krise dramatisch. Ohne die großen Unterstützer China, Türkei, Iran und Russland, wäre Maduro sicher schon längst am Ende. Laut Berichten soll allein China zwischen 50 und 60 Milliarden US-Dollar an Krediten gegeben habe, die in Öl zurückgezahlt werden. In den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres importierte China lau der Finanzagentur Bloomberg 340 000 Barrel Öl pro Tag - 3,7 Prozent seiner gesamten Einfuhren. Russland hat Venezuela mit geschätzt 17 Milliarden US-Dollar unterstützt. Die meisten Geschäfte laufen über den Ölriesen Rosneft, der mit dem venezolanischen Staatskonzern PDVSA Öl in Südamerika fördert.

Doch die Fördermengen sind dramatisch eingebrochen, auch weil Geld fehlt, um die Industrie zu erneuern. Mehr als zehn Prozent der US-Ölimporte kamen zeitweise aus dem Land des Klassenfeindes - es ist nicht einfach, dafür schnell Ersatz zu finden. Das Öl ist zwar von minderer Qualität, schwerer, aber daher auch im Vergleich günstiger. Die Statistiken des US-Energieministeriums zeigen, wie die Menge eingebrochen ist - von zeitweise 1,8 Millionen Barrel am Tag im Jahr 2000 auf zuletzt im Schnitt 589.000 Barrel am Tag im Oktober 2018.

Durch die Geldentwertung und eine historisch tiefe Rezession fehlen die Mittel, um noch genug Lebensmittel einzuführen, Kindern sterben täglich mangels Medizin in Krankenhäusern. Bis zu drei Millionen Menschen sind vor dem Elend geflohen, vor allem nach Kolumbien. Und die, die geblieben sind, stehen oft in Schlangen vor Supermärkten.

Überall wühlen Menschen im Müll nach Essen - während die immer noch in großer Zahl vorhandene Oberschicht per WhatsApp völlig überteuerte Lieferungen vom Schwarzmarkt in die Tiefgaragen ihrer streng gesicherten Luxusapartments bestellt. «Ein Kilogramm Käse kostet 18 Tage Mindestlohn, ein Kilo Fleisch fast einen Monatslohn», schreibt der frühere Planungsminister Ricardo Hausmann in einer Analyse. Er fordert internationale Hilfe, um den «Alptraum» zu beenden. Das Land ist eine «Blackbox», vieles liegt im Dunkeln. Wie konnte es trotz der immensen Bodenschätze so steil bergab gehen? Wer hat sich wie stark bereichert? Wer kontrolliert wie die Staatswirtschaft? Wie werden die Militärs ruhiggestellt? Mafiöse Strukturen dominieren im ganzen Land.

Wer die Ölindustrie bei Maracaibo besucht, kann den ganzen Ruin spüren, auch die Umweltverschmutzungen sind dramatisch. Maduro hat nach örtlichen Berichten fast die gesamten Goldreserven verscherbelt, aber dank des Öls gibt es immer noch Devisen, um den Machterhalt zu sichern. Und es wurden Abhängigkeiten in der Not geschaffen. Um in den Genuss von günstigen Lebensmittelpaketen (Öl, Reis, Thunfisch, Milchpulver und Mehl) zu kommen, muss man ein «Carnet de la Patria» beantragen - und erklären, die Regierung zu unterstützen. Nur mit diesem «Vaterlandsausweis» gibt es bestimmte Leistungen des Staates, darüber wurde auch kontrolliert, ob man für Maduro gewählt hat.

Die Lage ist so düster, dass einfach keine Daten mehr veröffentlicht werden. Auch die Weltbank tappt im Dunkeln. Von 2014 bis 2015, den letzten verfügbaren Daten, brach die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung nach Angaben von «Focus Economics» von 15.929 US-Dollar auf 6042 US-Dollar ein.

Die Venezolaner sind zu Lebenskünstlern geworden - in der Hoffnung auf einen Wandel. In Mérida zum Beispiel schaffte es die Heladería Coromoto einst mit bis zu 870 verschiedenen Eissorten in das Guinness-Buch der Rekorde, darunter so wunderbare Kreationen wie «Amor de mi Vida» («Liebe meines Lebens») und «Corazón mio» («mein Herz»). Doch weil keine Milch und andere Zutaten zu bekommen sind, steht an der berühmten Eisdiele immer öfter: «Leider geschlossen».

Veröffentlicht am:
25. 01. 2019
14:39 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
25. 01. 2019
14:39 Uhr



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