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Hintergründe

Fünf Leichen und ein Mittelalterladen: Der Armbrust-Fall

In einer Passauer Pension werden drei Tote mit Armbrustpfeilen gefunden. Was hat sich dort abgespielt? Die Ermittler haben eine Vermutung. Doch da sind noch zwei andere Leichen. Und eine Spur führt in den Westerwald.



Mittelalterladen im Westerwald
Diesen Mittelalterladen im Westerwald betrieb der 53-Jährige, der tot in einer Pension in Passau gefunden wurde.   Foto: Thomas Frey

Es ist ein skurriler Ort, dieser abgelegene Mittelalterladen in der Kleinstadt Hachenburg im Westerwald. Hinter einem Fenster des Gewerbegebäudes räkelt sich auf einem Tresen eine Schaufensterpuppe in schwarzen Nylonstrümpfen, mit an Blut erinnernder Farbe verschmiert.

Blaue Seile hängen um die Arme und Beine der Puppe, Ketten um den Hals. Am Eingang kündigt eine Tafel Schwertkampftraining dienstags und donnerstags an. Hinten türmen sich leere Holzkisten, daneben hängen zwei Tempelritter-Fahnen. Auch eine Feuerstelle und eine Streitaxt sind zu sehen.

Diesen Laden betrieb ein 53-Jähriger, der leblos in einer Pension rund 600 Kilometer entfernt in Passau gefunden wurde - Hand in Hand auf dem Bett liegend mit einer 33-jährigen Frau. Neben ihnen auf dem Boden: eine 30-jährige Frau. In den Körpern der drei Toten steckten Pfeile aus einer Armbrust. Damit begann ein bizarrer Fall, bei dem es immer neue Wendungen gibt.

Denn in der Wohnung der 30-Jährigen im niedersächsischen Wittingen wurden kurz darauf zwei weitere Frauenleichen entdeckt. Eine der Frauen war laut Polizei die Lebensgefährtin der 30-Jährigen. Hinweise auf äußere Gewalt gibt es nicht - es spricht nach Ansicht der Ermittler einiges für Suizid.

Während immer mehr Details ans Licht kommen, wirft der Fall noch viele Fragen auf. In welcher Beziehung standen alle fünf Toten zueinander? Wie hängen die Geschehnisse an den unterschiedlichen Schauplätzen zusammen? Und wie starben die zwei Frauen in Wittingen?

Für das Trio in Passau hat die dortige Staatsanwaltschaft erste Antworten gegeben. Es deute alles darauf hin, dass die 30-Jährige erst die beiden anderen und dann sich selbst erschossen habe, teilt die Behörde am Dienstag mit. Sie geht von Tötung auf Verlangen beziehungsweise erweitertem Suizid aus.

Dafür spricht aus Sicht des Kriminologen Christian Pfeiffer «die Inszenierung» des Ganzen, wie sie in Medienberichten dargestellt wurde. Dass sie in der Pension kein Frühstück bestellt hätten. Oder dass die beiden Frauen in dunkler Kleidung angereist seien. Laut Staatsanwaltschaft hatte das Trio kein Gepäck dabei - nur drei Armbrüste.

Hat sich das Trio also zu einem aufsehenerregenden Abschied von der Welt verabredet? Ruth Belzner, Psychologin und Vorsitzende der Evangelischen Konferenz für Telefonseelsorge, mahnt, zwischen erweitertem und gemeinsamem Suizid zu unterscheiden. Bei erweitertem Suizid würden Menschen gegen ihren Willen mit in den Tod gerissen, wie sie definiert. «Bei gemeinsamem Suizid würde ich davon ausgehen, dass es eine verabredete Selbsttötung war, bei der alle Beteiligten einverstanden sind», erklärt sie.

Die Gründe, wieso Menschen sich gemeinsam das Leben nehmen, seien so unterschiedlich wie die Menschen selbst, sagt Belzner. «Es kann sein, dass die Bereitschaft größer ist, diesen letzten Schritt zu tun, wenn man ihn gemeinsam tut. Dass es ihnen subjektiv leichter fällt.»

Vielleicht stecke auch eine Botschaft an Zurückgebliebene darin. Die Frage einer möglichen Botschaft hält Belzner in dem Passauer Fall für naheliegend. «Ich würde vermuten, dass es darum ging, ein Signal zu senden und nicht einfach nur zu gehen.» Dafür spreche auch das spektakuläre Mittel einer Armbrust. Über den Inhalt einer solchen Botschaft will die Psychologin aber nicht spekulieren.

Aus Sicht des Kriminologen Pfeiffer muss die Polizei im Fall eines großangelegten Suizids mit möglicherweise fünf Beteiligten nun auch klären, ob es einen sechsten Menschen gibt, der vom Tod der anderen profitiert - zum Beispiel, wenn ein Testament vorliegt. «Gibt es einen Nutznießer? Jemanden, der die anderen vielleicht zu der Tat überzeugt hat?»

In dem idyllisch gelegenen Westerwalddorf nahe Hachenburg, in dem der 53-Jährige gelebt hat, bewachen unterdessen zwei Polizisten in einem Streifenwagen das große Wohnhaus des Toten. Teils unverputzt, dreistöckig, steht es an einer kleinen Straße.

Dennis, ein 28-jähriger Anstreicher, sagt: «Der Ort ist geschockt. Das ist hier eine verschlafene Gegend, hier fällt höchstens mal eine Kuh um, so was kennt man hier gar nicht.» Am Montag sei viel Kripo bei dem Wohnhaus des Getöteten gewesen. «Seinen Sohn haben sie wohl als Zeugen mitgenommen.» Alles sei sehr merkwürdig. «Wer weiß, was in seinem Kopf vorging?»

Veröffentlicht am:
14. 05. 2019
18:13 Uhr

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dpa

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Veröffentlicht am:
14. 05. 2019
18:13 Uhr



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