Lade Login-Box.
Topthemen: Bilder vom WochenendeHofer Filmtage 2019EhrenamtskampagneVER Selb

Hintergründe

Schluss mit «Dämonenaustreibung»

Elektroschocks, Gehirnwäsche, Dämonenaustreibung - mit zum Teil unmenschlichen «Therapien» wurde in der Geschichte versucht, Homosexualität zu «heilen». Und auch heute findet manches davon noch statt, berichten Betroffene. Jetzt wird die Politik aktiv.



Homosexuelles Paar
Zwei schwule Männer halten Händchen. - Laut Bundesstiftung Magnus Hirschfeld ist «das Ausmaß von Konversionsversuchen in Deutschland viel stärker als angenommen».   Foto: Michael Reichel

Bastian Melcher hat sich fast acht Jahre lang durch verschiedene «Therapiemaßnahmen» gequält: Gespräche, Gebete, Dämonenaustreibung - der 30-Jährige wollte seine als falsch empfundenen homosexuellen Gefühle loswerden.

«Und das hat letztendlich zur Folge gehabt, dass ich in eine Depression gefallen bin. Ich habe mich selbst verletzt und wollte mir mehrmals das Leben nehmen».

Melcher ist in einem streng religiösen Elternhaus in Bremen aufgewachsen. «Und in dem christlichen Umfeld war es einfach klar, dass es Mann und Frau gibt und dass Homosexualität von Gott nicht gewollt ist.» Er habe Druck verspürt, weil er zur Kirche gehören wollte, «weil ich ein guter Christ sein wollte». Deshalb habe er von selbst das Gespräch gesucht mit Seelsorgern und Pastoren und diese «Therapien» gemacht, berichtet er. Am Ende wurde er psychisch krank davon.

Ähnlich erging es Mike F. aus Bad Homburg. Zwanzig Jahre sind die «Therapie»-Versuche bei ihm her. Der 40-Jährige berichtet, wie er schließlich bei einem christlichen Seelsorge-Verein landete, der ihm eine «therapeutische Maßnahme» anbot. «Angerichtet hat es sehr viel in mir. Ich war überfordert, habe mich selbst distanziert von meinen Mitmenschen, weil ich nahegelegt bekommen habe, verlass deine homosexuellen Freunde, damit die Therapie Erfolg hat». Zehn Jahre lang habe er abstinent gelebt, außer einem Händedruck nichts zugelassen. «Das hat mich einsamer und psychisch kaputt gemacht und mir sehr viel Zeit meines Lebens geraubt.» Auch er hatte Suizidgedanken.

Zwei von schätzungsweise Tausenden Fällen pro Jahr. Zahlen gibt es nicht, aber «das Ausmaß von Konversionsversuchen ist in Deutschland viel stärker als angenommen», sagt Jörg Litwinschuh-Barthel von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Das reiche vom familiären Umfeld, Coaches und Therapeuten über Gebete bis hin zu Exorzismus. Die Stiftung hat sich im Auftrag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) genauer mit dem Thema beschäftigt, mit Blick auf ein mögliches Verbot. Am Dienstag wurden in Berlin Ergebnisse präsentiert. Experten und Gutachter kommen zu dem Schluss: Ein Verbot solcher «Umpolungsversuche» ist sowohl medizinisch geboten als auch rechtlich möglich.

Spahn hat daraufhin angekündigt, dass er noch in diesem Jahr ein Verbot auf den Weg bringen will. «Konversionstherapien machen krank und sind nicht gesund», so der Minister. Es brauche ein starkes Signal des Staates, um Homosexuelle vor Pathologisierung, Diskriminierung, Stigmatisierung und Leid zu schützen. Widerstände gegen seine Pläne muss er nicht befürchten. Denn auch die Bundesländer haben sich im Bundesrat schon für ein Verbot ausgesprochen, und aus dem Bundestag kommt ebenfalls Zustimmung.

«Es ist ein Skandal, dass im Jahr 2019 Pseudotherapien, die darauf abzielen, die homosexuelle Orientierung zu ändern, nach wie vor in Deutschland stattfinden», sagt die bei den Grünen für Lesben- und Schwulenpolitik zuständige Sprecherin, Ulle Schauws. Die Koalition müsse nun schnell einen Gesetzentwurf vorlegen. Ähnlich äußert sich auch ihr Kollege aus der FDP-Fraktion, Jens Brandenburg: «Was keine Krankheit ist, kann man nicht heilen. Es ist gut, dass die Vorbereitung eines Verbots der menschenverachtenden Umpolungstherapien nun endlich Fahrt aufnimmt.» Die SPD-Abgeordnete Hilde Mattheis rechnet mit einer breiten Mehrheit, «denn die meisten Abgeordneten sind sich im Ziel einig: Wir wollen, dass kein Mensch mehr hierzulande unter Konversionsmaßnahmen zu leiden hat».

Gesundheitsminister Spahn will mehrere Dinge gleichzeitig angehen: Eine Änderung des Strafrechts, damit gegen Anbieter der «Konversionstherapien» zum Beispiel Geldbußen verhängt werden können. Außerdem plant er berufsrechtliche Regelungen für Ärztinnen oder Ärzte, «die gegen ihren Berufsethos möglicherweise solche Behandlungen anbieten», und sozialrechtliche Regelungen, damit die Krankenkassen nicht auch noch dafür bezahlen müssen. Ausschließen lässt sich nicht, dass Einzelne Therapeuten oder Ärzte über falsche Diagnoseschlüssel so etwas bei der Krankenkasse abrechnen. Spahn setzt bei seinem Verbot vor allem auf den aufklärerischen Effekt: «Wenn man weiß, dass etwas verboten ist, dann führt das auch zu einem anderen Umgang damit».

Mike F. und Bastian Melcher unterstützen die politische Debatte heute aktiv, indem sie offen über ihre Erfahrungen mit den pseudo-therapeutischen «Umpolungsversuchen» berichten. Für sich persönlich haben sie mit dem Kapitel abgeschlossen. Beide sagen, sie leben jetzt glücklich in einer Beziehung. Im Sommer steht bei Mike sogar die Hochzeit mit seinem Partner an. Dass die Politik jetzt etwas tut, findet er «unheimlich wichtig, weil es mehr von diesen Therapien gibt, als die Leute denken».

Autor

Von Jörg Ratzsch
Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
11. 06. 2019
17:46 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Behandlungen Bundesgesundheitsminister CDU Deutscher Bundesrat Deutscher Bundestag FDP-Fraktion Familien Gesundheitsminister Jens Spahn Lesben Magnus Hirschfeld Minister Pfarrer und Pastoren Psychische Erkrankungen Sozialrecht Therapeutinnen und Therapeuten
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Masernimpfung

05.05.2019

Spahns Pläne zur Masern-Impfpflicht

Die Masern ausrotten - das ist das Ziel des Gesundheitsministers. Gegen eine «fortschreitende Impfmüdigkeit» will Jens Spahn verpflichtende Impfungen für Kinder setzen. Andernfalls drohen empfindliche Sanktionen. » mehr

Amtseinführung

17.07.2019

Letzte Chance Bundeswehr? Politiker hinterfragen AKK

CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer übernimmt nach einer Kehrtwende die Befehls- und Kommandogewalt über die Streitkräfte. Wird die Bundeswehr nun «Chefsache», wie es die CDU den Bürgern erklärt? Oder geht es um Kramp-Karrenbau... » mehr

Notaufnahme

22.07.2019

Rettungsplan für Notaufnahmen - Spahn setzt zu großer OP an

Millionen Patienten suchen jedes Jahr die Notaufnahmen der Krankenhäuser auf - nicht alle bräuchten aber sofort eine Behandlung. Nun will der Gesundheitsminister eine grundsätzliche Reform. » mehr

Annegret Kramp-Karrenbauer

21.07.2019

Kramp-Karrenbauer schlägt erste Pflöcke ein

Seit wenigen Tagen ist sie im Amt. Ob Merkels Entscheidung richtig war, Kramp-Karrenbauer zur neuen Oberbefehlshaberin der Bundeswehr zu machen, darüber wird viel diskutiert. Nun setzt die neue Ministerin erste Akzente. » mehr

Annegret Kramp-Karrenbauer

17.07.2019

AKK muss sich bei der Truppe bewähren

CDU-Chefin Kramp-Karrenbauer hat mit einem Wechsel in die Bundesregierung lange gezögert. Zeitweise hat sie einen Kabinettsposten unter Angela Merkel sogar ausgeschlossen. Am Dienstagabend ging dann alles überraschend sc... » mehr

Annegret Kramp-Karrenbauer und Ursula von der Leyen

17.07.2019

Volles Risiko: Kramp-Karrenbauer übernimmt Bundeswehr

Schleudersitz oder Sprungbrett auf den Stuhl der Kanzlerin? Das sind die absoluten Gegenpole des neuen Amtes von Annegret Kramp-Karrenbauer. Der CDU-Chefin tritt ins Kabinett ein und geht voll ins Risiko. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Lkw kracht auf A 9 in Warnleitanhänger: Fahrer verletzt Gefrees/Münchberg

A9/Münchberg/Gefrees: Lkw kracht in Warnleitanhänger | 17.10.2019 Gefrees/Münchberg
» 25 Bilder ansehen

Michael Mittermeier - Lucky Punch

Michael Mittermeier - Lucky Punch | 16.10.2019 Hof
» 28 Bilder ansehen

"Trails 4 Germany" in Kulmbach

"Trails 4 Germany" in Kulmbach | 14.10.2019 Kulmbach
» 10 Bilder ansehen

Autor

Von Jörg Ratzsch

Kontakt zum Autor

Veröffentlicht am:
11. 06. 2019
17:46 Uhr



^