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Hintergründe

Höllisch oder kleinformatig? Ankara und die US-Sanktionen

Die USA haben der Türkei mehrmals mit der Zerstörung ihrer Wirtschaft gedroht, sollten sie die Kurdenmilizen in Nordsyrien angreifen - jetzt machen sie mit ersten Sanktionen ernst. Wie reagieren die empfindliche türkische Währung und Investoren?



Wechselkurse
Im zweiten Halbjahr 2018 war die türkische Wirtschaft in eine Rezession gerutscht, der Kurs der Lira brach dramatisch ein.   Foto: Lefteris Pitarakis/AP/dpa

Die USA haben Sanktionen gegen drei Minister sowie zwei Ministerien angekündigt, außerdem die Anhebung von Strafzöllen auf Stahlimporte aus der Türkei auf 50 Prozent und den Abbruch von Verhandlungen über ein Handelsabkommen. Was sind die Konsequenzen für die türkische Wirtschaft - unter anderem die Landeswährung und die deutsch-türkischen Handelsbeziehungen?

DIE WÄHRUNG: Im vergangenen Jahr hatten amerikanische Sanktionen wegen eines anderen Streitfalls zwischen Ankara und Washington sofort eine handfeste Währungskrise ausgelöst. Diesmal gab die türkische Lira nur leicht nach. Das liegt auch daran, dass die USA mit den Sanktionen zunächst noch vorsichtig umgegangen sind. «Sanktionen aus der Hölle» hatte ein einflusreicher US-Senator vor kurzem angekündigt. Sie seien ja dann eher «kleinformatig» ausgefallen, urteilte der türkische Wirtschaftsexperte Mustafa Sönmez am Dienstag.

Der Leiter der deutsch-türkischen Handelskammer in Istanbul, Thilo Pahl, erklärt die eher verhaltenen Zuckungen der Währung so: «Die Reaktion ist nicht ganz so überschießend wie bei den amerikanischen Sanktionen im vergangenen Jahr, aber das liegt auch daran, dass einige wirtschaftliche Faktoren stabiler sind als damals.» Die Teuerungsrate liege mittlerweile im einstelligen Bereich, die Zinsen seien angepasst gesenkt worden.

Aus dem Schneider sind türkische Währung und Wirtschaft damit nicht: Die USA drohen mit weiteren Sanktionen, sollte es in Nordsyrien nicht bald einen Waffenstillstand geben. Und Mustafa Sönmez warnt, die größere, langfristige Sorge» sei, dass Sanktionen «den übergreifenden Appetit von ausländischen Investoren» dämpfen könnten. «Wir sehen erste Zeichen mit Firmen wie Volkswagen.»

DIE VOLKSWAGEN-INVESTITION: Volkswagen hat angesichts der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien den Entscheidung über den Bau einer neuen Fabrik nahe Izmir verschoben. Zuvor hieß es lange Zeit, dass man in finalen Verhandlungen sei. Die Türkei könnte das Risiko, diesen Mega-Investor zu verlieren, «eher beeindrucken» als die zarten amerikanischen Sanktionen, meint der Türkei-Experte Necip Bagoglu von der Außenwirtschaftsgesellschaft Germany Trade & Invest. Die Regierung habe sich von der Milliardeninvestition positive Signale für die gesamte gebeutelte Wirtschaft erhofft - vor allem, dass wieder mehr ausländische Investoren kommen.

DEUTSCH-TÜRKISCHE WIRTSCHAFTSBEZIEHUNGEN: Die Sanktionen kommen für die türkische Wirtschaft zur Unzeit, sagt Thilo Pahl von der Handelskammer in Istanbul. «Die Wirtschaft hatte gerade wieder Fuß gefasst und sich sogar besser entwickelt, als vor einem Jahr absehbar war.» Nun sei durch die Entwicklung in Nordsyrien und die scharfen internationalen Reaktionen «wieder Unsicherheit da, wie es mit der Türkei weitergeht». Er höre zum Beispiel von Unternehmern aus dem Mitgliederkreis der Handelskammer, dass es aktuell wieder schwierig sei, mit den Mutterhäusern über zusätzliche Investitionen zu verhandeln. Die würden «eher wieder aufgeschoben statt angeschoben». Das habe vor kurzem noch anders ausgesehen.

TOURISMUS: Der Tourismus ist ein Zugpferd der türkischen Wirtschaft. Schon Ende August zeigte sich in den offiziellen Statistiken bei den Besucherzahlen im Jahresvergleich ein Plus von 14,7 Prozent. Noch 2016 und 2017 waren die Zahlen wegen eines Putschversuchs und einer Serie von Anschlägen eingebrochen. Der Vorsitzende der Türkischen Hotelierföderation, Osman Ayik, rechnete aber trotz neuer Krisennachrichten zunächst nicht damit, dass die Offensive oder die internationalen Proteste Touristen abschrecken werden. Zum einen werde der Militäreinsatz nicht sehr lange dauern. «Außerdem sind die touristischen Regionen in der Türkei sehr weit entfernt von den Regionen, in denen die Offensive stattfindet», sagte Ayik.

Allerdings könnte ein anderes Risiko dem Sektor gefährlich werden. Experten warnen, dass die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK in Solidarität mit den in Nordsyrien angegriffenen kurdischen YPG-Milizen versuchen könnte, wieder mehr Anschläge in der Türkei zu verüben. Die YPG pflegt enge Verbindungen zur PKK. Anschläge in türkischen Großstädten wie zuletzt 2016 - vor allem mit ausländischen Opfern - würden den Tourismus empfindlich treffen.

INFLATION UND INNENPOLITISCHER DRUCK: Sollten die USA bei den Sanktionen nachlegen, könnte es doch noch zu der befürchteten Währungskrise kommen. Thilo Pahl warnt: «Je länger die Unsicherheit dauert, desto größer wird der Druck auf die Lira - und damit auch die Preise und die Inflation.» Das wäre für Präsident Erdogan ein großes Problem. Die Türken hatten ihm wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage bei den Kommunalwahlen im Frühjahr die Quittung gegeben - vor allen in Großstädten verlor seine Regierungspartei AKP an Zustimmung und Bürgermeisterämter. Ein besonders großer Aufreger waren die hohen Lebensmittelpreise. Das panische Bemühen der Regierung um Schadensbegrenzung ging so weit, dass sie begann, in einigen Großstädten Gemüse zu Einkaufspreisen abzugeben.

Veröffentlicht am:
17. 10. 2019
13:01 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
17. 10. 2019
13:01 Uhr



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