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Hintergründe

Green Deal: Von der Leyen bläst zur Klimarevolution

Um die Überhitzung der Erde zu stoppen, soll die Europäische Union ab 2050 keine neuen Treibhausgase mehr in die Atmosphäre blasen. Das ist das Ziel des «Green Deal». Aber ist das überhaupt möglich?



Braunkohle-Tagebau
Braunkohle-Tagebau in Sachsen-Anhalt: Viele ohnehin arme Regionen Deutschlands werden vom Kohleausstieg schwer getroffen.   Foto: Jan Woitas/ZB/dpa

Ursula von der Leyen sparte nicht mit großen Worten. «Wir geben dann unser Bestes, wenn wir mutig sind und das Ziel hoch stecken», sagte die EU-Kommissionschefin am Mittwoch im Europaparlament. «Mit unserem Green Deal stecken wir das Ziel hoch.» Bis 2050 soll Europa als erster Kontinent «klimaneutral» werden, das hat sich von der Leyen vorgenommen.

Was das bedeutet, kann man vielleicht beim Blick aus einem Fenster in der Innenstadt erahnen: Alle Autos, die sich heute durch verstopfte Straßen quälen, sollen in 30 Jahren ersetzt sein durch abgasfreie Modelle, alle Häuser so gedämmt, dass man praktisch nicht mehr heizen oder kühlen muss. Städte sollen begrünt und unzählige neue Bäume gepflanzt werden. Die Industrie soll ohne Abgase produzieren, Bauernhöfe ebenfalls, Stromerzeuger sowieso. Es ist ein neues Wirtschaftsmodell, das von der Leyen fordert, ein völlig anderes Europa, ein Generationenprojekt.

Mit dem Plan steht die Deutsche nicht allein - in der Sondersitzung des EU-Parlaments signalisierten die großen Parteien Unterstützung. Auch fast alle EU-Staaten stehen hinter dem Ziel der «Klimaneutralität» bis 2050, das schon beim EU-Gipfel am Donnerstag offiziell festgeschrieben werden soll. Doch stellten sich bis zuletzt Polen, Ungarn und Tschechien quer. Kommen sie nicht an Bord, wäre das Schicksal des «Green Deal» ungewiss. Und das gewünschte Signal an die in Madrid laufende UN-Klimakonferenz wäre verpufft.

WAS DER GREEN DEAL IST

Kern des «Green Deal» sind zwei Ziele: Ein Klimagesetz, das bis März 2020 vorliegen soll, soll die «Klimaneutralität 2050» unumkehrbar verankern. Bis dahin sollen alle Treibhausgase vermieden oder gespeichert werden. Nötig ist dafür ein kompletter Umbau von Industrie, Energieversorgung, Verkehr und Landwirtschaft. Der zweite Punkt ist ein ehrgeiziges Etappenziel: Die EU soll bis 2030 ihre Klimagase um 50 bis 55 Prozent unter den Wert von 1990 bringen. Bisher geplant ist ein Minus von 40 Prozent.

WAS IM GREEN DEAL STECKT

An den neuen Zielen soll die gesamte EU-Gesetzgebung ausgerichtet und mit einer Mischung aus Anreizen, Hilfen und Vorgaben umgesetzt werden. Allein die Überschriften der für 2020 und 2021 angekündigten Gesetzentwürfe und Programme füllen drei Seiten. Schon im Januar soll ein «Mechanismus für einen fairen Wandel» vorgestellt werden. Kern ist ein Fonds, aus dem Regionen Geld bekommen, für die der Umbau besonders hart ist, Kohlereviere zum Beispiel. 100 Milliarden Euro sollen mobilisiert werden. Dann folgen eine Industriestrategie; Importhürden für klimaschädlich produzierte Waren; eine Strategie für sauberen Verkehr und neue Emissionsgrenzwerte für Autos; die Ausweitung des Emissionshandels bei Schiffs- und Flugverkehr; schnellerer Ausbau von Energieeffizienz und Ökoenergie.

Geplant sind auch neue Standards für saubere Luft und sauberes Wasser; eine auf Umwelt und Klima ausgerichtete Agrarreform; die drastische Reduzierung von Pestiziden und Düngern; ein Plan zur Aufforstung und zum Erhalt von Wäldern. Insgesamt will von der Leyen grüne Investitionen für eine Billion Euro anstoßen. Kritikern der hohen Kosten hält sie entgegen: «Wir sollten nicht vergessen, wie teuer es wäre, nicht zu handeln.» Milliarden kosten schon jetzt die Folgen von Überschwemmungen, Dürren und anderen Wetterkatastrophen.

WAS DER GREEN DEAL BEWIRKEN SOLL

Ziel ist es, die Überhitzung der Erde abzuwenden und damit katastrophale Folgen so weit wie möglich zu vermeiden. Das ist schon 2015 im Pariser Klimaabkommen vereinbart. Dort heißt es, die globale Erwärmung solle bei unter zwei Grad, möglichst sogar bei 1,5 Grad gestoppt werden, gemessen an vorindustrieller Zeit. Nach neuen Warnungen der Wissenschaft ist eigentlich nur noch vom 1,5-Grad-Ziel die Rede. Auch die Vereinten Nationen fordern «Klimaneutralität» bis 2050. Die EU will Vorreiter sein und ihre technischen Lösungen dann auch in alle Welt verkaufen. Von der Leyen betont das besonders: «Der europäische Green Deal ist unsere neue Wachstumsstrategie.»

WAS DIE KRITIKER SAGEN

Umweltverbände und die Grünen halten vor allem das Ziel für 2030 für unzureichend. Um das Pariser Abkommen umzusetzen, müssten die Klimagase dann schon um 65 Prozent gesenkt sein, sagt zum Beispiel Greenpeace. Konservative und die Industrie sagen hingegen, Klimaneutralität 2050 sei nach jetzigem Stand gar nicht möglich. Von «magischem Denken» sprach neulich der Bundesverband der Deutschen Industrie. Außerdem habe Europa nur einen Anteil von neun Prozent an den weltweiten Treibhausgasen und die Großverschmutzer China und USA teilten den Ehrgeiz nicht. Von der Leyen hält dagegen. «Es wird ein langer und mitunter holpriger Weg, ohne Frage», sagte sie im Parlament. Aber: «Wir wissen, dass es machbar ist.»

Veröffentlicht am:
11. 12. 2019
17:17 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
11. 12. 2019
17:17 Uhr



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