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Wirtschaft

Britischer Konzern will Stahlsparte von Thyssenkrupp kaufen

Thyssenkrupps Firmengeschichte reicht 130 Jahre zurück. Doch die goldenen Jahre der Essener «Stahlbarone» sind lange vorbei. Jetzt steht der Konzern am Scheideweg: Ausverkauf oder Staatseinstieg. Das treibt die Stahlarbeiter trotz Corona auf die Straße.



Thyssenkrupp-Stahlarbeiter demonstrieren in Düsseldorf
Thyssenkrupp-Stahlarbeiter demonstrieren in Düsseldorf.   Foto: Marcel Kusch/dpa

Unser Herz aus Stahl muss weiterschlagen», steht auf einem Transparent. «Staatsbeteiligung jetzt!» auf einem anderen.

Fast 3000 Stahlarbeiter versammelten sich laut IG Metall am Freitag trotz Corona zu einer Kundgebung auf der Rheinwiese in Düsseldorf. In Sichtweite des nordrhein-westfälischen Landtags forderten sie lautstark einen Einstieg der öffentlichen Hand beim ums Überleben kämpfenden Essener Traditionsunternehmen Thyssenkrupp. «Stahl ist Zukunft», skandierten sie immer wieder.

Doch genau das ist derzeit alles andere als gewiss. Denn die Stahlsparte von Thyssenkrupp verbrennt das Geld im Rekordtempo. Der Konzern kann das nicht lange überleben. Rasche Hilfe tut Not. Doch wie sie aussehen soll, ist ungewiss. Das zeigte sich am Freitag wie in einem Brennglas. Denn während sich die Stahlarbeiter noch auf dem Weg zur Kundgebung befanden, überraschte der britische Stahlkonzern Liberty Steel die Branche mit einem Übernahmeangebot für die Stahlsparte von Thyssenkrupp.

Es gebe viel Potenzial, da sich die Unternehmen gut ergänzten, begründete der britische Konzern seine Offerte in London. Zum möglichen Kaufpreis machte er allerdings keine Angaben. Thyssenkrupp betonte, das Angebot werde nun sorgfältig geprüft. Die Gespräche mit anderen potenziellen Partnern würden fortgesetzt. «Unser Ziel ist es, das Stahlgeschäft nachhaltig zukunftsfähig zu machen. Es kommt für uns darauf an, dafür die beste Lösung zu finden.»

Liberty Steel beschäftigt nach eigenen Angaben rund 30.000 Menschen und ist in zehn Staaten aktiv - in Europa, Australien, den USA und China. Der Jahresumsatz lag zuletzt bei umgerechnet rund 13 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Thyssenkrupps Stahlsparte kam im Geschäftsjahr 2018/19 auf rund neun Milliarden Euro Umsatz und hat 27.000 Mitarbeiter.

Bei der IG Metall stieß das Angebot der Briten allerdings auf wenig Gegenliebe. «Wir brauchen keinen neuen Eigentümer, sondern zusätzliches Kapital - und das hat Liberty auch nicht», sagte das IG-Metall-Vorstandsmitglied Jürgen Kerner der Deutschen Presse-Agentur am Rande der Stahlarbeiterkundgebung. Eine Übernahme durch Liberty löse keines der Probleme von Thyssenkrupp.

Der nordrhein-westfälische Bezirksleiter Knut Giesler ergänzte: «Wer meint, in einem Ein-Euro-Laden Thyssenkrupp billig kaufen zu können, ist nicht der richtige Partner.» Liberty habe kein industrielles Konzept, sondern betreibe bislang nur Billigstandorte.

Vor den demonstrierenden Stahlarbeitern bekräftigte Kerner denn auch: «Wir brauchen den Staatseinstieg bei Thyssenkrupp - und zwar jetzt.» Bis Weihnachten müsse die Entscheidung gefallen sein. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Thyssenkrupp Steel, Tekin Nasikkol, verwies auf die Hilfen der öffentlichen Hand für die Banken in der Finanzkrise und die aktuelle Unterstützung des Staates für die Lufthansa. «Ist ein Banker mehr wert als ein Stahlarbeiter? Ist ein Pilot mehr wert als ein Stahlarbeiter?», fragte er.

Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) zeigte sich bei seinem Auftritt vor den Stahlarbeitern allerdings erneut wenig begeistert von der Idee eines Einstiegs von Bund oder Land bei dem Stahlriesen. Zwar betonte er: «Thyssenkrupp gehört zur DNA von Nordrhein-Westfalen.» Stahl sei systemrelevant und müsse auch weiter in NRW produziert werden. Und er hob die Bereitschaft der öffentlichen Hand hervor, den Konzern beim Übergang zu «grünem Stahl» in den nächsten Jahren finanziell zu unterstützen. Doch bekräftigte er auch seine Vorbehalte gegen einen Staatseinstieg: «Ich glaube nicht, dass Politiker die besseren Unternehmer sind.»

Mit Blick auf das Liberty-Angebot betonte er: «Thyssenkrupp ist nicht zu Billigbedingungen zu haben.» Wer sich im Ruhrgebiet beteiligen wolle, müsse Arbeitsplätze erhalten und sich zur Sozialpartnerschaft bekennen.

Thyssenkrupp steckt in einer schweren Krise. Überkapazitäten auf den Stahlmärkten sowie ein Nachfrageeinbruch drücken aufs Geschäft. Allein in den ersten neun Monaten des laufenden Geschäftsjahres summierten sich die operativen Verluste der Stahlsparte auf 841 Millionen Euro auf. Zudem sind Milliardeninvestitionen in klimaschonende Produktion nötig.

Konzernchefin Martina Merz ist deshalb schon seit geraumer Zeit auf der Suche nach einem Partner. Alle bisherigen Versuche scheiterten jedoch. Die geplante Fusion der Stahlsparte mit dem Konkurrenten Tata wurde von der EU untersagt. Auch Überlegungen über eine deutsche Lösung mit dem Konkurrenten Salzgitter führten bislang zu keinem Ergebnis. Merz zeigte sich deshalb zuletzt offen für praktisch jede Art einer Lösung. «Es gibt keine Denkverbote», betonte sie.

Mit dem Verkauf der Stahlsparte würde sich der Konzern von seinen Wurzeln trennen. Da Thyssenkrupp vor kurzem bereits seine lukrative Aufzugssparte verkauft hatte, würden nur noch die Bereiche Materialservice, Autozulieferung, Industriekomponenten, Anlagenbau und Marine bleiben - ein stark geschrumpftes Rumpfgeschäft des einstigen Weltkonzerns.

© dpa-infocom, dpa:201016-99-967862/4

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16. 10. 2020
15:23 Uhr

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