Lade Login-Box.
Corona Ticker
Topthemen: CoronavirusKommunalwahl 2020WohnzimmerkunstBlitzerwarnerHof-Galerie

Wirtschaft

Einkommensungleichheit in Deutschland auf neuem Höchststand

Sozialverbände und Politiker verlangen mehr staatliches Engagement im Kampf gegen die Armut. Trotz der guten Konjunktur und Fast-Vollbeschäftigung klafft die Schere zwischen den Wohlhabenden und den unteren Einkommensgruppen immer weiter auseinander.



Einkommensungleichheit
Laut einer aktuellen Studie hat sich die Schere zwischen den Wohlhabenden und den unteren Einkommensgruppen in den vergangenen Jahren noch weiter geöffnet.   Foto: Marijan Murat/dpa

Die Ungleichheit bei den Einkommen in Deutschland hat einer aktuellen Studie zufolge einen neuen Höchststand erreicht. Sozialverbände und zahlreiche Politiker drängen deshalb auf mehr staatliches Engagement bei der Armutsbekämpfung.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband verlangte eine Anhebung der Hartz-IV-Regelsätze «um mindestens 37 Prozent». Der Sozialverband VdK Deutschland forderte einen «Mindestlohn von über 12 Euro». Unumstritten ist die Studie aber nicht.

«Die Zeit der kleinen Trippelschritte muss endlich vorbei sein», sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, Ulrich Schneider, mit Blick auf die Armutsbekämpfung. Finanziert werden könne das durch eine stärkere Besteuerung großer Vermögen und sehr hoher Einkommen. «Zur Ehrlichkeit gehört auch, den Menschen zu sagen, dass Armut ohne Umverteilung schlechterdings nicht beseitigt werden kann», meinte Schneider.

Der Hintergrund: Trotz der guten Konjunktur und der günstigen Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich laut einer aktuellen Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung die Schere zwischen den Wohlhabenden und den unteren Einkommensgruppen in den vergangenen Jahren noch weiter geöffnet.

«Immer mehr Einkommen konzentriert sich bei den sehr Reichen», heißt es in der Studie. Denn die hohen Einkommensgruppen profitierten von den sprudelnden Kapital- und Unternehmenseinkommen. Dagegen seien die 40 Prozent der Haushalte mit den geringsten Einkommen weiter zurückgefallen - auch im Vergleich zur gesellschaftlichen Mitte, die von der guten Arbeitsmarktlage und spürbaren Lohnsteigerungen profitiert habe.

«Immer mehr Menschen sind von Armut betroffen», heißt es in der Studie weiter. Die Zahl der Haushalte, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommen zur Verfügung haben und deshalb nach gängiger wissenschaftlicher Definition als arm gelten, sei zwischen 2010 und 2016 von 14,2 auf 16,7 Prozent gewachsen.

Einer der stärksten Treiber der Entwicklung sei die zunehmende Spreizung der Löhne in Deutschland. Eine wachsende Bevölkerungsgruppe am unteren Rand habe den Anschluss an die Lohnsteigerungen in der Mitte der Gesellschaft verloren. Die untersten zehn Prozent der Haushalte im Einkommensranking hätten 2016 nach Anzug der Inflation sogar weniger Einkommen erzielt als 2010, berichteten die Forscher.

Um der wachsenden Ungleichheit entgegenzuwirken, empfahlen die WSI-Experten ein ganzes Bündel staatlicher Maßnahmen: von der Stärkung der Tarifbindung über die Erhöhung des Mindestlohnes bis zu einer stärkeren Besteuerung von Spitzeneinkommen und sehr hohen Erbschaften.

Auch Politiker der SPD, der Grünen und der Linken drängten angesichts der Studienergebnisse auf ein Umsteuern der Politik. Die Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion für Arbeit und Soziales, Kerstin Tack, bezeichnete die aktuelle Entwicklung als ungerecht. «Deshalb müssen Vermögen von oben nach unten umverteilt und geringe Einkünfte erhöht werden», sagte sie. Dazu müssten die Vermögenssteuer wieder eingeführt und der Mindestlohn erhöht werden.

Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Anja Hajduk, nannte die Entwicklung der vergangenen Jahre ein «Armutszeugnis für die regierenden Parteien». Die Bundesregierung müsse endlich aktiv werden und untere sowie mittlere Einkommen entlasten, statt über eine Senkung der Unternehmenssteuer zu sprechen. Der Vorsitzende der Linken-Fraktion im Bundestag Dietmar Bartsch, sagte, die weiter zunehmende Spaltung bei Einkommen und Vermögen sei Gift für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Notwendig sei eine «große Steuerreform».

Das arbeitgebernahe Institut der deutsche Wirtschaft (IW) bemängelte unterdessen, dass in der Studie des WSI nicht ausreichend die Auswirkung der gestiegenen Zuwanderung der vergangenen Jahre berücksichtigt werde. Der jüngste Anstieg der Armutsgefährdungsquote gehe vorrangig auf eine veränderte Zusammensetzung der Bevölkerung zurück, betonte die IW-Expertin Judith Niehues unter Berufung auf Daten des jüngsten Mikrozensus. «Die Einkommen der jeweils ärmsten zehn Prozent sind im Durchschnitt gesunken, weil viele Menschen mit noch geringeren Einkommen hinzugestoßen sind.» Die Entwicklung lasse sich deshalb nicht einer zu geringen staatlichen Umverteilung anlasten.

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
07. 10. 2019
17:31 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Anja Hajduk Armut Armutsbekämpfung Armutsgefährdungsquote Deutscher Bundestag Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung Dietmar Bartsch Fraktionschefs Inflation Kerstin Tack Löhne und Einkommen Mindestlohn SPD SPD-Bundestagsfraktion Sozialverband VdK Steuerreformen Vermögende Wohlfahrtsverbände
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Realeinkommen

07.05.2019

Realeinkommen der meisten Deutschen gestiegen

Die gute Nachricht: Den meisten Deutschen steht seit der Wiedervereinigung mehr Einkommen zur Verfügung. Die schlechte: Ausgerechnet die Geringverdiener nehmen noch weniger ein als in den Neunzigern. » mehr

Einkommen und Vermögen

08.03.2020

Studie sieht stabile Einkommens- und Vermögensverteilung

Seit Jahren wird die Kluft zwischen den Wohlhabenden und den unteren Einkommensgruppen in Deutschland heftig diskutiert. Umstritten ist, ob die Schere stetig weiter auseinander geht oder nicht. » mehr

Selbstständigkeit

27.01.2020

Selbstständig und angestellt: Hunderttausende machen beides

Firmen lagern Bereiche aus, Kunden vertrauen auf Plattformdienste für Lieferungen oder Reinigung: Auch deshalb ist die Zahl der Selbstständigen in Deutschland stark gestiegen. Vielen reicht ein Job allein nicht aus. » mehr

Staatsoper Unter den Linden

14.03.2020

Mehr Hilfe für Kulturbranche in Coronavirus-Krise gefordert

In der Coronavirus-Krise haben manche kaum finanzielle Reserven. Das gilt etwa für Künstler und andere Selbstständige. Aus den Parteien werden Forderungen laut, den Betroffenen besonders unter die Arme zu greifen. » mehr

Bundeswirtschaftsminister Altmaier

30.08.2019

Altmaier auf Werbetour für Mittelstand

Kaum hat der Wirtschaftsminister seine Mittelstandsstrategie angekündigt, kassiert die SPD zentrale Punkte ein. Altmaier macht auf einer Reise derweil «Schönwetter» für die Firmen. » mehr

Geldscheine im Geldbeutel

28.02.2020

Tarifverdienste schneller gestiegen als Inflation

Oft genug frisst die Inflation Gehaltserhöhungen auf. Nicht so bei den Tarifbeschäftigten im vergangenen Jahr. Das kurbelt auch die Konjunktur an. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Fenster Region

Aktion: Malen für Oma und Opa | 27.03.2020 Region
» 5 Bilder ansehen

Your-Stage-Festival 2020 in Hof

Your-Stage-Festival 2020 in Hof | 01.03.2020 Hof
» 115 Bilder ansehen

Workout in der Corona-Krise Lorenzreuth

Workout in der Corona-Krise | 26.03.2020 Lorenzreuth
» 10 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
07. 10. 2019
17:31 Uhr



^