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Wirtschaft

Züge werden voller: Diskussion um Reservierungspflicht

Eine Fahrt im ICE fühlt sich noch länger an, wenn man sie auf dem Fußboden verbringt. Die Bahn versucht gegenzusteuern. Die ultimative Gegenmaßnahme aber scheuen Konzern und Fahrgastvertreter gleichermaßen.



Voller Zug
Dicht gedrängt steigen Reisende am Hamburger Hauptbahnhof in einen überfüllten Zug.   Foto: Bodo Marks/dpa

Samt Koffer im Gang hocken oder Rumlungern im Bordbistro: Wer zu Stoßzeiten ohne Reservierung in den ICE einsteigt, muss mitunter leidensfähig sein. Denn immer mehr Menschen fahren mit der Bahn, doch das Zugangebot wuchs bislang nicht in gleichem Maße mit.

Das bedeutet: Die Auslastung der Fernzüge steigt stetig. Waren Intercity und ICE im Jahr 2008 mit 44,2 Prozent in der Regel nicht mal halb voll, stieg die Quote bis 2018 auf 56,1 Prozent. Das teilte der Bahnbeauftragte der Bundesregierung, Enak Ferlemann, der FDP im Bundestag mit. Braucht die Bahn eine Reservierungspflicht wie im französischen Hochgeschwindigkeitszug TGV?

«Damit hätte ich zwar das eine Problem gelöst, bekäme aber ein anderes: Die Flexibilität wäre dahin», gibt Karl-Peter Naumann zu Bedenken, der Ehrenvorsitzende des Fahrgastverbands Pro Bahn. «Manchmal steht man eben lieber eine Stunde im Zug, wenn man dafür mehrere Stunden früher am Ziel ankommt.»

Eine Reservierungspflicht wäre für solche Kunden eine große Einschränkung, sagt Naumann. Auch die Bahn hat eine Pflichtreservierung wiederholt abgelehnt.

Naumann meint: «Das Mischsystem aus Steuerung und Nicht-Steuerung bei der Deutschen Bahn ist eigentlich ganz vernünftig.» Denn der Konzern versucht schon an mehreren Stellen, die Kundenströme zu lenken. Sie können etwa bei der Online-Buchung an einem mehrstufigen Symbol aus drei Figuren erkennen, wie voll der Zug voraussichtlich wird - schon ab Stufe zwei von vier empfiehlt das System eine Reservierung.

Die Auslastungsprognosen seien verbessert worden, etwa mit Blick auf Feiertage, Ferien, Messen und Störungen im Luftverkehr, wie Ferlemann mitteilte.

Sparpreise sind schon lange dann besonders günstig, wenn wenige Reisende erwartet werden - also nicht gerade am Freitag- oder Sonntagnachmittag. Ist der Zug ausgebucht, gibt es auch keine Sparpreistickets mehr. Doch Kunden mit Flexpreis-Ticket können trotzdem zusteigen - und schon kann ein Zug überfüllt sein.

Geräumt wird aber selten. In normalen Monaten betraf das 2018 in etwa einen von tausend Fernzügen, wie aus Zahlen der Bahn hervorgeht. Während der Rekordhitze im Sommer 2018 stieg die monatliche Quote auf bis zu 0,7 Prozent an.

Seit drei Jahren steuert die Bahn auf ausgewählten Strecken auch mit dem «differenzierten Flexpreis», der Fahrkarten für nachfragestarke Tage etwas teurer macht und etwas weniger ansetzt, wenn wenige Kunden buchen.

Die Schwankungen können nach Naumanns Beobachtung bei plus/minus 15 Prozent liegen. Der Fahrgastvertreter verlangt, dass die Bahn diese Steuerungsmechanismen schon vor dem Buchungsvorgang transparenter macht, etwa mit einer einfachen Tabelle. Zudem brauche die Bahn mehr Züge. «Die Überfüllung ist zum Teil ein Stück Mangelverwaltung.»

Denn die Zahl der Fahrgäste im Fernverkehr war im vergangenen Jahr auf 148 Millionen gestiegen, in diesem Jahr werden es voraussichtlich mehr als 150 Millionen sein - rund ein Fünftel mehr als vor zehn Jahren. Weitere fünf Millionen zusätzlich erwartet die Bahn nächstes Jahr allein, weil dann die Mehrwertsteuer auf Fernzugtickets sinkt.

«Überfüllte Züge zu Stoßzeiten, Verspätungen und komplizierte Erstattungsregelungen sind keine Werbung für eine leistungsfähige und serviceorientierte Bahn», kritisierte Torsten Herbst, FDP-Obmann im Verkehrsausschuss. Der Handlungsdruck auf das Management wachse. «Wir brauchen eine Deutsche Bahn, die ihre Fahrgäste mit attraktiven Angeboten und leidenschaftlicher Kundenorientierung begeistert.»

Tatsächlich stockt der Konzern das Angebot auf: Bis 2025 soll die ICE4-Flotte von 39 auf 137 Züge anwachsen. 23 ECx sind beim spanischen Hersteller Talgo für den grenzüberschreitenden Verkehr bestellt, 17 weitere Doppelstock-Intercitys übernimmt sie von der österreichischen Westbahn. Und vor zwei Wochen bewilligte der Aufsichtsrat den Kauf von weiteren 30 Hochgeschwindigkeitszügen. Bis alle Züge geliefert sind, vergehen aber noch Jahre. Der Stehplatz im Fernzug wird nicht von heute auf morgen verschwinden.

Auch beim Personal stockt die Bahn auf: In diesem Jahr stelle der Konzern 24.000 neue Mitarbeiter ein, sagte Bahnchef Richard Lutz der «Bild am Sonntag». Mehr als 2000 neue Lokführer seien seit Anfang 2019 eingestellt und ausgebildet worden. «Das ist ein Plus von 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr und wird die Fahrpläne stabilisieren», versprach er. Im kommenden Jahr kämen zusätzlich zu den fluktuationsbedingten Neueinstellungen 1000 weitere neue Mitarbeiter ins Unternehmen, die im Fernverkehr etwa als Lokführer, Zugbegleiter oder Reinigungskräfte arbeiten sollen.

Veröffentlicht am:
24. 11. 2019
17:19 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
24. 11. 2019
17:19 Uhr



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