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Wissenschaft

Kaiserschnitt könnte manche Frauen vor Schäden bewahren

Kaiserschnitt oder natürliche Geburt? Unter Schwangeren und Müttern ist dies eine vieldiskutierte und emotionale Frage. Der Kaiserschnitt gilt oft noch als ein Tabu, dabei würde er aus Sicht einiger Ärzte manche Frauen vor späteren Schäden bewahren.



Kaiserschnitt
Chirurgische Instrumente liegen im Kreißsaal der Frauenklinik während einer Kaiserschnittentbindung auf einem Tisch.   Foto: Daniel Karmann/Ilustration

Katja Johnson (Name geändert) erinnert sich noch gut an die Worte der Ärzte, bevor sie die Saugglocke ansetzten: «Das ist für Sie jetzt nicht so gut.»

Ihr Sohn kam damals in letzter Minute gesund zur Welt. Doch die 39-jährige Mutter leidet auch neun Jahre später noch an den Folgen der Geburt. Ihr Beckenboden wurde geschädigt. Sie hat Stuhl- und Harninkontinenz. Auch ihre Sexualität habe sich zum Negativen verändert: «Es fühlt sich alles so taub an.»

Vaginale Geburten gelten gemeinhin als beste Methode, ein Kind auf die Welt zu bringen, weil sie die natürliche Form der Geburt sind. Einigen Experten zufolge könnte aber ein Kaiserschnitt bei einigen Frauen Schäden am Beckenboden verhindern. Betroffene wissen oft wenig oder nichts davon, denn die Aufklärung über die Folgen natürlicher Geburten ist aus Expertensicht in Deutschland noch unzureichend, ein Wunsch-Kaiserschnitt oft ein Tabu.

«Es geht nicht um den «Kaiserschnitt für alle», sondern darum, dass die Frauen mit Risikofaktoren herausgefiltert werden sollten», fordert etwa Kaven Baeßler. Die Leiterin des Berliner Beckenboden- und Kontinenzzentrums sieht ständig Frauen mit bleibenden, geburtsbedingten Beckenbodenschäden, die bedauern, dass ihnen kein Kaiserschnitt angeboten wurde.

Der Beckenboden - eine Muskelplatte - hält die inneren Organe im Becken zurück. Bei einer Geburt kann der Muskel stark überdehnt werden oder auch reißen. In der Folge können sich Organe senken. «Etwa bei 10 bis 20 Prozent der Geburten reißt der Beckenboden», sagt Baeßler. Der Schaden sei zur Zeit noch nicht zu reparieren. «Man kann nicht den blanken Muskel wieder ans Schambein tackern.»

«Was da passiert, ist von einem ähnlichen Kaliber wie eine massive Sportverletzung, von der wir lange schlichtweg nichts wussten», sagt Hans Peter Dietz, Urogynäkologe im australischen Sydney. Dietz war eigenen Worten zufolge der erste Arzt, der die Schäden per Ultraschall sichtbar machte.

Vor allem kleine, übergewichtige Frauen und solche mit besonders schweren und großen Babys seien Risikopatientinnen. «Diese sollte man gezielt aufklären», fordert Baeßler. Auch das Alter der Frauen spiele eine Rolle, sagt Dietz: «Unter 30 ist es noch gut möglich, dass die Vorteile einer natürlichen Geburt überwiegen. Aber je älter die Frauen werden, desto wahrscheinlicher sind Beckenboden- oder Dammrisse. Die Elastizität des Gewebes nimmt ab.» Darüber hinaus seien Zangengeburten sehr riskant, da durch die Schnelligkeit und starke Zugkraft der Beckenboden besonders strapaziert werde. Zangen werden bei Komplikationen eingesetzt.

Leichtere Verletzungen ließen sich operativ beheben. «Auch ein Pessar, kurz nach der Geburt eingesetzt, kann helfen, die Beckenbodenstrukturen wieder an den richtigen Platz zu rücken und die Heilungschancen zu verbessern», erläutert Baeßler. Das Verfahren habe sich bewährt, werde allerdings längst nicht von allen Frauenärzten genutzt. Auch eine frühe Physiotherapie bei einer Therapeutin, die auch vaginal tasten kann, sei empfehlenswert.

Katja Johnson war eine typische Risikopatientin: Mit 1,63 Meter und 59 Kilogramm vor der Schwangerschaft eine zierliche Frau mit einem 4,5 Kilogramm schwerem Baby. «Meine Hebamme hatte mich schon gewarnt, die Frauenärztin sah allerdings keine Probleme», erinnert sich Johnson.

Schwedische Ärzte haben einen Rechner entwickelt, mit dem sich das Risiko von späteren Beckenbodenschäden abschätzen lässt. Baeßler nutzt den «UR-Choice-Rechner» für ihre Beratungen. Er sei allerdings in Deutschland noch nicht weit verbreitet, so die Ärztin, die sich mehr Aufklärung durch die niedergelassenen Gynäkologen wünscht.

«Auch eine Schwangerschaft per se kann Inkontinenzprobleme verursachen», gibt Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin an der Berliner Charité, zu bedenken. In Abwägung aller Risikofaktoren sei eine vaginale Geburt einem Kaiserschnitt vorzuziehen. Letzterer bleibe eine Operation. «Nur finde ich es nicht fair, bei mündigen Schwangeren diesen Bereich der Aufklärung in der Geburtsplanung auszusparen», so der Arzt.

«Eine Risikoaufklärung aller Frauen vor der vaginalen Geburt hinsichtlich einer möglichen Gefährdung des Beckenbodens entspricht nicht dem Stand der Wissenschaft und würde nur zur weiteren Verunsicherung von Frauen beitragen», heißt es von der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) mit Verweis auf eine Studie zu den Langzeiteffekten von fast 30 Millionen Geburten.

Die Forscher um Oonagh Keag vom Royal Infirmary of Edinburgh hätten darin herausgefunden, dass es nach Kaiserschnitten tatsächlich zu weniger Beckenbodenschäden und Inkontinenz käme. Allerdings träten negative Folgen für die mütterliche und kindliche Gesundheit im weit höherem Maße auf - etwa spätere Fehlgeburten oder ein erhöhtes Asthmarisiko bei den Kindern. Dietz hält diese Studie für «gefährlichen Unsinn». Beckenbodenrisse und Organvorfälle tauchten dort gar nicht auf.

Katja Johnson weiß nicht, wie groß ihr Beckenbodenschaden ist. «Das wurde leider nie genau untersucht», sagt die Brandenburgerin. «Hätte ich geahnt, welche Folgen die Geburt hat, hätte ich mich für einen Kaiserschnitt entschieden.»

Veröffentlicht am:
27. 02. 2019
07:24 Uhr

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Autor

dpa

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Veröffentlicht am:
27. 02. 2019
07:24 Uhr



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