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Schwund an Brutpaaren - Forscher warnen vor Vogelsterben

Die Vogelschar wird kleiner: Ob Amsel, Haussperling oder Star - in den vergangenen Jahrzehnten sind die Bestände am Bodensee drastisch zurückgegangen, gerade bei einst häufigen Arten. Auch andernorts sieht die Lage dramatisch aus.



Forscher warnen vor Vogelsterben
Die Bestände des Haussperlings seien laut Experten seit 1980 um 50 Prozent eingebrochen.   Foto: Nicolas Armer

Binnen 30 Jahren ist die Zahl von Vogelbrutpaaren am Bodensee um ein Viertel gesunken. Das zeigt eine Studie von Wissenschaftlern der Ornithologischen Arbeitsgruppe Bodensee und des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie.

1980 lebten demnach am Bodensee noch rund 465.000 Brutpaare, 2012 nur noch 345.000. Einst häufige Vogelarten wie Haussperling, Amsel oder Star seien besonders stark zurückgegangen, so Hans-Günther Bauer, einer der Autoren des Beitrags, der in der Zeitschrift «Vogelwelt» veröffentlicht ist. Die Entwicklung am Bodensee spiegele zugleich einen europaweiten Abwärtstrend wider.

Auch in anderen Regionen Deutschlands brachen die Bestandszahlen vieler Arten laut dem Ornithologen ein. Allerdings nicht überall genauso dramatisch wie am Bodensee: «Die westlichen und südlichen Regionen sind stärker betroffen als die östlichen und nördlichen.» Das führt er auf die intensivere Landwirtschaft im Süden und Westen zurück - für die Macher der Langzeituntersuchung gelten heutige Agrarlandschaften als vogelfeindliches Gebiet. «Das einstmals in der Agrarlandschaft häufige Rebhuhn zum Beispiel ist rund um den Bodensee inzwischen ausgestorben. Auch Raubwürger, Wiesenpieper und Steinkauz gibt es dort heute nicht mehr», sagt Bauer an.

Für die Datenerhebung hatten die Wissenschaftler sämtliche Vögel auf einer Fläche von rund 1100 Quadratkilometern rund um den Bodensee gezählt. Zuvor hatten die Ornithologen die Bestände erstmals 1980 bis 1981 und dann im Zehn-Jahresrhythmus erfasst.

Einer der Hauptgründe für den Rückgang sei der Verlust von Nahrung. So hätten am Bodensee 75 Prozent der Fluginsekten fressenden und 57 Prozent der Vogelarten abgenommen, die sich von Landwirbellosen ernähren. «Dies bestätigt, was wir schon länger vermutet haben: Das durch den Menschen verursachte Insektensterben wirkt sich massiv auf unsere Vögel aus», erklärt Bauer. Die Arbeitsgruppe fordert unter anderem drastische Beschränkungen von Insekten- und Unkrautvernichtungsmitteln.

Auch europaweit ging die Zahl der von Insekten lebenden Vögel in den vergangenen 25 Jahren deutlich zurück. Bachstelze, Wiesenpieper oder Rauchschwalbe - durchschnittlich um 13 Prozent sank die Zahl dieser Vögel laut einer im März im Fachjournal «Conservation Biology» veröffentlichten Studie.

Viele Vögel fänden auf den von Menschen intensiv genutzten Flächen kaum mehr Lebensräume und Brutplätze, erläutert Bauer. So verschwänden auch aus den Dörfern und Städten rund um den Bodensee die Vögel. «Offensichtlich können die Tiere inmitten der Häuserschluchten, Zierbäume und sauberen Nutzgärten immer seltener erfolgreich brüten.» Allerweltsvögel wie Amsel (minus 28 Prozent), Buchfink und Rotkehlchen (je minus 24 Prozent) litten massiv unter den verschlechterten Lebensbedingungen.

Die Langzeituntersuchung steht in einer Reihe von beunruhigenden Berichten über die Bestandsentwicklung heimischer Vögel. In Deutschlands Gärten und Parks etwa waren Anfang des Jahres weniger Wintervögel zu sehen. Zehntausende Naturliebhaber meldeten im Januar im Schnitt 37, die sie bei der Zählaktion «Stunde der Wintervögel» des Naturschutzbund Deutschland (Nabu) innerhalb von 60 Minuten beobachteten. 2011 seien noch fast 46 Vögel pro Garten gemeldet worden. Ob ein tatsächlicher Rückgang der Bestände die Ursache sein könnte, müsse aufmerksam verfolgt werden, hieß es vom Nabu. Möglich sei auch, dass die Vögel bei den relativ milden Temperaturen in den Wäldern noch genug zu fressen fanden.

Aus Daten des europaweiten Vogelmonitoringprogramms PECBMS geht hervor, dass die europäischen Bestände der Feld- und Wiesenvögel in Europa von Beginn der Zählungen ab 1980 bis 2016 um 57 Prozent zurückgegangen sind; zu ihnen zählen Feldlerchen, Kiebitze oder Stare. Für die Studie wurden Daten aus 28 Ländern zu über 170 Arten zusammengetragen. Weit besser als den Feldvögeln erging es den Waldvögeln, deren Bestand im beobachteten Zeitraum nur um sechs Prozent zurückging.

Auch am Bodensee sind die Arten je nach Lebensraum ganz unterschiedlich betroffen, zeigt die aktuelle Studie - laut den Machern ist sie eine der wenigen, die die Brutvogelbestände mit derselben Methode über einen so langen Zeitraum dokumentiert. Während bei 71 Prozent der auf Wiesen und Feldern lebenden Arten demnach die Bestände drastisch einbrachen, stiegen sie bei 48 Prozent der im Wald lebenden Arten - nur bei 35 Prozent gingen sie zurück. Ein Beispiel sei der Buntspecht mit einem Zuwachs von 84 Prozent, der bislang von den größeren Holzmengen in den Wäldern zu profitieren scheine. Auch rund um die Gewässer am Bodensee hätten mehr Arten zu- als abgenommen - einer der Gewinner: der Höckerschwan.

Auf den ersten Blick erscheint die Bilanz von 1980 bis 2012 ausgewogen: Von den 158 rund um den Bodensee vorkommenden Vögeln nahmen die Bestände von 68 Arten zu- und von 67 ab. Die Gesamtzahl an Arten nahm sogar zu; auf 8 ausgestorbene Arten kamen 17, die sich neu oder wieder angesiedelt haben. Darunter Weißstorch, Wanderfalke und Uhu, die laut den Ornithologen von Schutzmaßnahmen profitiert haben. «Trotzdem verlieren wir insgesamt an Biodiversität», warnt Bauer. Viele Arten kämen nur noch in geringen, oft nicht mehr überlebensfähigen Populationen und an immer weniger Orten rund um den Bodensee vor. «Je nach Flächeneinheit betrachtet gibt es weniger Arten im Schnitt.»

Von den zehn häufigsten Vögeln am Bodensee hätten sechs massiv abgenommen, zwei blieben unverändert und nur zwei haben zugenommen. Die Bestände des Haussperlings, der 1980 noch die häufigste Art war, seien um 50 Prozent eingebrochen. Bauer fügt hinzu: «Das sind wirklich erschütternde Zahlen - vor allem, wenn man bedenkt, dass der Rückgang der Vögel schon Jahrzehnte vor unserer ersten Datenerhebung 1980 begonnen hat.»

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dpa

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Veröffentlicht am:
02. 09. 2019
21:23 Uhr

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02. 09. 2019
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