Lade Login-Box.
Topthemen: BlitzerwarnerHofer Volksfest 2019Video: Lagerleben Collis Clamat

Wissenschaft

Wer Hidschab trägt, erfährt weniger Hilfsbereitschaft

Amerikanische Forscher finden heraus: Passanten helfen Frauen mit Hidschab oder Kopftuch etwas seltener als anderen. Dazu haben sie ein Experiment im öffentlichen Raum durchgeführt - und zwar in Deutschland.



Kopftuch
Eine junge Muslimin trägt ein Kopftuch.   Foto: Wolfram Steinberg/Archivbild

Ein Mann wirft achtlos einen Kaffeebecher auf den Bahnsteig. Eine junge Frau, die auf den Zug wartet, bittet ihn, seinen Müll aufzuheben. Dann nimmt die Frau einen Anruf auf ihrem Handy entgegen. Dabei fällt ihr aus Versehen eine Tüte mit Orangen auf den Boden. Eine Alltagssituation. Tatsächlich haben US-Forscher diese Szene in Abwandlungen mehr als 1600 Mal an deutschen Bahnhöfen von Schauspielern nachstellen lassen. Es handelt sich um ein aufwendiges Freiluftexperiment zum Thema Diskriminierung.

Politikwissenschaftler Nicholas Sambanis und sein Team von der Universität von Pennsylvania wollten herausfinden, inwiefern es vom Aussehen der Frau abhängt, ob ihr Passanten, die in das Experiment nicht eingeweiht waren, helfen. Bekommt eine hellhäutige, offensichtlich deutschstämmige Frau häufiger Unterstützung beim Orangenaufheben als eine Frau, deren Aussehen auf einen Migrationshintergrund schließen lässt und die einen Hidschab - eine Art Kopftuch - trägt?

Antwort: Ja, etwas mehr. Die Deutsche bekam in 84 Prozent der Fälle Hilfe, die Frau mit Hidschab in 73 Prozent der Fälle, wie die Forscher in den «Proceedings» (PNAS) der US-nationalen Akademie der Wissenschaften schreiben. Der Mann war in der gespielten Szene immer ein hellhäutiger Deutscher. Die Frau war entweder eine hellhäutige Deutsche oder hatte eine türkische, ägyptische, syrische oder kurdische Abstammung.

Doch von was hängt Diskriminierung in dieser bestimmten Alltagssituation noch ab? Um das herauszufinden, variierten die Forscher die von den Schauspielern dargestellte Szene. Hatte die Frau zuvor den Mann nicht wegen des weggeworfenen Bechers ermahnt, bekam sie generell seltener Unterstützung. Im Fall einer weißen Deutschen in 73 Prozent der Fälle, im Fall der Frau mit Kopftuch in 60 Prozent der Fälle.

Bei gleichem Verhalten - Ermahnung des Mannes oder nicht - erhielt die Frau mit Hidschab also stets weniger Unterstützung wie die weiße Deutsche. «Wir haben festgestellt, dass die Vorurteile gegenüber Muslimen zu ausgeprägt sind und nicht durch gutes staatsbürgerliches Verhalten überwunden werden können», sagte Sambanis. Dennoch hatte auch für die Frau mit Hidschab das Zurechtweisen des Mannes einen positiven Effekt: Ihr wurde dann in etwa so oft geholfen wie einer weißen Deutschen, der der Müll auf dem Bahnsteig egal war.

Zudem fiel den Forschern auf: Trug die Schauspielerin mit Wurzeln im Ausland offenes Haar, gewöhnlich in Deutschland getragene Kleidung und ein Kreuz oder kein religiöses Symbol, so wurde ihr im Durchschnitt in etwa dieselbe Hilfsbereitschaft zuteil wie der deutschen Schauspielerin.

Religion spiele beim Umgang mit Zuwanderern wohl eine größere Rolle als ethnische Zugehörigkeit, schlussfolgern die Forscher. «Wir fanden keinen Hinweis auf ethnische Diskriminierung per se», schreiben sie in der Studie mit Blick auf ihr eigenes Experiment. Allerdings fragte das Team um Sambanis die Passanten nicht, ob sie der Frau mit Hidschab tatsächlich wegen ihrer sichtbaren Zugehörigkeit zum Islam seltener geholfen hatten. Oder ob andere Faktoren eine Rolle spielten, etwa dass ihr aufgrund ihres Kopftuchs ein mangelnder Integrationswille unterstellt wurde.

«Es gibt immer bestimmte Symbole, die Fremdheit signalisieren», sagt der Sozialpsychologe Ulrich Wagner von der Universität in Marburg, der nicht an der Untersuchung beteiligt war. «Und ich würde zustimmen, dass dies im Moment in Deutschland tatsächlich offen erkennbare muslimische Zugehörigkeit ist.»

Der Einschätzung Wagners nach kommt es immer wieder und in sehr vielen Gesellschaften zu Ausgrenzungen von Menschen, die bestimmten Gruppen angehören. Welche Gruppe gerade ausgegrenzt werde, hänge von politischen und zeithistorischen Umständen ab.

Die Forscher wählten der Uni von Pennsylvania zufolge Deutschland unter anderem wegen der vielen Einwanderer und Flüchtlinge als Experimentierfeld aus. Aber auch weil viele Deutsche nach Ansicht der US-Forscher zu gemeinsamen sozialen Normen neigten, insbesondere der Ordnungsliebe.

Die Experimente wurden in rund 30 Bahnhöfen in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Brandenburg durchgeführt. Dabei wurden über einen Zeitraum von drei Wochen im Juli und August 2018 insgesamt 1614 Interaktionen beobachtet. 7142 Umstehende waren daran unwissentlich beteiligt. 

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
07. 08. 2019
13:26 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen

Für die Nutzung von "Meine Themen" ist ihr Einverständnis zur Datenspeicherung nötig.

Weiter
Deutsche Schauspielerinnen Ethnien Frauen Kurden Männer Schauspieler Schauspielerinnen US-Forscher Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Öffentlichkeit
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Maden können springen

12.08.2019

Maden können mit ausgefeilter Methode große Sprünge machen

Obwohl sie keine Beine haben, können manche Maden einer Studie zufolge mit einer komplizierten Methode weit springen. » mehr

Lebensmittel

20.05.2019

Fertiggerichte verleiten zum Zugreifen und machen dick

Fertiggerichte schmecken vielen Menschen. Und ein Experiment zeigt: Man isst einfach mehr davon als von unverarbeiteter Nahrung. Die Forscher geben auch mögliche Erklärungen, warum das so ist. » mehr

Kind probiert Quinoa

08.05.2019

Damit du groß und stark wirst - So essen Kinder gesünder

Doppelt hält besser. Forscher haben untersucht, wie Eltern ihren Kindern gesundes Essen schmackhaft machen können. Dafür sind mindestens zwei Faktoren wichtig. » mehr

«Suskityrannus hazelae»

06.05.2019

Früher Verwandter des Tyrannosaurus Rex entdeckt

Forscher haben in den USA eine bislang unbekannte kleine Raubsaurier-Art identifiziert. Der Suskityrannus hazelae genannte Dino lebte vor rund 92 Millionen Jahren und war ein früher Verwandter von Tyrannosaurus Rex, wie ... » mehr

Galaxie NGC 4993

02.05.2019

Astrophysiker empfangen neue Signale aus dem All

Mit noch empfindlicheren Geräten sind Astrophysiker in einer neuen Messphase den Vorgängen im Universum auf der Spur. Möglicherweise beobachteten sie im April zum ersten Mal die Kollision eines Neutronensterns mit einem ... » mehr

Vanillekipferl

11.12.2018

Hilfe in der Plätzchenzeit

Ein Lebkuchen hier, ein Dominostein da und dann noch die fette Weihnachtsgans. Britische Forscher geben Tipps gegen den üblichen Gewichtszuwachs an den Feiertagen. Und das wirkt tatsächlich. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Bauarbeiten an der Radarstation der Bundeswehr am Döbraberg

Bauarbeiten an der Radarstation der Bundeswehr am Döbraberg | 20.08.2019 Döbraberg
» 11 Bilder ansehen

SonneMondSterne Saalfeld

SonneMondSterne-Festival | 10.08.2019 Saalburg
» 122 Bilder ansehen

SpVgg Bayern Hof - Viktoria Kahl 2:0

SpVgg Bayern Hof - Viktoria Kahl 2:0 | 17.08.2019 Hof
» 120 Bilder ansehen

Autor
dpa

dpa

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
07. 08. 2019
13:26 Uhr



^