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Plädoyer für eine andere Kulturpolitik

In Konstanz muss ein Kino einem Drogeriemarkt weichen. Douglas Wolfsperger dokumentiert in "Scala Adieu" den emotionalen Abschied einer Stadt von einer kulturellen Institution.



Douglas Wolfsperger bei den Filmtagen vorm Hofer Scala-Kino. Foto: aho
Douglas Wolfsperger bei den Filmtagen vorm Hofer Scala-Kino. Foto: aho  

Hof - Am Ende zeigt sich das Kino widerspenstig. Minutenlang zerrt ein Arbeiter an der Leuchtschrift, doch der Scala-Schriftzug will sich nicht aus der Verankerung lösen. Unkommentiert hält Douglas Wolfsperger diese Szene mit der Kamera fest - er lässt die Bilder sprechen. Bis dann die Buchstaben doch für immer von der Fassade verschwinden. Douglas Wolfsperger, Träger des Bayerischen Filmpreises, hat mit "Scala Adieu - von Windeln verweht" den für viele Konstanzer schmerzlichen Abschied von ihrem Traditionskino dokumentiert. Nach einem langen emotionalen Streit dem vergeblichen Protest aus der Bevölkerung ist hier 2017 ein Drogeriemarkt eingezogen.

Wolfsperger, der am Bodensee aufgewachsen ist, kennt den Scala Filmpalast wie seine Westentasche. Als kleiner Bub hat er sich von den Kinosesseln des Scala weit weg geträumt. "Für mich war das Scala das Fenster zur Welt, am liebsten wäre ich in die Filme hineingesprungen." Er rückt in seiner Doku Menschen in den Mittelpunkt, die mit dem Programmkino ein Stück ihrer Lebenswelt verloren haben. Wie die Nachtschwester, die jeden Tag einen guten Film sehen will, weil ihr das gut tut; für die ein Kinobesuch bei Tageslicht eine erotische Komponente hat und die im Scala sogar beschloss, einen Mann ziehen zu lassen, weil er ihren Lieblingsfilm nicht mochte.

"Was man alles aus diesem Ort hätte machen können", sagt Douglas Wolfsperger wehmütig. Es gab Ideen, erklärt er, etwa ein kleines Kulturzentrum mit Kino und Café, auch das Kulturbüro hätte einziehen können. Dass sich ein Programmkino wirtschaftlich nicht lohnt, das Argument will er nicht gelten lassen: "Es gibt viele Programmkinos, die rentabel sind - doch so etwas muss man mit Herzblut machen." Dass sich das Kino für den Betreiber neben dem Multiplex nicht mehr rentiert haben soll, war nur der Anfang vom Ende. Was viele Bürger in der Auseinandersetzung besonders erzürnte, waren aus Sicht des Filmemachers vor allem die Art und Weise, mit der Stadtverwaltung und Investor die Ansiedlung des Drogeriemarkts verteidigt hatten.

Konstanz steht auch stellvertretend für andere Städte. Manches haben Hof und Konstanz gemeinsam. Die Bodenseestadt mit gut 85 000 Einwohnern gilt als kulturelles Oberzentrum der Region mit Theater, Philharmonie und Hochschule. Die Grenznähe lockt Einkaufstouristen aus dem benachbarten Ausland an. Und doch ist das prosperierende Konstanz so anders als Nordostoberfranken mit seinen Leerständen. In Konstanz lohnt sich ein Drogeriemarkt neben dem anderen, vor allem wegen der vielen Schweizer, die zum Shoppen auf die deutsche Seite pilgern. Wolfsperger zeigt eine Innenstadt, aus der eine Konsummeile geworden ist. Damit deutet sein Film auch an, dass eine brummende Wirtschaft und Tourismus nicht automatisch einen Mehrwert auch für die Einheimischen bringen. Im Gegenteil: Durch die Schließung des Kinos ging aus Sicht etlicher Konstanzer ein Stück an Lebensqualität verloren. Douglas Wolfsperger appelliert deshalb an andere Kommunen, nicht dieselben Fehler zu machen. Er zeigt in seiner Dokumentation auch, dass der Stadtrat wohl baurechtliche Instrumente gehabt hätte, um gegenzusteuern. Wichtig für den Filmemacher: Die Kommunalpolitik solle sich nicht einschüchtern lassen, zum Beispiel wenn Investoren drohen. Und noch wichtiger ist ihm: Aus seiner Sicht braucht es vor allem Stadtobere, die sich zum kulturellen Leben bekennen und auch die kleinen Juwelen erhalten. "Was mich traurig macht", sagt Wolfsperger, "das ist, dass die Verantwortlichen bis heute nicht erkannt haben, was verloren gegangen ist."

Und so ist "Scala Adieu" mehr als ein Film über ein kleines Kino, das seine Pforten schließen musste. Der Film dokumentiert den Wandel der Innenstädte, er zeigt, wie tiefgreifend wirtschaftliche Interessen ins Leben der Menschen eindringen. "Scala Adieu" wird so zum Plädoyer für eine andere Kulturpolitik - und vor allem aber ist der Film eine Liebeserklärung ans Kino.

Douglas Wolfspergers Dokumentation war der letzte Film, der am gestrigen Sonntagabend bei den Filmtagen im Scala über die Leinwand flimmerte. Festival-Leiter Thorsten Schaumann hatte den Film mit Absicht so im Programm platziert. "Damit wollen wir Adieu sagen", erklärte der Festival-Chef und fügte hinzu: "Für uns ist es ein Adieu im Sinne von: Bis zum nächsten Mal!" Und "Scala Adieu"? Der Dokumentarfilm soll im März in die Kinos kommen.

Autor

Andrea Hofmann
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Veröffentlicht am:
28. 10. 2018
20:16 Uhr

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Andrea Hofmann

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28. 10. 2018
20:16 Uhr



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