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Kritiken

Das Kino im Wohnzimmer

Noch nie war es möglich, auf die Angebote der Hofer Filmtage ganz bequem vom heimischen Sessel aus zuzugreifen: Das neue Videoportal "HoF on Demand" gibt es heuer zum ersten Mal. Es verführt sogleich zu Binge Watching. Ein Selbstversuch.



Das Kino im Wohnzimmer
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19:25 Ich starte durch. Nicht wirklich ausgeruht, nach einem vollen Arbeitstag, mache ich mir bereits zu Beginn Sorgen, wie lange ich wohl durchhalten werde. Abgesehen von leichten Anlaufschwierigkeiten beim Einloggen klappt alles. Das Film-Menü liegt ausgebreitet vor mir.

Binge Watching

Beim sogenannten Binge Watching, umgangssprachlich auch gern als "Koma-Glotzen" bezeichnet, handelt es sich laut der Internet-Enzyklopädie Wikipedia "um einen kulturellen Trend, der insbesondere durch die steigende Popularität und Verfügbarkeit von Video-on-Demand-Angeboten begünstigt wird, die es dem Zuschauer ermöglichen, Videomaterial jederzeit auf Anfrage über einen Stream anzusehen. Im Gegensatz zum linearen Fernsehen, bei dem das Programm durch den Fernsehsender vorgegeben wird." Eigentlich auf Serien gemünzt, hat unsere Zeitung versucht, ob dies auch mit einem Mix aus Spielfilmen, Kurzfilmen und Dokumentationen funktioniert. red

 

 

 

19:30 Klar war für mich seit Langem, dass ich mir die Doku "Haldern Pop - Dorf mit Festival" (Produktion: Monika Pirch) zuerst reinziehen möchte. Ich weilte schon mal auf diesem beeindruckenden Festival, gaaanz tief in der Provinz am Niederrhein. Doch waren meine Erwartungen an den Film zu hoch: ich werde enttäuscht. Der Streifen, so gut er auch technisch und inhaltlich gemacht ist, bringt das wahrscheinlich europaweit Einzigartige dieses Hipster-Festivals in solch ländlichem Umfeld nicht adäquat rüber. Schade.

 

21:00 Ich wähle den ersten Spielfilm: "Zu den Sternen" (Regie: Nicolai Tegeler) behandelt ein äußerst ernstes Thema: Verrat. In diesem Fall durch einen Stasi-IM, der seinen nach dem Westen flüchten wollenden Freund und Bandkollegen zum eigenen Vorteil verpfiff - und der erst jetzt von seiner bösen Tat eingeholt wird. Das fünf Jahre im Knast verbracht habende Opfer (authentisch: Florian Martens/Foto unten) will Rache. Im Stile eines Film noir entwickeln sich beklemmende Dialoge. Zuweilen etwas klischeehaft, kann das Werk dennoch überzeugen - nicht zuletzt durch ein ausgeklügeltes und überraschendes Ende.

 

22.15 Filme zu Hause schauen ist nicht dasselbe, wie dies im Kino zu tun, stelle ich gerade fest. Zu den offenkundigen Gründen kommt nämlich ein weiterer: man wird abgelenkt. Da blinkt mal das Handy auf oder man könnte zum Film schnell mal etwas googeln. Ich versuche aber, mich zu disziplinieren.

 

22:20 Ich greife wieder zu einer Dokumentation. Mir gefällt, dass die Hofer Filmtage immer alles bunt vermengen - ob Spielfilme, Dokus oder Kurzfilme -, während viele andere Festivals spezialisiert sind. "Aware - Reise ins Bewusstsein (Regie: Frauke Sandig/Eric Black") haut mich um. Traumhafte Bilder von Landschaften zerfließen in ähnlich wirkenden Computer-Animationen vom Aufbau des Gehirns. Sechs Wissenschaftler erklären aus radikal unterschiedlichen Perspektiven ihre Sicht der Dinge, komplementiert von Weisheiten über das Bewusstsein, die Naturvölker besitzen. Großes Kino - mein TV-Bildschirm ist dafür zu klein.

 

00:05 Soll ich mir jetzt einen Kaffee holen? Besser nicht; ich muss irgendwie anders wach bleiben.

 

00:10 Also brauche ich knisternde Spannung: "Libra" (Regie: Thomas Fischer), der nächste Spielfilm, soll laut Beschreibung aufregend sein: "Florian Dahlmann und der Journalist Hochstätter recherchieren, um die Existenz eines Geheimbundes zu beweisen. Die Nachforschungen erhärten bald den Verdacht, dass Florians Vater an den Machenschaften der Organisation beteiligt sein könnte." Der Thriller kann das Versprechen hellwacher Aufregung nicht einlösen. Das liegt nicht zuletzt am sicher zu geringen Budget. Schade.

 

01:50 Die erste richtige Ermüdung stellt sich ein - viel zu früh. Jetzt benötige ich erst mal einen Snack, also einen Kurzfilm: "Camille sans Contact" von Paul Nouhet über ein Erweckungserlebnis klingt interessant und war auch in Cannes zu sehen. Doch leider stoppt der Film jedes Mal nach fünf Minuten - übrigens während des gesamten Guckens das einzige technische Problem. Also kurz den Support informiert und weiter gesucht: "Leib" (Regie Marijana Verhoef) über ein muskelbepacktes, menschlich aussehendes jedoch undurchschaubares Wesen, das einer Witwe auf dem Land "zuteil" wird, klingt auch nicht schlecht. Doch der Streifen übertreibt‘s mit seinen Andeutungen. Besser ist da schon "Zweiheit" (Regie: Lara Torp). Nette Idee in Sachen Paranormales.

 

02:30 Ein guter Spielfilm muss her, um wach zu bleiben. Versuchen wir‘s doch einfach mal mit "Rivale" von Marcus Lenz. Und ... Treffer! Die Beschreibung ließ einiges erwarten: "Nach dem Tod seiner Großmutter gibt es in dem ukrainischen Dorf niemanden mehr, der sich um den 9-jährigen Roman kümmern kann. Seine Mutter Oksana arbeitet als illegale Pflegekraft in Deutschland. In einem Lieferwagen versteckt reist Roman ihr nach, aber Oksana ist nicht allein. Sie lebt inzwischen mit dem Witwer der von ihr gepflegten Frau zusammen. Eine dramatische Dreiecksbeziehung beginnt, getrieben von Abhängigkeit, Liebe und Eifersucht." Genau so ist’s. Der Film, der sich mehreren aktuellen Problemen widmet, beschönigt nichts und bleibt bis zum Ende - und darüber hinaus - spannend. Yelizar Nazarenko (oben) überzeugt absolut.

 

04:10 Noch’n Film: Ludwig Wüst, dem in diesem Jahr die Retrospektive gewidmet ist, hat schon mit solchen Kultfiguren wie Pier Paolo Pasolini und Hermann Nitsch zusammengearbeitet. Grund genug, sich einem seiner eigenen Werke zu widmen. "Das Haus meines Vaters" ist eine ruhig dahinfließende Geschichte, die unaufgeregt die Gleichförmigkeit des (österreichischen) Landlebens zeigt. Geradezu provozierend unaufgeregt. Schräg wird’s allerdings nach zehn Minuten, als - in plötzlicher Totenstille - erst dann der Vorspann abläuft. Aber doch irgendwie passend zur spartanischen Handlung, die wie das angedeutete gleichförmige Dorfleben auch nur selten einen Höhepunkt bietet. Für die einen der blanke Horror - für die anderen die Erfüllung. Für den vor Jahren nach Frankfurt am Main ausgewanderten Andrej, der sich nun um das Haus seines toten Vaters kümmern muss, ist‘s Ersteres - mit doch überraschendem Ausgang. Aber die gewollte Gemächlichkeit lässt einen irgendwie ...

 

05:15 ... #&§!%#($$!/§#%)§!&§!%$ #&§! %#($$!/ §#%)§!&§!%$ #!/§#% )§!& §!%$$$!/ §#%)§ /§#%)§????

 

05:25 Was war denn das? Oh, Mist: Sekundenschlaf. Okay, okay: Minutenschlaf. Ich habe mich wieder gefangen. Das Problem wird mir aber schnell klar. Das Binge Watching von Serien ist aus zumindest zwei Gründen unkomplizierter als mein Versuch hier: Zum einen werden Serien nicht so verdichtet wie Spielfilme und verlangen somit beim Schauen nicht so viel Konzentration: Zum anderen besitzt jede Serienfolge am Ende einen Cliffhanger, der einen - dadurch wieder hellwach - verrückt vor Neugier werden lässt, wie es denn nun weitergehen wird.

 

05:30Der Spielfilm "Freak City" von Andreas Kannengießer widmet sich dem Zusammenleben von Gesunden und Menschen mit Handicap: In diesem Fall geht es sogar um eine sich langsam anbahnende Liebe zwischen dem 15-jährigen Mika und der geheimnisvollen Lea. Sie ist taub. Ohne Klischees, fast dokumentierend, zeigt der Film nicht nur die Probleme der beiden Hauptfiguren auf, sondern auch die Reaktionen ihrer jeweiligen Umfelder.

 

07:20 Jetzt werde ich als Nächstes ... oder auch nicht. Ich kann ganz einfach nicht mehr. Ich schalte ab.

 

11:30 Nachtrag: Der Wecker klingelt. Lieber nur kurz schlafen, ehe ich in eine Art Jetlag komme ... Eigentlich wollte ich ja noch viel mehr Filme schauen. Doch der Schlaf forderte sein Recht. Das Gute: das Video-Portal Hof on demand kann man sogar noch einige Zeit nach den 54. Internationalen Hofer Filmtagen nutzen. Und das werde ich ganz gewiss tun.

Autor
Thoralf Lange

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Veröffentlicht am:
23. 10. 2020
21:54 Uhr

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Thoralf Lange

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Veröffentlicht am:
23. 10. 2020
21:54 Uhr



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