Topthemen: Zentralkauf weicht Hof-GalerieKaufhof-UmbauHofer Filmtage 2017Gerch


News

Kino - Rückzug aufs I-Phone?

Bei den 51. Hofer Filmtagen können sich viele deutschsprachige Beiträge sehen lassen. Vielleicht stehen Arthouse-Produktionen vor einem tiefgreifenden Umbruch.



Nach dem Film ist vor dem Film: Gleich geht's weiter im größten konventionellen Kinosaal Oberfrankens.	Foto: Frank Wunderatsch
Nach dem Film ist vor dem Film: Gleich geht's weiter im größten konventionellen Kinosaal Oberfrankens. Foto: Frank Wunderatsch  

Hof - Kino erzählt davon, was ist, indem es erzählt, was sein könnte. In Kai Wessels "Aufbruch ins Ungewisse" schaut die Welt weitgehend so aus wie immer: scheinbar so wie jetzt. Doch hat fast überall im Europa einer sehr nahen Zukunft die radikale Rechte die Macht übernommen und zerstört Demokratie und bürgerliche Freiheit. So simpel wie bestürzend drehen sich die aktuellen Verhältnisse um: Eine deutsche Dissidentenfamilie erlebt den Totalverlust ihrer bisherigen Existenz, eine riskante Flucht im Schlauchboot übers Meer und im Gefolge gewissenloser Schleuser, die Angst im afrikanischen Erstaufnahmelager, als Asylbewerber abgeschoben zu werden. Kino ist auch der Ort verkehrter Welten. Hier fragt es beklemmend: Kann, was noch nicht ist, so werden?

Thorsten Schaumann zieht sein Fazit

Die 51. Internationalen Hofer Filmtage sind Geschichte. Thorsten Schaumann, neuer künstlerischer Leiter, kann nach sechs Festivaltagen eine erfolgreiche Bilanz ziehen, die an die vergangenen Jahre anschließt.

"Das waren sechs verrückte Tage. Die Kinos waren voll, und das Publikum ist begeistert mitgegangen. Nicht nur nach den Vorführungen hatten wir viele tolle Gespräche. Dabei hat es mich sehr gefreut, dass so viele Gäste gekommen sind und mir vertraut haben. Auch Hof PLUS ist gut angekommen, der Zuspruch ist von Veranstaltung zu Veranstaltung gestiegen. Hervorheben möchte ich ferner die mitternächtlichen, sehr gut besuchten Kurzfilmvorführungen 'kurzGeschichten'. Es freut mich sehr, dass das neue Konzept so gut angenommen wurde."

Mit knapp 30 000 belegten Sitzplätzen in den Kinos und rund 12 000 verkauften Karten bewegen sich auch die 51. Internationalen Hofer Filmtage auf einer Spitzenposition. Volle Kinos, gut besuchtes Rahmenprogramm HoF PLUS, viele Gäste - Filmemacher, Produzenten, Verleiher, Presse - und, nicht zu vergessen, Filmpreise, Partys, Bratwurst und Fußball.

 

Was wohl wird aus den Hofer Filmtagen - nach und ohne Heinz Badewitz? So fragten sich viele 2016. Einen "Aufbruch ins Ungewisse" wagte damals das 50. Festival unter drei Kuratoren. Einer von ihnen, Thorsten Schaumann, trat mit der 51. Auflage als alleiniger Festivalchef an: das Jahr eins für - neue Hofer Filmtage?

Das nicht. Zur Eröffnung trat Schaumann jungenhaft bescheiden vors Publikum und bekundete, Badewitz' "Vision" fortzusetzen: "Es wird immer weitergemacht." Neu sind, zum Beispiel, zwei Extra-Kurzfilmblöcke. In tiefgreifendem Umbruch hingegen sieht sich die Branche insgesamt. Möglich, dass der Arthouse-Film, um fortzubestehen, bald vollends den "Aufbruch ins Ungewisse" wagen muss: aus den Kinos heraus und hinein in die Streamingdienste des Internets. So jedenfalls sagt es Regisseur Andreas Arnstedt in Hof voraus. Hat er recht, wird anspruchsvoller Film bald hauptsächlich in der Isolation der Laptops, Tablets, I-Phones - und im Kleinformat - sichtbar; indes nicht länger kollektiv erlebbar als großes Lichtbild, das den verdunkelten Saal aus der Wahrnehmung des Publikums ausschließt. Mit dem, was Kino ausmacht, hat das dann kaum noch zu tun.

Das wird wohl auch Thorsten Schaumann nicht "geil" finden, der mit dem Wort vieles belegt, was ihn erfreut: zuallererst die Zuschauerscharen, auch einen geladenen Gast, als der wirklich erscheint. "Geil" ist neu. Was gleich bleibt: Geglücktes etikettiert Schaumann begeistert als "Wahnsinn", wie Badewitz es tat, dem der Neue auch mit seinen kuriosen Moderationen nacheifert.

Erhalten bleibt ferner, dass Hof keinen Wettbewerb aufbietet. So dauern Reste der gleichsam basisdemokratischen Anfänge vor fünfzig Jahren fort: Alles, was gezeigt wird, genießt weitgehende Gleichbehandlung, die Produktion eines arrivierten Künstlers wie die des Debütanten, In- wie Ausländisches, Kurzes wie Langes ... Fernseh- wie Kinofilm. Unter den deutschsprachigen Produktionen ließ sich das eine vom andern nicht leicht unterscheiden. Wenn man aber "Filme fürs Fernsehen macht", betonte die Regisseurin Emily Atef, "ist es ganz wichtig, sie auch mal vor großem Publikum, als Kino zu zeigen".

Vor einer Woche glaubte Schaumann allumfassend optimistisch: "Wir dürfen uns auf alles freuen." Naturgemäß freilich ging das deutschsprachige Programm nicht in Bausch und Bogen als erfreulich durch. "Der Prinz" von Matthias J. Michel etwa geriet zum veritablen Flop, desgleichen Samira Fransas "Deckname Jenny"; oder "Zwischen Sommer und Herbst": Dramaturgisch einfallslos führt Daniel Manns zwei junge Hübsche in Liebe zusammen: die jüngere noch nicht erwachsen, die ältere noch ein bisschen Kind, beide von der plötzlichen Hautnähe überrascht. Süß-sentimentale Weichzeichnerei à la David Hamilton.

Umso sinnlicher und vielschichtiger beseelt Eran Riklis eine vergleichbare Konstellation - und flößt der zwischenmenschlichen Spannung die äußere eines Agentenfilms ein: In "Aus nächster Distanz", einer optisch stilvollen deutsch-israelisch-französischen Koproduktion, überwinden Frauen aus feindlichen Lagern Misstrauen und Geringschätzung; eine libanesische Informantin und eine Mossad-Mitarbeiterin aus Israel finden aneinander etwas "zum Lieben und zum Halten", haben doch beide liebste Menschen verloren und laufen Gefahr, sich in Einsamkeit zu verlieren. Von Dauer darf beider Freundschaft, die sich dem Nahost-Konflikt widersetzt, nicht sein. Hier erzählt Kino davon, was ist, indem es davon erzählt, was nicht sein kann, weil's nicht sein darf.

Davon, von Einsamkeit, handeln die Stoffe aus dem deutschen Sprachraum nicht selten: von Isolation, Verlassenheit, Entfremdung. Halbdokumentarisch beobachtet Sabine Nawrath die zwölfjährige Ava, eine um die Mutter trauernde Turnerin. Stoisch und still unterzieht sich das Mädchen - Caroline Dorzweiler, von faszinierender Undurchdringlichkeit - dem unnachgiebigen Trainingsdrill eines knochenbrecherischen Leistungssports, in dem Konkurrenz und Siegeswillen mehr gelten als Selbstschonung und Freundschaft.

Ein unwillkommenes Mädchen setzt der Österreicher Julian Pölsler der tödlichen Kälte einer Gastfamilie aus: Für "Wir töten Stella" - wie schon für "Die Wand" - diente ihm ein Roman Marlen Haushofers als Grundstoff. In stimmungs- und symbolstarken Bildern eines noblen, aber abweisenden Luxus mischt er Wirklichkeit und Albtraum, um in einem goldenen Käfig zwei unterschiedliche Wesensformen von Weiblichkeit zu konfrontieren: Die in Schönheit alternde Anna entdeckt an der halbwüchsigen Stella eine Unberührtheit und erwachende Lebenssehnsucht wieder, die ihr selbst in Jahrzehnten verlorenging; neidisch billigt sie den Untergang des unleidlichen Spiegelbilds.

Hier aber, bei den Hofer Filmtagen, "haben wir's doch eigentlich schön", um einen Satz aus Peter Bösenbergs Eröffnungs-Kurzfilm "Backyard-Love" zu zitieren: "Es kann doch alles so bleiben, wie's ist." Das sieht, in den Kiezen der Berliner Nacht, Torsten alias "Lux - Krieger des Lichts" anders. Als Super-Hero im Heldenkostüm Marke Eigenbau zieht er aus, die schlimme Welt, zumindest seine enge eigene, besser zu machen, indem er Gutes tut. Aber Torsten, das kleine Licht, fällt auf; er muss erdulden, dass ein Videoteam des Internet-Fernsehens sein "Weltpolizei-Ding" zur großen Show hochputscht und ihn selber manipuliert, dann demontiert - verkehrte Welt. Mit der Handkamera der Reportage gedreht, könnte Daniel Wilds famoses, bitter-satirisches Debüt weit vorn im diesjährigen Film-Ranking stehen, gäb's beim Festival denn eins. Torsten alias Lux, der halbe Held, gibt eine Allegorie ab fürs Hofer Filmfest und fürs Kino überhaupt, das wie die Berliner Nacht ungreifbar aus nichts als Schein und Schimmer besteht: Seine Macher sind keine Krieger, aber Aktivisten des Lichts.

Autor
Michael Thumser

Michael Thumser

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
30. 10. 2017
21:48 Uhr

Für »Meine Themen« verfügbare Schlagworte

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Schlagwort zu
Meine Themen

zu Meine Themen hinzufügen

Hinzufügen

Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten

Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
51. Hofer Filmtage Agentenfilme Arnstedt Basisdemokratie Filmpreise Filmtage Freundschaft Internationale Hofer Filmtage Kai Wessel Kinos Krieger Kunst- und Kulturfestivals
Hof
Diesen Artikel teilen / ausdrucken


 
Mehr zum Thema
Michael Böhm

20.10.2017

Crowdfunding fürs Galeriehaus läuft

Der Verein Cine Center Hof will das Galeriehaus, den Entstehungsort der Internationalen Hofer Filmtage, erhalten und in die Zukunft führen. Deshalb hat Organisationsverein des Festivals nun eine Crowdfunding-Aktion gesta... » mehr

Daniel Wild

28.10.2017

Daniel Wild gewinnt den Heinz-Badewitz-Preis

Der Nachwuchsregisseur Daniel Wild hat für seinen Film "Lux - Krieger des Lichts" den Heinz-Badewitz-Preis erhalten. » mehr

Mitarbeiter und Geschäftspartner der beteiligten Firmen warten nach dem Sektempfang auf die Verleihung des Hans-Vogt-Filmpreises und die Filme im Scala-Kino.	Foto: Frank Wunderatsch

26.10.2017

Kultur als wichtiger Standortfaktor

Beim Filmtage-Event der Unternehmerinitiative Hochfranken unterstreicht Sprecher Jürgen Werner: Besonders junge Menschen erwarten ansprechende Angebote. » mehr

Einweihung Filmtagestele

24.10.2017

Freude über Filmtage-Stele - Finanzierung steht

Es ist eigentlich nur ein formaler Akt gewesen - aber einer, auf den die Stadträte aller Couleur besonders stolz sind: Der Haupt- und Finanzausschuss nahm offiziell im » mehr

Camping für Kultur: Hartgesottene Filmfans bringen ihre Klappbetten mit.

24.10.2017

Fünfte Jahreszeit für Filmfreaks

Das Film-Fieber ist ausgebrochen: In Hof herrscht wieder der Ausnahmezustand. Treue Filmtage-Besucher schlafen sogar in der Altstadt. » mehr

Applaus für den Regisseur - doch nicht immer wurden Filmtage-Filme so beklatscht wie auf diesem zehn Jahre alten Archivbild. Selbst mancher Eröffnungsfilm von einst wurde von Herzen ausgebuht und ist heute zu Recht vergessen. Archivfoto: Hermann Kauper

24.10.2017

Ein Anarchist gegen Opas Kino

Heute beginnen die Hofer Filmtage 2017. Was läuft zur Eröffnung? Das ist eine der ersten Fragen, die den Veranstaltern alljährlich gestellt wird. Unter diesem Aspekt blicken wir zurück in die Geschichte des Festivals. » mehr

Bildergalerie » zur Übersicht

Prunksitzung der Faschingsgilde Marktredwitz

Prunksitzung der Faschingsgilde Marktredwitz | 20.11.2017 Marktredwitz
» 38 Bilder ansehen

Blinde Date im Alten Bahnhof.JPG Hof

Blind Date im Alten Bahnhof | 18.11.2017 Hof
» 73 Bilder ansehen

Selber Wölfe - Eisbären Regensburg 5:1 Selb

Selber Wölfe - Eisbären Regensburg 5:1 | 18.11.2017 Selb
» 24 Bilder ansehen

Autor
Michael Thumser

Michael Thumser

Kontakt zum Autor

Autor zu »Meine Themen« hinzufügen

Veröffentlicht am:
30. 10. 2017
21:48 Uhr



^