2. Bundesliga Club gelingt Trainercoup in Rekordzeit

Christian Dreßel
Sichtlich gelöst präsentiert Nürnbergs Sportvorstand Dieter Hecking (links) den neuen Club-Trainer Markus Weinzierl. Foto: /IMAGO/Sportfoto Zink

Nur einen Tag nach dem Rausschmiss von Robert Klauß klärt der 1. FC Nürnberg die Nachfolge. Der neue Coach hat reichlich Bundesligaerfahrung.

Die Pläne von Markus Weinzierl sind an diesem Sonntagnachmittag ganz andere. Er sitzt gerade im Auto gen Italien, will mit seinem guten Freund und Ex-Club-Spieler Hans „Charly“ Dorfner im Süden Golf spielen, dann klingelt plötzlich sein Mobiltelefon. Am anderen Ende der Leitung meldet sich Dieter Hecking mit einem Jobangebot.

Nürnbergs Sportvorstand, der zuletzt kaum den Eindruck von Eile vermittelte, drückt am verlängerten Wochenende gehörig aufs Tempo. Er will keinen Interimstrainer verpflichten, sondern möglichst zeitnah seinen Wunschkandidaten präsentieren. Die Konsequenz: Noch am Tag der deutlichen Auswärtsniederlage in Karlsruhe (0:3) und noch Stunden vor der offiziellen Freistellung von Robert Klauß, von dem Hecking trotz der sich häufenden Kritik und sportlichen Talfahrt überzeugt war, ist sich der Club in den wesentlichen Punkten mit seinem neuen Übungsleiter einig.

Gespräche mit Weinzierl liefen vor der Entlassung von Klauß

Dass Weinzierl als neuer Trainer des 1. FC Nürnberg schon am Dienstnachmittag offiziell vorgestellt werden kann, liegt an der mehrgleisigen Arbeitsweise von Hecking. „Als Sportvorstand brauchst du immer einen Plan B und stehst in regelmäßigem Kontakt mit anderen Trainern“, erklärt der bei der Pressekonferenz aus freien Stücken. Ein überraschend selbstbewusster Satz, der daher rühren könnte, dass ihm mit der Verpflichtung von Weinzierl ein echter Coup in kürzester Zeit gelungen ist. Schließlich kommt der 47-Jährige mit der Empfehlung von insgesamt vier Bundesligastationen (FC Augsburg, FC Schalke 04, VfB Stuttgart und wieder FC Augsburg) zum taumelnden Zweitligisten. Besonders seine erste Amtszeit bei den Fuggerstädtern, mit denen er beispielsweise 2014/2015 mit dem fünften Tabellenplatz die historisch beste Platzierung der Vereinsgeschichte und damit das internationale Geschäft erreichte, weckt Begehrlichkeiten. Bei seinem zweiten Aufenthalt in Augsburg schaffte er in der vergangenen Spielzeit einen am Ende ungefährdeten Klassenerhalt, verzichtete aber wegen interner Querelen mit FCA-Manager Stefan Reuter auf eine Fortsetzung seines Engagements.

Neuer Trainer fordert Intensität und Disziplin

Gefragt, ob die Anstellung in Nürnberg nicht ein Rückschritt in seiner Karriere sei, entgegnet Weinzierl: „Der Club ist ein Traditionsverein, mit dem ich Schritt für Schritt nach vorne will.“ Das langfristige Potenzial der Franken schätzt der gebürtige Straubinger. Die aktuelle Herausforderung, nämlich die sportliche Krise zu bewältigen, reizt ihn. Schon wenige Stunden nach seinem Telefonat mit Hecking schaut sich Weinzierl den Auftritt der Nürnberger in Karlsruhe in der Wiederholung an und macht – kaum verwunderlich – Verbesserungspotenzial aus. Besonders Intensität und Disziplin wolle er der Mannschaft einimpfen, ansonsten bleibt er an seinem ersten Tag im Amt bei der Fehleranalyse vage. Denn alles, was er sagen würde, werde als Kritik an seinem Vorgänger Klauß interpretiert.

Gesprächsfreudig zeigt sich Weinzierl dagegen im ersten Treffen mit seiner neuen Mannschaft, das noch vor der Pressekonferenz stattfindet. Das Kennenlernen ist ihm wichtig, denn nur mit Johannes Geis (auf Schalke) hat er zuvor schon einmal zusammengearbeitet. Die ersten Insider-Information haben ihm der Mannschaftsrat und das Trainerteam bereits zugespielt. „Jetzt will ich die vielen Informationen ordnen und mir meine eigenen Eindrücke verschaffen“, sagt der neue Club-Trainer. Helfen wird ihm dabei seine große Erfahrung, die im Heckingschen Anforderungsprofil bei der Suche nach einem Klauß-Nachfolger ganz oben stand. Denn nach Ansicht des Sportvorstandes brauche der Club nun Ruhe und Gelassenheit, Weinzierl vereine das, um sich aus der schwierigen sportlichen Lage zu befreien.

Saisonziel bleibt bestehen

Druck baut Hecking trotzdem auf: Das in die Ferne gerückte Saisonziel, der 58-Jährige hatte in Absprache mit Spielern und Trainern einen Platz unter den ersten sechs ausgegeben, will er zwar hinten anstellen – aber nicht revidieren. Denn aktuell hat Nürnberg, das nach zehn Spieltagen nur einen Sieg hat und nur zwei Punkte vor Schlusslicht Bielefeld steht, ganz andere Sorgen. Besonders in Augsburg hat Weinzierl gezeigt, dass er sich im Abstiegskampf auskennt, aber darüber hinaus eine Mannschaft auch über einen längeren Zeitraum entwickeln kann. Während Kritiker ihm vorhalten, er könne nur Augsburg, hält er forsch dagegen: „Augsburg zu können, ist eine Riesenleistung.“ In Nürnberg werden sie auf Ähnliches hoffen – mit Weinzierl steht jetzt zumindest ein Trainer mit Bundesligaformat an der Seitenlinie.

 

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