„Amadeus“-Premiere auf der Luisenburg Wunsiedel gegen Hollywood

Starke Szene: Sterbenskrank sucht Mozart (Philipp Moschitz) noch Schutz bei Salieri (Paul Kaiser), der ihn zugrunde gerichtet hat. Foto: /Florian Miedl

Abgründig, amüsant und tragisch klotzt „Amadeus“ auf der Luisenburg mit großem Gefühl. Die Auftakt-Inszenierung hält die Spannung zwischen dem exaltiertem Mozart und dem eifersüchtigem Salieri.

Es ist ein Wagnis. Ein David-gegen-Goliath-Wagnis. Die Luisenburg-Festspiele eröffnen ihre Spielzeit mit „Amadeus“ und verweisen in ihrer Ankündigung auf den „weltberühmten, sensationell erfolgreichen, mit acht Oscars ausgezeichneten Miloš Forman-Film“.

Kostspielig gegen finanzschwach

Hollywood gegen Wunsiedel – das ist härter als der Komponisten-Kampf Mozart gegen Salieri, der am Freitag in Wunsiedel Premiere feierte. Hier die finanzschwache Felsenbühnen-Inszenierung mit knallharter Kürzung auf das Freilicht-Zuschauern maximal zumutbare Zwei-Stunden-Gardemaß, dort zwei Stunden und vierzig Minuten üppige Überlänge samt kostspieliger Edelfilmbesetzung und -ausstattung.

Regie setzt auf reine Essenz

Arme Regisseurin. Das Streichkonzert war sicher bitter. Aber Veronika Wolff schafft es. Sie beschränkt die Wunsiedler Produktion auf die reine Essenz. Also auf die Frage, wie es sich mit einem Genie vor der Nase lebt.

Brillant: Paul Kaiser

Paul Kaiser spielt die eigentliche Hauptrolle des Erzählers Antonio Salieri so elegant wie eloquent und eindrucksvoll. Der kaufmännisch erfolgreiche Komponist geht kaputt daran, dass Gott einem albernen, infantilen Kasper nicht nur allergrößtes Talent verleiht, sondern den gottesfürchtigen Salieri auch noch mit der Gabe geißelt, dies als Einziger zu erkennen: „Er (Mozart) schafft aus Alltäglichkeit Legenden und ich aus Legenden Alltäglichkeit!“ Brillant zeigt Paul Kaiser die Fratze des fiesen Neiders hinter der formvollendeten Fassade: „Von da an war die Welt voll, du hast mir nichts übrig gelassen.“

Lustgesteuertes „Wolferl“

Dabei will das „Wolferl“ doch nur spielen. Wie im Hollywood-Film gibt auch Philipp Moschitz den „Amadeus“ auf der Wunsiedler Bühne als lustgesteuertes Pubertier. Um Konventionen schert sich dieser junge Egomane ebenso wenig wie um seinen Ruf bei Hofe: Moschitz’ Mozart hüpft als schriller Barock-Spinner im lila Frack mit Addidas-Turnschuhen über die Felsenbühne, während er ebenso unbekümmert wie unbeirrt „göttliche Musik“ hervorbringt.

Beste aller Opern: „Figaro“

Seine „,Hochzeit des Figaro“ sei die beste je geschriebene Oper, posaunt der pfauenhafte Selbstdarsteller ausgerechnet seinem Widersacher entgegen. Salieri erkennt darin tatsächlich „das Perfekteste, das je geschrieben worden ist“ und beschließt, seinen Konkurrenten zu vernichten. „Ich habe nicht auf dieser Welt gelebt, um dir als Witz zu dienen.“

Vertraut ärgstem Feind

Es ist so bitter: Das gefühlsgesteuerte Genie, das Gefühle musikalisch perfekt auszudrücken vermag, kann sich kein bisschen in andere einfühlen. Ausgerechnet seinem ärgsten Feind vertraut er: „Sie sind ein grundguter Mensch und ich bin ein Narr.“

In einer der stärksten Szenen der Wunsiedel-Inszenierung sucht Mozart sterbenskrank noch Schutz auf Salieris Schoß. Dieser empfindet jetzt erst Mitleid „für den Mann, den ich zugrunde gerichtet habe“.

Hartwig spricht hessisch als Kaiser

Und der Kaiser? Versteht zwar nichts von Musik – „zu viele Noten, viel zu viele Noten“ – gibt dem ungestümen Mozart aber zumindest eine Chance. Der ehemalige Fußballnationalspieler Jimmy Hartwig interpretiert den österreichischen Kaiser in Wunsiedel kernig und direkt. Mit hessischem Dialekt setzt Hartwigs Joseph II. einen klaren Kontrapunkt zum artifiziellen Gesäusel der Hofschranzen. Diese geben in präzise abgestimmtem Ensemblespiel Julian Niedermeier als Graf von Strack, Lukas Schöttler als Van Swieten und Jens Wassermann als Graf Orsini-Rosenberg, außerdem die beiden Venticelli-Darstellerinnen Lisa Mader und Nikola Norgauer. Wunderbar, wie diese zwei Mädels synchron plappern und endlos mit Lichterketten klappern.

Zaubrisches Licht

Bis auf Mozart und Salieri kommt in Wunsiedel alles in weiß daher – die Kostüme (Marion Hauer) ebenso wie das Bühnenbild (Sabine Lindner). Nur wenige Requisiten, darunter eine breite Treppe, zwei Schaukeln und Mozarts Flügel, ergänzen Wald und Fels. Fantastisch wird es auf der Freilichtbühne, wenn die Zauberflöte ertönt: Dann funkeln alle Bäume in wahrlich zaubrischem Licht.

Turtelnde Seifenblasen

Zweimal turteln sogar Seifenblasen über die Bühne, um die verspielte Liebe zu symbolisieren, die das „Wolferl“ mit dem „Stanzerl“ verbindet. Janina Raspe als Constanze zeigt den Wandel vom naiven Mädchen zur geprüften Ehefrau, die funktionieren muss. Sinnbildlich gebiert sie selbst ihr Kind lapidar: raus mit dem Kissen unterm Bauch, weiter im Text. Doch die Seifenblasen kehren zurück – das „Stanzerl“ hält trotz aller Enttäuschungen an seinem „Wolferl“ fest. Prompt folgt die elementarste aller Enttäuschungen: „Musik ist einfach, die Liebe ist schwer“, sagt das „Wolferl“ und stirbt in „Stanzerls“ Armen auf dem Klavier.

Genie-Geschichte ist Fiktion

Schön schmerzlich-tragisch endet die gut gespielte Genie-Geschichte auf der Wunsiedler Felsenbühne. Wie der 1756 geborene Komponist wirklich mit nur 35 Jahren aus seinem kurzen Leben schied, bleibt unklar. Musikwissenschaftler meinen, Mozart sei keineswegs von Salieri vergiftet worden, sondern einem Nieren- oder Herzversagen erlegen.

Prägt Mythos Mozart

Aber: Peter Schaffers zweiaktiges Schauspiel, das der Luisenburg-Inszenierung wie dem Hollywood-Film zugrunde liegt, verbindet MusikGeschichte so unterhaltsam mit Musiker-Geschichtchen, dass es längst zu den Klassikern des 20. Jahrhundert zählt. Das Stück prägte den Mythos Mozart – und inspirierte Falco zu seinem  Hit „Amadeus“. Historische Wahrheit hin oder her – die intrigenreiche Fantasiegeschichte macht sich auf Leinwänden so gut wie auf Brettern, die die Welt bedeuten – auch auf denen in Wunsiedel.

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