Antike "Geschönte Geschichte": Historie als Werkzeug der Macht

Gefälschte Ursprungslegenden oder inszenierte Identitäten: Althistoriker Alexander Demandt zeigt, wie Politik seit dem Altertum die Geschichte für eigene Zwecke umschreibt.

Berlin - "Allem Wahren ist irgendetwas Falsches beigemischt", schreibt der antike Redner und Philosoph Cicero. Diesen Satz stellt der emeritierte Althistoriker Alexander Demandt fast an den Anfang seines eigenen – wie er es nennt – "opus finale". Der 89-jährige Wissenschaftler, der bis 2005 an der Freien Universität Berlin lehrte, führt mit seinem Buch "Geschönte Geschichte. Fälschung und Fabelei seit der Antike" das zusammen, was ihn Zeit seiner wissenschaftlichen Laufbahn umtreibt: die Formen der Geschichtsklitterung.

Nach der Werbung weiterlesen

Im Zentrum stehen zahlreiche Beispiele aus der Alten Geschichte, etwa die Schummelei, nach der Caesars kahler Kopf plötzlich auf Münzen und Marmorporträts behaart ist. Oder wie Kaiser Augustus auf den Darstellungen immer jugendlich blieb, obwohl er weit in die 70 Jahre alt war, als er starb. Auch mit Kaiser Hadrians Geburtsort wurde geflunkert, indem dieser in der Antike vom spanischen Italica ins würdigere Rom verlegt wurde.

Verfälschungen der Geschichte, um Herrschaft zu legitimieren

Der Historiker verlässt sich nicht auf einzelne Episoden, sondern beschreibt vielmehr häufig wiederkehrende Muster: gefälschte Ursprungslegenden, die Verklärung von Herrschern und Helden, nachträgliche Rechtfertigungen von Kriegen sowie die gezielte Diffamierung politischer Gegner. Er zeigt, dass die Politik seit jeher an Darstellungen der Vergangenheit geschraubt hat, um Herrschaft zu legitimieren, Identität zu stiften oder Gewalt plausibel erscheinen zu lassen. Aktualität gewinnt das Buch durch die Einsicht, dass manipulierte Historie kein ausschließlich modernes Phänomen ist.

"Geschönte Geschichte" wirkt weniger populärwissenschaftlich denn gelehrt, bleibt aber weitgehend frei von akademischer Sprache. Einmal bittet der Autor um Nachsicht für seine "loquacitas senilis, der Altersgeschwätzigkeit". Doch gerade die Detailkenntnis und große Materialfülle machen den rund 600 Seiten starken Wälzer zu einer angenehm anspruchsvollen Lektüre.