Arzberg Stadtrat Auf der Suche nach Ärzten

Christl Schemm
Fach- und Hausärzte sind auch im Landkreis Mangelware. Im Bereich Wunsiedel/Marktredwitz müssten acht zurzeit freie Stellen besetzt werden. Foto: picture alliance/dpa/Marijan Murat

ie Gesundheitsbeauftragte des Landkreises Wunsiedel, Kornelia Schaffhauser, warnt im Arzberger Stadtrat vor einer „katastrophalen Unterversorgung“. Sind Genossenschaften die Lösung?

Bis vor wenigen Jahren haben in Arzberg fünf Allgemeinmediziner praktiziert. Aktuell sind es noch zwei. Einer von ihnen ist bereits über 70 Jahre alt. Arzberg ist damit exemplarisch für den Ärztemangel auf dem Land. Dieser betrifft nicht nur Haus-, sondern auch Fachärzte. Das war auch der Grund für einen Antrag der CSU-Fraktion, das Thema mit den Expertinnen, die sich im Landkreis um diese vielschichtige Problematik kümmern, im Stadtrat zu besprechen. Die Corona-Pandemie und Terminschwierigkeiten hatten das Treffen lange hinausgezögert, am Donnerstagabend jedoch waren Gesundheitsbeauftragte Kornelia Schaffhauser sowie die beiden Ansprechpartnerinnen der „Gesundheitsregion plus“, Nina Ziesel und Martina Busch, in die Stadtratssitzung gekommen.

Sie stellten zunächst ihre Arbeit vor, beantworteten viele Fragen und diskutierten mit den Mitgliedern des Gremiums darüber, wie dem Ärztemangel entgegengewirkt werden könnte. Kornelia Schaffhauser erläuterte, dass sie vor zweieinhalb Jahren, also während der Pandemie, die Aufgabe der Gesundheitsbeauftragten übernommen habe, und berichtete von den vielen Handlungsfeldern, die sie bearbeite. Eine Herzensangelegenheit sei ihr der Erhalt des Klinikums Fichtelgebirge mit den beiden Standorten Marktredwitz und Selb. „Wir haben hier vieles auf den Weg gebracht“, betonte die Fachfrau und erinnerte unter anderem an die neue kardiologische Abteilung in Marktredwitz und die Geriatrie in Selb.

Gesundheitsregion plus

Martina Busch und Nina Ziesel präsentierten das Projekt „Gesundheitsregion plus“. Dieses sei die zentrale Anlauf- und Koordinierungsstelle für alle Akteure in diesem Bereich, informiere, initiiere und begleite Projekte. Als Tätigkeitsbereiche nannte Busch Gesundheitsförderung, Gesundheit im Alter, Pflege, Gesundheitstourismus und Gesundheitsversorgung.

Am Beispiel der Hausärzte dokumentierte Busch den Versorgungsgrad. Demnach fehlen laut dem Versorgungsatlas der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern (KVB) im Planungsbereich Wunsiedel/Marktredwitz acht Allgemeinmediziner. Im Bereich Selb sei ein halber Sitz für eine Niederlassung frei. Hinzu komme, dass die praktizierenden Ärzte in der Region im Vergleich zum Landesdurchschnitt viel älter sind. „Wir steuern auf eine katastrophale Unterversorgung zu“, warnte Kornelia Schaffhauser. „Die Politik muss sich diesem Thema stellen.“

Gegen den Mangel

Die „Gesundheitsregion plus“ versucht nach den Ausführungen der Expertinnen mit verschiedenen Maßnahmen gegen den Mangel anzugehen. Zum Beispiel mit der „Mediziner Journey“, mit der Mediziner in die Region geholt werden sollen. Dabei würden die Interessenten von der Oberstufe des Gymnasiums bis zur Niederlassung begleitet. Ziel sei es, Schüler und Studierende an die Region zu binden und mit relevanten Akteuren in der Region zu vernetzen.

Auch die Kommunen können nach Ansicht der Gesundheitsspezialistinnen das Ihre dazu tun, Ärzten eine Niederlassung schmackhaft zu machen. Dazu zähle zum Beispiel, Praxisräume mit entsprechender Ausstattung zu Verfügung zu stellen. Auch Zuschüsse und Fördermaßnahmen der KVB und des Freistaats spielten eine Rolle. So gebe es unter anderem die Landarztprämie und einen Zuschuss der KVB von jeweils 60 000 Euro für eine Niederlassung.

Mehrere Faktoren

„Nur mit Geld geht gar nichts“, meinte der Hausarzt und UPW-Stadtrat Heinz Eschlwöch. Seiner Ansicht nach spielen beim Ärztemangel verschiedene Faktoren eine Rolle: Junge Ärzte achteten verstärkt auf ihre Work-Live-Balance. Sie wollten keine finanziellen Verpflichtungen mehr eingehen. Die Region sei zu wenig bekannt. Die Bürokratie sei überbordend und der Stand der Digitalisierung viel zu niedrig. „Wir arbeiten noch mit dem Fax“, kritisierte Eschlwöch.

Eine Lösung könnte seiner Meinung nach eine Genossenschaft für ein Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ) auf Landkreisebene sein, an dem die Kommunen, das Klinikum, Arztpraxen und einzelne Ärzte beteiligt sind. „Wir tagen zu diesem Thema seit 30 Jahren. Aber einer muss den Hut aufsetzen“, forderte der Arzt.

Auf die Frage von UPW-Sprecher Roland Werner, ob es Unterstützung seitens des Landkreises für das Modell Genossenschaft gebe, antwortete Kornelia Schaffhauser: „Wir haben das im Blick.“ Der Versorgungsauftrag liege allerdings bei der KVB.

In der Pflicht

Auch SPD-Fraktionsvorsitzender Peter Gräf meinte, dass die KVB mehr in die Pflicht genommen werden müsse und es besser wäre, wenn die Kommunen mehr zusammenarbeiten würden, statt gegeneinander im Wettbewerb zu stehen. Karl Röhrig, Fraktions-Chef der CSU, sprach sich dafür aus, das Klinikum zu stärken und Ärztezentren zu organisieren. Allerdings sei es für die Mediziner schwer, geeignetes Personal zu finden.

Er habe die Befürchtung, dass der „Zug schon abgefahren“ sei, sagte Stefan Klaubert (SPD). Es sei blauäugig, darauf zu setzen, dass der Ärztemangel beseitigt werde, wenn die Kommune Praxisräume bereitstelle. Bürgermeister Stefan Göcking versicherte, dass er und alle seine Kollegen im Landkreis in Sachen Klinikum und Erhalt der beiden Häuser an der Seite der Gesundheitsbeauftragten und der „Gesundheitsregion plus“ stünden.

Corona-Lage

Aktuelle Zahlen
 Um eine kurze Einschätzung der Corona-Lage bat Bürgermeister Stefan Göcking die Gesundheitsbeauftragte Kornelia Schaffhauser. Aktuell seien die Zahlen im Sinkflug, sagte sie. Es sei davon auszugehen, dass es im Herbst weitere Virusvarianten geben werde. „Wir hoffen auf eine Variante ohne Tote und darauf, dass das Leben normal weitergeht.“ Am Donnerstag seien 98 neue Infizierte gemeldet worden, davon 13 in Arzberg. Seit Anfang der Pandemie seien 32402 Menschen im Landkreis an Covid-19 erkrankt und 274 gestorben. 82 600 Menschen seien im Impfzentrum Wunsiedel und 73 700 in Arztpraxen geimpft worden

 

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