Ausstellung an Berufsschule Sucht hat viele Gesichter

Sabine Schaller-John
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Eine Wanderausstellung macht an der Hofer Berufsschule Halt. Ohne erhobenen Zeigefinger soll sie die Schülerinnen und Schüler dazu bringen, über Sucht nachzudenken.

Eine Wanderausstellung über alle Facetten und Phasen süchtigen Verhaltens macht Station im Beruflichen Schulzentrum Hof – Stadt und Land. Das Präventionsprojekt hat eine Besonderheit, die seinen Erfolg seit 24 Jahren ausmacht: Sie wurde von genesenden Süchtigen und ihren Angehörigen konzipiert.

Acht Stationen umfasst die Ausstellung „Einfach menschlich“, die Definition von Sucht, Wege in die Sucht, süchtiges Verhalten, Wege aus der Sucht, Hilfe zur Selbsthilfe und auch gut gemeintes aber falsches Verhalten von Freunden und Angehörigen bewusst machen will. „Und das ganz bewusst ohne pädagogischen Zeigefinger“, sagt Projektleiterin Freia von Hennigs vom gemeinnützigen Verein S.u.G. (Suchtprävention und Genesung Regensburg), der Träger der Ausstellung ist. „Unser Ansatz ist aus der Idee entstanden, süchtiges Verhalten für nicht-betroffene oder noch nicht betroffene Menschen verstehbar und nachfühlbar zu machen.“ Der Suchtbegriff wird dabei sehr weit ausgelegt und schließt neben Alkohol- und Drogensucht beispielsweise Spielsucht, Computersucht, Sexsucht oder auch Streitsucht ein. „Über 100 Personen, allesamt Suchtbetroffene, waren an der Konzeption beteiligt“, erzählt von Hennigs am Dienstag bei der Ausstellungseröffnung in den Räumen des Beruflichen Schulzentrums Hof – Stadt und Land am Pestalozziplatz in Hof.

„Die Wege, die wir in der Ausstellung zeigen, machen Prozesse und Verhaltensweisen deutlich, die von kontrolliertem zu unkontrolliertem Verhalten führen und so zum Verlust des autonomen Handelns“, erklärt sie. „Süchtiges Verhalten ist ein zutiefst menschliches Verhalten“, sagt von Hennigs. Die Ausstellung zeigt Verhaltensalternativen auf und will einen Beitrag dazu leisten, dem Abgleiten eines Menschen in den Weg süchtigen Verhaltens zuvorzukommen. Da es sich um eine sogenannte betreute Ausstellung handelt, werden die Schülerinnen und Schüler in die Ausstellungsinhalte eingeführt. Nach dem eigenständigen Ausstellungsrundgang finden Gruppengespräche, bei Bedarf und Wunsch auch Einzelgespräche, statt.

„Wir hätten nie gedacht, dass diese Ausstellung so lange so erfolgreich laufen würde“, sagt Klaus Haschberger, stellvertretender Leiter des Sucht-Präventionsprojektes und wie von Hennigs von der ersten Stunde mit dabei. Er hat selbst vor gut 30 Jahren eine Sucht bewältigt und kennt alle Phasen im Verhalten von Süchtigen, aber auch die Wege, wie man einer Sucht entkommen kann. Der gelernte Zimmermann war einer der Betroffenen, die zusammen mit Fachleuten die Inhalte der Ausstellung konzipierten, in Ausstellungsinhalte und Ausstellungsbauten umgesetzt haben. Seit 24 Jahren ist er damit nun schon „auf Tour“. Wenn man die Entfernungen zwischen allen Ausstellungsorten zusammenzählen würde, an denen sie im Laufe der Zeit bundesweit Station gemacht habe, sagt er, wäre sie viermal um die Welt gegangen. „Natürlich haben wir die Inhalte immer wieder an aktuelle Gegebenheiten angepasst“, betont er.

Bis einschließlich 1. April werden, sagte Oberstudienrat Reiner Preisenhammer bei seinen Einführungsworten, rund 800 Schülerinnen und Schüler aus 40 Klassen der Berufsschul-Standorte Hof, Rehau und Münchberg diese Ausstellung erleben und auf sich wirken lassen können. „Sie gibt uns die Möglichkeit, den Schülerinnen und Schülern ein Präventionsangebot zu machen, in dem sie als Menschen im Mittelpunkt stehen, abseits der sonst in der Schule vermittelten sachlichen Inhalte.“ Suchtprävention sei ein sehr wichtiges Thema, betonte Hofs zweite Bürgermeisterin Angela Bier (CSU). „Jugendliche und junge Erwachsene probieren sich aus. Das Ausstellungsprojekt ist dazu geeignet, nachhaltige Präventionsarbeit zu leisten“, sagt sie. Dass auch die Schule dabei helfen wolle, sei gut. So könnten individuelle Tragödien vermieden, aber auch Kosten, die die Gesellschaft zur Suchtbewältigung tragen müsse, reduziert werden.

Wolfgang Hofmann, Direktor der AOK Hof-Wunsiedel, verbindet mit der Ausstellung die Hoffnung, in der Präventionsleistung voranzukommen, vor allem bei jungen Erwachsenen im Ausbildungsalter. Die AOK Bayern ist seit 2017 Kooperationspartnerin des Projektes „Einfach menschlich“, finanziert auch die Ausstellung in Hof und legt den Schwerpunkt der Ausstellungsorte auf berufsbildene Schulen in Bayern.

Die Ausstellung „Einfach menschlich“ mit ihrer begehbaren Suchtspirale mit immer enger werdenden Wegen lässt erleben, wie beklemmend Sucht ist und wie schwer der Ausweg daraus zu finden ist. Das Thema „Co-Abhängigkeit“ wird ebenfalls thematisiert und vielfältige Sachinformationen zum Thema Sucht bereitgestellt sowie die Möglichkeit gegeben, während des Ausstellungsbesuches aktiv eigenes Verhalten zu hinterfragen.

Stefan Seidel, Jugendsozialarbeiter am Beruflichen Schulzentrum Hof, sieht in der Ausstellung eine sehr gute Ergänzung seiner Arbeit als unabhängiger Ansprechpartner für die Sorgen und Nöte der Schülerinnen und Schüler, die durch Corona nicht weniger geworden sind.

Und was sagen die Berufsschülerinnen und -schüler aus der Region? Noch nichts, denn die Ausstellung läuft erst seit Mittwoch für die Schulklassen. Schülersprecher Steffen Eichinger ist davon überzeugt, dass sie ein Erfolg wird. Freia von Hennigs und Klaus Haschberger werten die Feedback-Bögen der Ausstellungsbesucherinnen und -besucher aus. Zwei Ergebnisse motivieren sie stets von Neuem für ihre Präventionsarbeit: 98 Prozent finden die Ausstellung generell gut und zwischen 75 und 80 Prozent geben an, dass die Ausstellung sie dazu gebracht habe, über ihren persönlichen Umgang mit Suchtmitteln nachzudenken. „Das sind Traumwerte“, freut sich Haschberger.

 

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