Berthold-Leibinger-Stiftung Ein Fest der Wissenschaft

Festakt im „Blautopf“ der Firma Trumpf in Ditzingen. Foto: red

Zukunftsweisend, das sind sie alle - die Forschungsarbeiten der acht Finalisten beim Innovationspreis der Berthold-Leibinger-Stiftung. Drei davon wurden jetzt besonders hervorgehoben. Dazu der Mann, der entscheidenden Anteil am schnellen Internet hat.

Ditzingen - Ein richtiger Festakt mit knapp 300 Gästen aus mehreren europäischen Ländern, einige davon auch aus den USA – das stellt in Corona-Zeiten eine große Herausforderung dar. Die Berthold-Leibinger-Stiftung hat sich ihr gestellt und enormen Aufwand betrieben, um einen solchen Festakt in einem infektionsfreien Umfeld stattfinden zu lassen. Vor der Veranstaltung am Freitagabend bei der Firma Trumpf in Ditzingen wurden alle Gäste einem PCR-Test unterzogen, diejenigen ohne 24-Stunden-Nachweis zusätzlich auch einem Antigen-Schnelltest. Dafür stand eigens ein mobiles Labor bereit. Als Peter Leibinger, Stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung und Technischer Direktor von Trumpf, im Betriebsrestaurant „Blautopf“ zur Begrüßung ans Rednerpult trat, konnte er freudig feststellen: „Es ist wunderbar, wieder mit Menschen zusammen zu sein.“ Dem „Fest der Wissenschaft“, das auf Berthold Leibinger zurückgeht, den 2018 verstorbenen Seniorchef des Werkzeugmaschinenherstellers Trumpf, stand nichts mehr im Wege.

Der Innovationspreis ist mit 100 000 Euro dotiert

Es war der Mühe wert. „Die Preisverleihung ist einer unserer Höhepunkte. Sie lebt von persönlichen Begegnungen“, hatte Stiftungs-Geschäftsführerin Brigitte Diefenbacher vorab erklärt. Normalerweise wird der international renommierte Preis im Zweijahresrhythmus verliehen. Die Preise für 2020 waren bereits 2019 ausgelobt worden. Im vergangenen September hätten sie vergeben werden sollen. Damals war den Verantwortlichen jedoch das Corona-Risiko zu groß. Die von der Jury bestimmten acht Finalisten und drei Preisträger mussten sich gedulden. Jetzt, am Freitagabend, wurden sie im Beisein von Trumpf-Chefin Nicola Leibinger-Kammüller und Mathias Kammüller (CDO und Mitglied der Geschäftsführung) offiziell bekannt gegeben und gewürdigt. Der Innovationspreis ist mit insgesamt 100 000 Euro dotiert.

„Der Schlüssel zum digitalen Fortschritt“

Der erste Preis ging an die Forscher Dr. Daniel Brown, Dr. Alexander Schafgans und Dr. Yezheng Tao. Honoriert wurde eine Errungenschaft, die Fachleute mit der Zunge schnalzen lässt. Es geht um den „Durchbruch laserproduzierter Plasma-Quellen für Lithographie-Scanner mit extrem-ultravioletter Strahlung für die Massenfertigung“. In einem Filmbeitrag wurde die bahnbrechende Errungenschaften für den Laien übersetzt. Dem US-amerikanischen Forscherteam von der ASML Strahlquellenentwicklung in San Diego ist es demnach gelungen, Licht von einer bestimmten Wellenlänge zu erzeugen, sogenanntes extremes Ultraviolett. Damit können die Strukturen von Mikrochips stetig verkleinert werden. „In der Verkleinerung liegt der Schlüssel zum digitalen Fortschritt“, betonte ein Jury-Sprecher. Notwendig sei dafür eine der komplexesten Maschinen der Welt. Auch ein Trumpf-Laser spielt dabei eine wichtige Rolle. Die Entwicklung hat inzwischen ein industrielles Stadium erreicht. Seit 2019 werden Chips, die auf diesem Wege produziert werden, in Smartphones verwendet. Wie erreicht man solchen Fortschritt? Teamleiter Daniel Brown nennt die Erfolgsformel: „Ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration.“

Die Jury sieht in den Arbeiten großes praktisches Potential

Den zweiten Preis erhielten Professor Byer von der Stanford University und Professor Hommelhoff von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg für ihre erfolgreichen Bemühungen, einen möglichst kleinen Teilchenbeschleuniger zu bauen, nach Möglichkeit sogar den kleinsten der Welt. Die Forscher nutzen dafür die Wechselwirkung von Photonen und Elektronen. Ihnen schwebt vor, dass solche Geräte eines Tages in Arztpraxen eingesetzt werden könnten, um Tumore präzise zu bestrahlen. „Das Potential ist riesig“, findet die Jury der Berthold-Leibinger-Stiftung

Auch von dem dritten Preis verspricht man sich großen praktischen Nutzen – obwohl zunächst alles sehr theoretisch klingt. Professor Stephan Barcikowski und Professor Bilal Gökce von der Universität Duisburg-Essen erhielten die Auszeichnung für ihre Arbeiten zur „Hochskalierten Nanopartikelsynthese durch Laserablation in Flüssigkeiten für die chemische Industrie und die Additive Fertigung“. Das bedeutet: Sie haben ein Verfahren entwickelt, um mit Hilfe von Laser Nanopartikel mit einem hohem Reinheitsgrad zu erzeugen. Diese sind für vielerlei Zwecke von Nutzen – unter anderem für die Medizintechnik. Auch an dieser Stelle wurde deutlich: Begeisterungsfähigkeit ist ein wichtiger Faktor erfolgreichen Forschens. Oder wie Barcikowski es ausdrückte: „Es gibt nichts Schöneres, als Forscher zu sein!“

Hohe Ehrung für einen Pionier der Laserforschung

Zu den Preisträgern zählt ferner der Engländer Sir David Payne von der University of Southampton. Er bekam den mit 50 000 Euro dotierten Zukunftspreis. Zusätzlich zu dem im Jahr 2000 gestifteten Innovationspreis vergibt die Berthold-Leibinger-Stiftung diesen Preis seit 2006 an herausragende Laserforscher. Auf Paynes Forschungsarbeiten basieren moderne Datenleitungen. Er hat damit ein Stück Zukunft gestaltet. „Das globale Internet wäre ohne diese Technologie unbezahlbar“, hieß es in der Würdigung. „Berthold Leibinger hätte sich sehr gefreut, diesem Pionier der Laserforschung und Faseroptik den Preis persönlich zu überreichen“, sagte der Jury-Sprecher. Seinen Dank verband der 77-jährige Payne mit einem Appell zur Stärkung der Natur- und Ingenieurwissenschaften. Das sei notwendig, um die großen globalen Herausforderungen wie den Klimaschutz bewältigen zu können.

Paynes Auftritt war der Höhepunkt des großen „Fests der Wissenschaft“ bei Trumpf, zu dem fachlich der Physiker Markus Aspelmeyer von der Universität Wien mit Betrachtungen über das Spannungsverhältnis zwischen allgemeiner Relativitätstheorie und Quantenphysik und musikalisch die Stuttgarter Jazzpianistin Olivia Trummer beitrugen. Die Ratschläge Paynes an die geschätzte Kollegenschaft lauteten kurz und präzise: „Habt keine Angst davor, falsch zu liegen, hört auf die Märkte der Zukunft, kümmert Euch um ausreichend Forschungsgelder, strebt nach dem Unerwartbaren – und habt immer einen Plan B.“

 

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