Bewusste Ignoranz Warum wir schlechte Nachrichten ausblenden

Nadine Zeller
Ausblenden statt hinschauen: Das ist bei den vielen Krisen manchmal verlockend. Foto: imago//Jose Carlos Ichiro

Ukrainekrieg, Coronapandemie, Klimakrise – schlechte Nachrichten gab es zuletzt genug. Während manche tief in den Sog dieser Berichte abtauchen, entscheiden sich andere, das völlig zu ignorieren. Aber wovon hängt es ab, was wir ausblenden?

Die wenigsten Menschen möchten gerne wissen, wann ihr letztes Stündlein schlägt. Es gibt schönere Dinge, als sich mit dem eigenen Todestag auseinanderzusetzen. Ein Großteil der Menschen zieht es vor, Informationen über bevorstehende negative Ereignisse zu ignorieren. Psychologen sprechen von bewusster Ignoranz, wenn Menschen Informationen meiden, die sie betreffen und ihnen sogar nützen könnten. Doch wovon hängt es ab, ob wir bestimmtes Wissen ausblenden?

Eine erste Antwort liefert eine aktuelle Umfrage: Einmal pro Jahr untersucht der Reuters Digital News Report, wie Menschen aus 46 Ländern Nachrichten nutzen. Das Ergebnis im Jahr 2022 lautet: Etwas mehr als die Hälfte der Deutschen will wissen, was in Zeitungen und auf Online-Newsportalen steht. Das sind zehn Prozent weniger als im Vorjahr. Jeder zehnte Person gab an, dass Nachrichten sich negativ auf ihre Stimmung auswirkten und sie deshalb auf deren Konsum verzichteten.

Fokus auf das Negative war mal überlebenswichtig

Coronapandemie, Ukrainekrieg, Klimakrise – die vergangenen drei Jahre haben selbst hartgesottene Leser an ihre Grenzen gebracht. Manche Menschen konnten das Konsumieren schlechter Nachrichten gar nicht mehr stoppen und betrieben sogenanntes Doom-Scrolling, das exzessives Lesen düsterer Nachrichten beschreibt.

Menschen speichern negative Informationen und potenzielle Gefahren besser ab und suchen auch stärker danach. Evolutionsbiologisch betrachtet, ist diese Negativitätsverzerrung ein Überlebensvorteil. Wer ständig den Säbelzahntiger fürchtet, ist besser vorbereitet.

Aber gut Informierte profitieren auch heute: Wer den Gasmangel infolge des Ukrainekriegs schon früh kommen sieht, investiert früh in eine Wärmepumpe. Dennoch ignorieren wir oft, was uns belastet.

Viele Menschen wollen nicht in die Zukunft schauen

Eine kanadische Studie ergab, dass jeder zehnte Erwachsene mit einer Familienvorgeschichte für die Huntington-Krankheit auf den Linkage-Test verzichtet, der diese Erbkrankheit vorhersagt. Ebenso will jeder fünfte Erwachsenen in Malawi das Ergebnis eines HIV-Testergebnisses nicht wissen, selbst wenn Geld dafür bezahlt wird. Das erscheint paradox, unterliegt jedoch einer Logik.

Wie diese aussieht, hat Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin untersucht. Für seine Studie, die in der amerikanischen Fachzeitschrift „Psychological Review“ im Jahr 2017 erschien, hat der Forscher mehr als tausend Erwachsene in persönlichen Interviews gefragt: Würden Sie heute wissen wollen, wann ihr Partner stirbt? Das Ergebnis: Zwischen 86 und 90 Prozent der Menschen gaben an, dies nicht wissen zu wollen. Dabei hätte das Wissen Vorteile, um die verbliebene Zeit besser zu nutzen, etwa weniger zu arbeiten und mehr Zeit mit der Familie zu verbringen.

Menschen wägen zwischen Wissen und Nicht-Wissen ab

Laut Gigerenzer entscheidet das Maß der antizipierten Reue darüber, ob wir etwas wissen wollen oder eben nicht. Reue überkommt Menschen, wenn sie sich für Option A entschieden haben, um dann herauszufinden, dass Option B besser gewesen wäre. Je folgenreicher und komplexer das Wissen, desto schwerer die Abwägung. Elternschaft ist so ein Beispiel: In der Umfrage von Gerd Gigerenzer gaben 38 Prozent der Männer ohne Kind an, dass sie im Falle einer Vaterschaft auf einen DNA-Test bestehen würden. Unter denjenigen, die bereits Kinder hatten, sagten jedoch nur vier Prozent, tatsächlich einen Test gemacht zu haben.

„Das Verhalten zeigt, dass die Männer eine Abwägung treffen“, sagt Gigerenzer. So könnte die Partnerin das Bestehen auf einen Vaterschaftstest als Vertrauensbruch interpretieren. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass der Test nicht wie erwünscht ausfällt. In diesem Fall hätte dies Auswirkungen auf das Verhältnis zur Frau und dem Kind.

Die Antworten werden verrechnet mit dem Nutzen, den das sichere Wissen um die Vaterschaft mit sich bringt. Überwiegt der Nutzen, wollen die Betroffenen einen Vaterschaftstest machen. Dominieren die Kosten, entscheiden sie sich gegen den Test.

Das Alter spielt eine entscheidende Rolle

Liebesaffären beispielsweise haben das Potenzial, ganze Familien zu sprengen, wenn die Wahrheit zutage tritt. Je älter die Menschen sind, desto weniger wollen sie aber von Untreue erfahren und meiden brisantes Wissen. Diesen Zusammenhang hat Ralph Hertwig, Psychologe am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin mit Kollegen in einer Studie herausgefunden, die 2021 im Fachblatt „Psychology and Aging“ erschien. Mit dem Alter verschieben sich also die Prioritäten. Laut der sozioemotionalen Selektivitätstheorie tendieren junge Menschen dazu, zukunftsorientierte Ziele anzuvisieren. Ältere Menschen hingegen bevorzugen auf die Gegenwart gerichtete Ziele, wie zum Beispiel psychisches Wohlergehen.

Es könnte also auch als Zeichen emotionaler Reife gewertet werden, bestimmte Informationen nicht verarbeiten zu wollen. „Die Vorstellung, dass ein brennender Instinkt der Neugierde uns in jeder Lebenssituation antreibt – dieser Topos des unstillbaren Wissensdursts – ist jedenfalls falsch“, so Hertwig. Das Verhältnis zwischen Wissen-Wollen und Nicht-Wissen-Wollen sei wesentlich komplexer. Und Letzteres hat für die Betroffenen eben auch manchmal Vorteile.

Wissen oder Nicht-Wissen – wer bevorzugt was?

Emotionen
 Antizipierte Reue bedeutet, das emotionale Best-Case-Szenario vom Worst-Case-Szenario abzuziehen. Bleiben gedanklich negative Emotionen, entscheiden sich die Betroffenen für das Nicht-Wissen. „Dies widerspricht allen Theorien“, sagt Gerd Gigerenzer. Normalerweise gehen Wissenschaftler davon aus, dass Menschen das Wissen dem Nicht-Wissen vorzögen.

Risiko
In seiner Untersuchung hat der Berliner Wissenschaftler Gerd Gigerenzer festgestellt, dass vor allem risikoscheue Menschen zum vorsätzlichen Ignorieren neigen. Auch Menschen, die Zusatzversicherungen – wie etwa eine Rechtsschutzversicherung – abschließen, neigen stärker zum vorsätzlichen Ignorieren. Denn eine Versicherung abzuschließen bedeutet, absehbare regelmäßige Kosten gegenüber unsicheren unabsehbaren Kosten vorzuziehen.

 

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