Watzmann auf der Luisenburg Tolle Vorstellung mit seltsamem Dreh

Mit „Der Watzmann ruft“ geht die Luisenburg in die Saison. Das Kultstück bekommt an der entscheidenden Stelle eine gehörige Änderung verpasst.

Wunsiedel - Endlich! Die Luisenburg-Festspiele sind wieder da. Eine Neuinszenierung von „Der Watzmann ruft“ hat am Freitag in Wunsiedel die Saison eingeläutet. Eigentlich sollte das Stück im vergangenen Jahr als Jubiläums-Produktion über die Bühne gehen. Dann machte Corona bekanntlich aller Kultur einen Strich durch die Rechnung. Doch auch im jetzt 131. Jahr der Festspiele ruft der „Watzmann“ auf den Alten Theaterplatz inmitten des Felsenlabyrinths – und die Fans kommen.

Obi, nit auffi

Wohin die Reise geht, ist klar: Den eindringlichen Rat seines Vaters („obi, nit auffi!“) missachtend zieht es den Bua den Schicksalsberg hinauf. Am Ende wird er fallen, „und mit voller Wucht haut’s den Bua in die Schlucht“. Dass der Bergbauernsohn nie den Gipfel des Watzmanns erklimmen wird, steht nun seit bald 50 Jahren fest. In den frühen 1970er-Jahren schrieben Manfred Tauchen, Wolfgang Ambros und Joesi Prokopetz ihr Alpen-Rustical „Der Watzmann ruft“. Es ist eine Parodie auf verkitschte Heimatfilme, eine Art Anti-Heimatkunst.

Die Handlung ist denkbar einfach: Der Bub will auf den Watzmann, der Vater möchte das verhindern. Ein teuflisches Wesen aber verführt den Sprössling, und das Schicksal nimmt seinen Lauf. So ließe sich der „Watzmann“ als Generationenkonflikt beschreiben, als Vater-Sohn-Drama oder als Darstellung einer patriarchalischen Welt („Mit dem Löffel vom Bauern isst nur der Bauer und nit der Bua“). Wer es ganz abgehoben mag, der sieht im Stück den Dualismus der Welt dargestellt: „obi“ und „auffi“, Tag und Nacht, Herr und Knecht. Tatsache ist, mit dem Sinn im „Watzmann“ verhält es sich in etwa so wie mit dem Glück des jungen Gipfelstürmers: Beide gibt es nicht. Das Stück war ein Scherz dreier junger Wiener Künstler. Drängt es sich da auf, eine Figurenentwicklung in den Fokus der Neuinszenierung zu rücken? Um es vorwegzunehmen: Peter Hohenecker und Robert Draxler (beide Regie) haben sicher mehr Ernsthaftigkeit in die dramatischen Szenen gelegt als vom Autoren-Trio vorgesehen, aber bestimmt kein Drama aus dem „Watzmann“ gemacht.

Nebel wabert zwischen Felsen

Groß und mächtig, schicksalsträchtig liegt der „Watzmann“ auf der linken Seite des Alten Theaterplatzes. Der bietet, einer kompakten Luisenburg-Felsenbühne gleich, den Akteuren – Peter Hohenecker (Vater, Knecht und ausgschamte Person), Christopher Schulzer (Bua, Knecht) sowie dem Ballett und dem Chor der Kreismusikschule Tirschenreuth – genug Raum zum Spielen und Blödeln. Auf einem Felsen thront die Band (Matthias Klimmer, Frank Schimann, Ulrich Jenne, Martin Thalhammer und musikalischer Leiter und Erzähler Christian Auer). Lange bevor es das erste Mal Hollaröhdulliöh von der Höh’ schallt, wabert dichter Kunstnebel von den Felsen. Vater und Sohn löffeln ihre Suppe, als der Bub den Donnerhall des Watzmanns vernimmt: Der Berg ruft, der Vater warnt: „Der Berg, der kennt koa Einseh’n nit!“ Der Sohn will nicht hören.

Ein bisschen gekürzt kommt die Luisenburg-Neuinszenierung daher, auf bekannte Hits wie „Hollaröhdulliöh“, „Oh St. Hubertus“ oder das „Lieder der Knechte“ verzichten Hohenecker und Draxler aber nicht. Überhaupt, die Knechte sind doch immer für einen Lacher gut, und sei es nur ob ihrer anregenden Gespräche: Jo? - Jo!

Gailtaler-Tim statt Gailtalerin

Insbesondere eine Abweichung vom Original „Watzmann“ kann man mögen, muss es aber nicht: Die Gailtalerin, die „ausgschamte“ kultisch-magische Person, die dem Bua letztlich dazu verführt, in die Wand zu steigen, wird hier zum Gailtaler-Tim, womit die Story einen homoerotischen Dreh bekommt. Unnötig einerseits, andererseits liefert Peter Hohenecker eine sehenswerte Vorstellung eines mephistophelischen Elvis Presley. Auch Christopher Schulzer spielt seinen zunächst wankelmütigen, später fest entschlossenen Bua mit großer Freude. Den Profis in nichts nach stehen die jungen Damen des Balletts (Leitung Sylvia Brauneis) und des Chores mit den beiden Solistinnen Adina Schöffel und Anna-Maria Beck. Was die Tirschenreuther Tänzerinnen, Sängerinnen und Sänger hier bringen, verdient höchsten Respekt. Kurzum: Der „Watzmann“ macht Spaß, einzig der Gailtaler-Tim hinterlässt ein zwiespältiges Gefühl.

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