Brot statt Böller Wunderkerzen statt Raketen

Der Verkauf von Raketen und anderen Feuerwerkskörpern ist in diesem Jahr verboten. Das kommt der Absicht von „Brot statt Böller“ entgegen, auf Silvesterkracher möglichst zu verzichten. Foto: picture alliance/dpa/Christoph Schmidt

Für Knaller und Co. gibt es zu diesem Jahreswechsel kaum Chancen. Das könnte der Aktion „Brot statt Böller“ zugutekommen. Ulrich Frey setzt sich seit 40 Jahren dafür ein.

Arzberg - Wenn Ulrich Frey ein missgünstiger Mensch wäre, könnte er sich in diesem Jahr zu Silvester diebisch freuen. Darüber nämlich, dass ihm seine Mitmenschen - wenn auch meistenteils unfreiwillig - einen Wunsch erfüllen: kaum Krachen und Knallen, kein Donnern und Ballern um Mitternacht sowie viele Stunden davor und danach. Denn die Regelungen, die das bayerische Kabinett für den Lockdown zwischen 16. Dezember und 10. Januar beschlossen hat, gelten auch rund um Silvester. Der Verkauf von Böllern und Feuerwerkskörpern ist verboten. Außerdem gilt von 21 Uhr an weiterhin die Ausgangssperre. Das spielt der Idee der Hilfsaktion „Brot statt Böller“, weitgehend auf Raketen, Knaller und Co. zu verzichten, in die Karten.

Doch Frey ist nicht der Typ für Schadenfreude und dafür, andere Menschen zu bevormunden. Jeder soll - frei nach Friedrich dem Großen - nach seiner Façon glücklich werden. Zum Nachdenken anregen, das will der frühere Gemeindereferent der katholischen Pfarrei Arzberg aber durchaus. Unter dem Motto „Brot statt Böller“ rufen das Hilfswerk „Brot für die Welt“ und andere Organisationen seit Anfang der 1980er-Jahre dazu auf, einen Teil der Geldsumme, die ansonsten für Feuerwerkskörper in der Silvesternacht ausgegeben wird, für die Entwicklungshilfe zu spenden. Und seit dieser Zeit ist auch Ulrich Frey dabei.

„Wir haben das damals im Missionskreis irgendwie aufgeschnappt und gedacht: Dann machen wir halt mit“, erinnert er sich. Jedes Jahr zur Jahreswende macht er auf die Aktion „Brot statt Böller“ aufmerksam und bittet um Spenden. „Wir hoffen, dass sich zu diesem Jahreswechsel mehr Menschen an der Aktion beteiligen. Weil der Verkauf von Feuerwerkskörpern nicht erlaubt ist, fällt es leichter, den dafür eingeplanten Betrag für Hilfe für Menschen in Not zu spenden“, sagt Frey. „Wir sind keine Spaßbremser, aber wir möchten auch zum Jahreswechsel die Menschen auf der Schattenseite des Lebens nicht vergessen und sind fest davon überzeugt, dass geteilte Freude doppelte Freude ist.“

Aufgrund seines Engagements erlebt es der Sprecher des Arzberger Missionskreises ständig, wie wichtig es ist, dass Hilfswerke wie „Brot für die Welt“, „Missio“ oder „Misereor“ Geld zur Verfügung haben, um Ungerechtigkeit, Hunger und Not auf der Welt zu bekämpfen. Die Spenden aus „Brot statt Böller“ gehen laut Frey allerdings nicht an solche übergeordneten Hilfsorganisationen, sondern an ein Projekt, das der Arzberger Missionskreis seit vielen Jahren unterstützt: das Ziegen- und Schulküchenprojekt Solio in Kenia. Rund 200 Euro pro Jahr seien dafür im Durchschnitt an Spenden aus der Aktion „Brot statt Böller“ eingegangen.

„Alleine kann man nichts bewegen, aber wenn sich ein paar Leute zusammentun, dann geht was.“ Von dieser Erkenntnis fühlt sich Frey getragen, wenn er immer wieder zum Nachdenken und Spenden anregt. Das gelte zum Beispiel auch für den Kauf von fair gehandelten Waren. „Wir Verbraucher haben die Kraft, etwas zu verändern“, ist sich der frühere Gemeindereferent sicher.

Seiner Ansicht nach ist die Silvester-Böllerei „gefühlt“ von Jahr zu Jahr immer mehr ausgeufert. Am Anfang, also vor 40 Jahren, sei er noch der knallharten Meinung gewesen, dass dafür kein Cent - damals noch Pfennig - ausgegeben werden sollte. „Aber wenn jemand meint, er braucht das, dann will ich ihm das nicht streitig machen“, sagt er inzwischen. Seine frühere Einstellung des „Entweder-Oder“ gehe an der Lebensrealität vorbei. Wichtig sei es, für sich die Balance zu finden zwischen Geldausgeben für Silvesterkracher und dem Bewusstsein, dass es vielen Menschen auf der Welt nicht gut geht.

Dabei hat Frey aber nicht nur Projekte in Afrika im Blick, sondern auch Hilfsbedürftige im nahen Umfeld. Letztlich sei es auch egal, ob jemand Geld spendet oder sich vielleicht um einen Mitmenschen in der Nachbarschaft kümmert, der Hilfe braucht. „Es gibt auch bei uns viele Leute, die nicht im Geld schwimmen und jeden Cent umdrehen müssen“, gibt der Missionskreis-Sprecher zu bedenken. Gerade jetzt in der Corona-Pandemie seien Menschen in ihrer Existenz bedroht, müssten auf vieles verzichten, weil sie keinen gesicherten Arbeitsplatz haben oder in Kurzarbeit sind. Ins Grübeln kommt Ulrich Frey allerdings, wenn er feststellt, dass manchmal gerade Familien, die nicht viel Geld haben, Unsummen für Feuerwerkskörper ausgeben.

Diese Gefahr besteht bei diesem Jahreswechsel vermutlich nicht. Denn auch wenn das Böllern selbst nicht überall explizit verboten ist, dürfte es schwer werden, an Feuerwerkskörper zu gelangen. Wer noch Böller-Restbestände aus den Vorjahren hat, darf diese nur vom eigenen Grundstück abfeuern. Allerdings nur dann, wenn sich dieses nicht innerhalb des Bereichs befindet, an dem das Böllern verboten ist. Wer’s trotzdem krachen lassen will, der kann sich bescheiden und die Sache dieses Mal etwas kleiner angehen. Denn Feuerwerkskörper der Kategorie F1 wie Knallerbsen oder Wunderkerzen darf jeder ab zwölf Jahren kaufen und abbrennen – auch in diesem Jahr.

Wer für die Aktion „Brot statt Böller“ spenden möchte, kann unter dem Vermerk „Silvester“ Geld auf das Konto des Missionskreises Arzberg bei der VR-Bank Fichtelgebirge-Frankenwald überweisen: IBAN DE02 7816 0069 0205 4221 24, BIC GENODEF1MAK. Auf Wunsch stellt das katholische Pfarramt eine Spendenbescheinigung aus.

 
 

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