Cannabisgesetz Suchthilfe in Bayern erwartet Zulauf bei Beratungsstellen

Ein Mann zündet sich einen Joint an - Symbolfoto. Foto: Hannes P Albert/dpa

Auch als Anbau und Besitz von Cannabis noch illegal waren, konnten suchtkranke Menschen Hilfe suchen. In der Suchtberatung glaubt man: Viele taten das aus Angst nicht. Nun könnte sich das ändern.

 
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München (dpa/lby) - Die Freie Wohlfahrtspflege in Bayern erwartet durch das neue Cannabisgesetz positive Effekte auf die Suchthilfe. Man gehe davon aus, dass im Zuge der Teil-Legalisierung mehr suchtkranke Menschen die Beratungsstellen aufsuchen würden, erklärte Davor Stubican, der Sprecher der Koordinierungsstelle der bayerischen Suchthilfe (KBS) der dpa. "Kriminalisierung und Stigmatisierung des Konsums führen meist auch dazu, dass Betroffene die bestehenden Hilfsangebote nicht in Anspruch nehmen." Dass Entkriminalisierung die Beratungsquoten steigere, sei durch Studien aus anderen Ländern wie Portugal gut belegt, sagte Stubican. 

Suchtkranke Menschen, die sich in der Vergangenheit kriminalisiert sahen, konnten zwar schon immer Hilfe suchen. Allerdings: Wer sich ständig in Hab-acht-Stellung durch den Alltag bewege und den Konsum verheimlichen müsse, sei in der Regel weniger aufgeschlossen für Beratung. "Die Tatsache, dass man viel offener mit dem Konsum und damit auch etwaigen Problemen umgehen kann, steigert die Erwartung und Hoffnung, dass man gefährdete Menschen viel früher erreichen kann", sagte Stubican.

In der KBS sind die in der Suchthilfe tätigen Verbände der freien Wohlfahrtspflege in Bayern vertreten, darunter die Caritas, das Diakonische Werk oder der Paritätische Wohlfahrtsverband. Sie betreiben gemeinsam 110 Beratungsstellen im Freistaat. Das Münchner Institut für Therapieforschung (IFT) hat die Zahlen von 80 Prozent aller Stellen ausgewertet. Demzufolge haben sich im Jahr 2021 in Bayern etwa 42 000 suchtkranke Menschen an die Beratungsstellen gewandt. 

Jeder Fünfte kam wegen einer "cannabinoidbezogenen Störung". In absoluten Zahlen waren das etwa 7500 Menschen. Fünf von sechs davon waren Männer. Die größte Altersgruppe bildeten die 20- bis 35-Jährigen mit fast 60 Prozent. 30 Prozent sind unter 20 Jahre alt und jede achte betreute Person sogar noch minderjährig.

Hier setzt etwa ein Schulpräventionsprojekt der bayerischen Staatsregierung an. "Aber es müssen noch viele weitere Schritte folgen", sagte Stubican. Minderjährige dürfen auch nach dem neuen Gesetz weder konsumieren noch erwerben. "Man weiß aber, dass sie das tun." Hier gebe es immer noch großes Potenzial für einen Schwarzmarkt. 

Um vor allem die Jugendlichen besser zu erreichen, dürfe Prävention nicht allein in der Schule stattfinden. Auch müsse unbedingt die Finanzierung von Jugendsuchtberatungsstellen geklärt werden, sagte Stubican. Diese müssten nämlich von Kommunen finanziert werden, während bei den Erwachsenen die Bezirke zuständig seien.

Die positiven Effekte entstünden nicht von heute auf morgen, gab Stubican zu bedenken: "Nur weil der Konsum teil-legalisiert wurde, haben wir in keiner Weise eine Entstigmatisierung." Er verwies etwa auf Ankündigung aus den Reihen der bayerischen Regierung, den Kampf gegen Cannabis mit ordnungsrechtlichen Maßnahmen so weit wie möglich auszureizen. "Im Moment sind viele noch unsicher, wie sie mit der neuen Situation umgehen sollen." Es mangele an Information und Wissen, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Thema überhaupt aussehe. Bis man über aktuelle Zahlen für 2024 verfüge, die dann womöglich einen Trend hin zu mehr Beratung abbildeten, werde es noch einige Monate dauern.

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