Corona als Antreiber Zügige Digitalisierung, aber Lehrermangel

Die Marktredwitzer Grundschule ist die größte in Oberfranken. Foto: Peggy Biczysko (14)

Die Grundschule und die Alexander-von-Humboldt-Mittelschule in Marktredwitz sind die größten ihrer Art in Oberfranken. In der Pandemie haben sie Enormes geleistet.

Stark beeindruckt lauschen die Mitglieder des Hauptausschusses den Worten zweier Schulleiter. „Es ist ein Wahnsinn, wie die Schulen – vor allem die Grundschule – diesen Digitalisierungsschritt vollzogen haben“, staunt Oberbürgermeister Oliver Weigel. „Zu meiner Zeit hat es noch den Setzkasten gegeben, mit dem wir einzelne Wörter bilden mussten. Da hat sich die Welt schon gewaltig gedreht!“ Einen Vergleich mit anderen Schulen müssten die Marktredwitzer nicht scheuen.

Wie sie mit der Corona-Pandemie leben und welch enorme Hürden im Lockdown zu nehmen waren – all dies lassen Andreas Wuttke von der Alexander-von-Humboldt-Mittelschule und Johannes Drechsler von der Grundschule in der Sitzung Revue passieren.

Die Grundschule: „Wir sind froh, dass sich der Schulbetrieb normalisiert hat. Hoffentlich bleibt es so!“, meint Rektor Drechsler. 473 Schüler (nächstes Schuljahr: 476) besuchen derzeit 21 Klassen, darunter vier Ganztagsklassen. „In unserer Willkommensgruppe sind 18 Kinder aus der Ukraine.“ Die 54 Lehrer werden von 13 pädagogischen und technischen Mitarbeitern unterstützt. Zuständig ist Johannes Drechsler auch für die Grundschule im Ortsteil Brand, wo es 44 (ab Herbst: 47) Schüler in zwei Kombi-Klassen gibt. Sechs Lehrer und drei Mitarbeiter kümmern sich um die Kinder.

Bestimmen zu Beginn des ablaufenden Schuljahres noch Maskenpflicht, Pool- und Selbsttests, Abstand halten und Quarantäne den Alltag, ist trotz steigender Infektionszahlen wieder Normalität eingekehrt, wie der Chef der Schule sagt. „Gerade für die Kleinen ist es beim Schrift-Sprache-Lernen wichtig, dass man den Mund sehen kann!“

Dass manches in dieser Pandemie auch sein Gutes haben kann, sagt Drechsler mit Blick auf die Einführung eines Schulmanagers. Und eine App zur Kommunikation zwischen Schule und Elternhaus spare enorm viel Papier und auch Zeit. „Und es geht viel schneller.“ Fast alle Räume seien mit Luftreinigungsgeräten ausgestattet worden. „Es war eine große Investition, aber es gibt uns eine gewisse Sicherheit.“

Derzeit versuche die Grundschule, die Lücken, die in der Corona-Zeit entstanden sind, zu schließen. Wichtig seien neben einem normalen Schulleben der Schwimmunterricht, der auf der Strecke geblieben ist, und die Förderung sozialen Lernens. „Wieder zurück zum Wir und weg vom Ich“, betont Rektor Drechsler. Unter anderem sei ein Klassenrat in allen Jahrgangsstufen eingeführt worden. Einmal wöchentlich könnten die Kinder ihre demokratische Stimme erheben und Beschlüsse an die Schulleitung herantragen. Projekte wie „Faustlos“ oder das Thema „Glück“ würden angesichts der vielen Horrormeldungen in den Medien in den Fokus genommen.

Der Chef der Schule stellt eine lange Liste vor, die neben dem Unterricht auch Spaß in der Freizeit vorsieht – vom Bauernhofbesuch bis hin zum Eislaufen.

Wenngleich die Digitalisierung in der einzigen namenlosen Schule der Stadt für Schüler und Lehrer gleichermaßen enorm vorangeschritten ist, bleibe die gute alte Tafel in den Klassenzimmern erhalten. Das gleiche gilt für die Brandner Schule, „wo die Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe außerordentlich gut klappt“. Drechsler und sein Kollegium setzten auf ein modulares System bei der Digitalisierung, damit einzelne Komponenten ausgetauscht werden könnten und nicht das gesamte System. „Somit können wir stets auf dem neuesten Stand sein.“ Und weil man das gleiche Serversystem habe, erziele man zusammen mit der Alexander-von-Humboldt-Mittelschule gute Synergieeffekte. Was jetzt noch aussteht, ist laut Schulleiter der Glasfaseranschluss. „Doch damit warten wir bis zur Sanierung unserer Schule.“ Wann die allerdings beginnt, ist angesichts der Verzögerungen wegen Corona noch unklar.

Neben Um- und Anbau und der Brandschutzsanierung hat die Grundschule – „auch schon vor Corona“ – mit Lehrermangel zu kämpfen. „Wir haben kaum Betreuungsreserven.“ Eine Herausforderung sei auch die Integration der ukrainischen Kinder in die Klassen ab kommendem Herbst.

Die Mittelschule: Das mit dem Lehrermangel kann Andreas Wuttke für die Mittelschule nur unterstreichen. „160 Wochenstunden waren dieses Schuljahr zu vertreten – wegen Schwangerschaft und Corona. Aber es gibt keine Lehrer mehr.“ Wuttke hofft, „dass sich einige Abiturienten für Grund- und Mittelschule entscheiden“. Doch viel Hoffnung habe er nicht. Denn der Knackpunkt ist die Bezahlung. Lehrer an Realschulen und Gymnasien würden wesentlich besser bezahlt. Hier fordert Wuttke – „das habe ich auch Ministerpräsident Markus Söder bei seinem Besuch in unserer Schule gesagt“ – eine Gleichstellung. Generell sei der Besuch Söders eine Auszeichnung und Wertschätzung der Alexander-von-Humboldt-Mittelschule gewesen.

434 Schüler besuchen laut Wuttke 24 Klassen. Der Ausländeranteil liegt derzeit bei 72 Prozent – Tendenz steigend. 17 ukrainische Kinder und Jugendliche kämen hinzu. 55 Lehrer sind an der Mittelschule tätig. Förderlehrer, Beratungslehrerin und Pädagoginnen komplettieren das Team. Eine ukrainische Lehrerin sei eine „riesen Unterstützung für die Kinder“.

100 Absolventen verlassen in Kürze die Schule, kündigt der Chef an. Die Abschlüsse reichten vom Mittelschulabschluss über den Quali an der Mittelschule bis hin zur Mittleren Reife. Für Kinder mit Migrationshintergrund gebe es an der Mittelschule zwei Deutschklassen. „Fast die Hälfte der Schüler ist im Ganztagsbetrieb untergebracht“, betont Andreas Wuttke, wodurch eine größtmögliche Förderung möglich sei an der größten Mittelschule Oberfrankens. „Da schultert die Stadt schon einiges“, dankt er mit Blick auch auf die größte Grundschule Oberfrankens. Denn für beide Schulen ist die Stadt der Schulträger.

„Unser Prunkstück ist die neue Lehrküche für 150 000 Euro“, freut sich Wuttke. Der Medien-Hotspot werde gut angenommen, und die Luftreinigungsgeräte hätten gut durch die Krise geholfen. „In drei Computerräumen stehen 60 neue Rechner. Unser Ziel ist es, in den nächsten drei Jahren alle Klassenzimmer mit E-Boards auszustatten.“ Das perfekte Wlan sorge dafür, „dass unsere 250 Tablets problemlos gleichzeitig laufen können“.

Um die Schüler individuell fördern zu können, halte die Schule daran fest, dass alle einen festen Klassenleiter haben. Gold wert sei die schulpsychologische Beratung nebst Jugendsozialarbeit. Förderschwerpunkte liegen laut Wuttke auf Mathe und Lesen.

„Wir pflegen eine enge Zusammenarbeit mit Firmen in der Region“, verweist der Schulleiter auf die Praktika, die Usus für die Schüler seien. Der frühzeitige Kontakt führe zuweilen zu Vorverträgen, auch wenn die jungen Leute noch ein Schuljahr vor sich haben. Hilfreich für beide Seiten sei der Job-Spot, die Ausbildungsmesse mit 30 bis 40 Firmen in der Schule.

Dickes Lob bekommen die beiden Schulleiter nach ihren Berichten von Oberbürgermeister Weigel und einigen Stadträten. Die Politiker unterstützen die Schulen in ihrer Forderung nach einer gleichen Bezahlung für alle Lehrer an allen Schulen.

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