Coup gegen Titelfavoriten Selber Wölfe zünden den Silvesterkracher

Was für eine Sensation! Bärenstarke Fichtelgebirgler nehmen den enteilten DEL-2-Spitzenreiter aus Kassel beim 4:2 vor den Augen einer bebenden Netzsch-Arena zum Teil auseinander. Ryan Foster stimmt die Lobeshymne auf die Fans an.

Riesenüberraschung in der DEL2: Die zuletzt strauchelnden Selber Wölfe haben gegen den unangefochtenen Tabellenführer aus Kassel am Vor-Silvesterabend ein regelrechtes Feuerwerk abgefeuert – und völlig verdient mit 4:2 gewonnen. Schon fünf Minuten vor Ablauf der Spielzeit erhoben sich restlos begeisterte Wölfe-Fans in der mit 2805 Zuschauern gut besuchten Netzsch-Arena von ihren Sitzen, um die Fichtelgebirgler für ihre bärenstarke Leistung zu feiern. Auch Ryan Foster richtet auf der anschließenden Pressekonferenz ein „großes Lob“ an seine Mannschaft, die „einen extrem wichtigen Sieg“ eingefahren habe. Durch den Erfolg springen die Wölfe auf Tabellenplatz elf. Der Coup gegen die Hessen war nicht nur ein äußerst gelungener Abschluss des Kalenderjahres, sondern auch einer für die beiden aus dem Amt scheidenden Geschäftsführer Jürgen Golly und Thomas Manzei. Ab dem 02. Januar 2024 werden sie ihrem Nachfolger Sven Gerike als Berater zur Seite stehen. 

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Vor dem Spiel gedachte der heimische Anhang Jaroslav Hauer, der fast auf den Tag genau vor 25 Jahren wegen eines plötzlichen Herzstillstands bei einem Spiel der Wölfe in Straubing ums Leben kam. Die Fans hielten eine mit Lichterkette umrahmte „30“, die Trikotnummer Hauers, und ein Plakat mit dem Schriftzug „J.H. – Für immer unvergessen“ in die Höhe. 
Auf dem Eis stellte sich schnell heraus, warum der EC Kassel Huskies auch in dieser Saison der Hauptrunden-Konkurrenz punktemäßig enteilt ist: Mit brutalem Angriffspressing schnürten die Hessen die Wölfe phasenweise hinten ein. Den ersten Warnschuss nahm Selbs Torwart Michael Bitzer, der erwartungsgemäß wieder für Michel Weidekamp in den Kasten gerückt war, gegen ECler Marco Müller weg (2.). Die erste Gelegenheit der Wölfe kam zwar aus dem nichts, hatte es aber in sich. Chad Bassen wurde im Slot partout nicht angegangen, konnte die Scheibe aber nicht im Tor unterbringen. Was Kassel – im Stile eines Spitzenreiters – sofort bestrafte. Ryan Olsen entwich im direkten Konter Routinier Frank Hördler, legte sich den Puck vor Bitzer noch einmal zurecht und verwandelt souverän in den Winkel (5.). Huskies-Goalie Brandon Maxwell zeigte im Anschluss gegen zwei Selber Abschlüsse seine Klasse (7.), ehe Kassels Goldhelm Yannik Valenti Bitzer aus spitzem Winkel erfolglos prüfte (8.). Es folgte eine längere Sequenz, in der der Spitzenreiter Selb deutlich nicht Grenzen aufzeigte. Kassel kontrollierte die Schläger und die Scheibe, die  bei Passversuchen der Wölfe auch viel zu schnell weg war. 

Hördler verhindert Schlimmeres

Als Moritz Raab in einem Kasseler Konter überlaufen wurde, musste Bitzer gegen Carson McMillan erneut retten (11.). Für dessen Teamkollegen war eine Minute später erneut Endstation bei Selb US-Goalie. Und die Fichtelgebirgler? Ihnen konnte man definitiv nicht den Willen im ersten Drittel absprechen, wenngleich die letzte Genauigkeit und Konsequenz fehlte. Paradebeispiel dafür: Der Hochkaräter, den Mark McNeill nach einem Traumpass allein gegen Maxwell vergab. Die Netzsch-Arena hatte da schon den Torschrei auf den Lippen (14.). Selb wurde nun zielstrebiger, doch Fedor Kolupaylo und Rasmus Heljanko, der später in zweiten Drittelpause-Interview von den Fans der Wölfe schwärmen sollte, scheiterten an Maxwell. Der anschließende Querpass von Kolupaylo auf McNeill kam zu spät (17.). Bei Altmeister Hördler konnten sich die Selber dann bei ablaufender Dritteluhr bedanken, dass es nicht mit 0:2 in die Pause ging. Der Silbermedaillengewinner von Pyeongchang beendete eine Drei-auf-Eins-Situation der Gäste herausragend (19.). 

Was auch immer Wölfe-Coach Foster seinen Schützlingen in der Unterbrechung mit auf den Weg gegeben hatte, es zeigte die gewünschte Wirkung. Die folgenden 20 Minuten standen ganz im Zeichen der Hausherren, bei denen vor allem die Kontingentspieler Peter Trska und McNeill sowie Jordan Knackstedt ordentlich aufdrehten. In einem ersten Überzahlspiel behielt Maxwell im Tor der Huskies trotz der undurchsichtigen Aktion aber zunächst noch die Übersicht, auch Steve Hanusch und Knackstedt waren direkt darauf nicht erfolgreich (22.). Schadlos hielten sich aber auch die Selber, als der Spitzenreiter darauffolgend selbst ein Powerplay hatte. 
Dann zündeten die Wölfe ein regelrechtes Feuerwerk an Großchancen ab. Die Kracher von Miglio (27.), Heljanko (28.) und Bassen (30.) vereitelte Maxwell allerdings. Dann feuerte Peter Trska im Minutentakt auf das Kasseler Tor (29.,30., 32.), doch das 1:1 schien nicht fallen zu wollen. Das hätte Kassels 1:0-Torschütze Olsen beinahe ein zweites Mal bestraft, doch Bitzer blieb in der Neuauflage des Duells der Sieger (33.). Hätte der EC in dieser Situation erhöht, der Weg für Selb zurück in die Partie wäre meilenweit gewesen. Verdient war aber zu diesem Zeitpunkt mitnichten ein mögliches 0:2, sondern der 1:1-Ausgleichstreffer. Und der fiel – endlich dachte sich ein Gros der bangenden Anhängerschaft in der Netzsch-Arena – als Kolupaylo ein weiteres Geschoss in Richtung Maxwell abfeuerte und McNeill eiskalt den Abpraller verwertete (33.). Gerade als die Wölfe-Fans ob des 1:1 eskalierten, legten ihre Stars auf dem Eis schon wieder nach. Heljanko, zuletzt gegen Crimmitschau und Kaufbeuren auf der Tribüne, entschied sich nach einem gescheiterten Schussversuch für den cleveren Kurzpass auf Donat Peter, der aus Nahdistanz keinerlei Probleme hatte, den Puck in die von Maxwell entblößte Torseite zu schicken (34.) . Die Emotionen am Selber Vorwerk kochten über, die vor dem Spiel nur von den kühnsten Supportern möglich gehalten Sensation gegen den DEL2-Tabellenführer zum Greifen nah. Frenetische „Selber Wölfe, Olee“-Sprechchöre hallten nun durch die Eissporthalle. 

Fosters Lobhymne auf die Fans

Knackstedt und Miglio (beide 36.) hätten für im zweiten Drittel völlig überlegene Fichtelgebirgler, die in diesem Durchgang 20 (!) Schüsse gegen desillusionierte Hessen abgegeben haben, noch nachlegen können.

Dann kam Kassel mit der erwarteten Schlussoffensive im letzten Drittel, Selb kam wieder kaum aus dem eigenen Verteidigungsdrittel. Gerade als sich der Ausgleichstreffer ankündigte, belohnte Kolupaylo eine großartige Einzelleistung mit einem Rückhand-Schuss zum 3:1 (44.). Auf der anderen Seite verriegelte Bitzer weiter seinen Kasten gegen Müller (46.) und Valentini (49.). Die ohnehin schon beseelte Netzsch-Arena trauten dann ihren Augen kaum: Nick Miglio erhöhte mit einem abgefälschten Versuch sogar auf 4:1 (50.). Vor Bitzers Tor arbeiteten die Selber Verteidiger danach weiter alles konsequent weg, das 4:2 markierten die Kasseler jedoch dennoch – trotz gellendem Pfeifkonzerts der Wölfe-Fans. Connor Korte bezwang den Selber Goalie im kurzen Eck (53.). Mit ein wenig Spielglück, die ein oder andere Scheibe sprang bedrohlich nahe an eigenem Tor vorbei, verteidigten die Wölfe schlussendlich ihren Überraschungssieg, der trotz dessen insgesamt hochverdient war. Die Netzsch-Arena feierte diesen schon Sekunden vor Schluss mit „Oh, wie ist das schön“-Chören. Und Foster, der auch das zweite Heimspiel seiner Amtszeit in Selb gewann, blieb hinterher nur die Lobeshymne auf die Fans. "Die singen das ganze Spiel. Das ist Wahnsinn, ich habe so etwas noch nicht erlebt." 

Selber Wölfe: Bitzer (Weidekamp) – Hanusch, Hördler; Kolupaylo, Kruminsch, McNeill – Trska, Plauschin; Miglio, Bassen, Knackstedt – Marusch, Raab; Schwamberger, Peter, Heljanko – Krymskiy, Naumann, Gelke.

Schiedsrichter: Steingross, Ratz. – Zuschauer: 2805. – Strafminuten: Selb 6, Kassel 4. – Tore: 0:1 (5.) Olsen, 1:1 (33.) McNeill (Kolupaylo, Kruminsch), 2:1 (33.) Peter (Heljanko, Schwamberger), 3:1 (44.) Kolupaylo, 4:1 (50.) Miglio (Schwamberger), 4:2 (53.) Korte (Ahlroth, 5-4).