Das Ukraine-Tagebuch „Der Luftalarm ist die Zugabe zur Tanzveranstaltung“

Timo Schmidt

Thomas Simmler hört im Westen der Ukraine den Luftalarm so häufig wie noch nie zuvor. Währenddessen machen den Mainleuser vor allem die Nachrichten aus Deutschland wütend.

Thomas Simmler Foto: Alexander Wunner

Hier herrscht grade eine Hitzewelle, ähnlich wie in Deutschland. 34, 35 Grad, schwül wie im Urwald. Man hat gar keine Lust mehr, auf die Straße zu gehen. Am Abend kommen dann die Gewitter, da wird die Luft ein wenig besser. Ansonsten ist touristischer Alltag. Auch, wenn es so häufig Luftalarm gibt wie noch nie, seit ich hier bin. Allein gestern viermal. Aber das interessiert gar keinen mehr, die Menschen sind vollkommen immun. In der Altstadt gibt es jeden Abend Spektakel, Live-Musik und Tanz. Und der Luftalarm ist die Zugabe zur Tanzveranstaltung. Da ist ein deutscher Kurort wie Bad Kissingen harmlos dagegen. Das Publikum hier ist auch anders. In Deutschland wären es Omas und Opas, hier sind es junge Menschen, Frauen, Familien.

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Wenn ich dann mal die deutschen Nachrichten anmache, bin ich erschüttert. Kein Wort darüber, dass die Russen mit Raketen in der Westukraine, mitten in Europa, wild um sich schießen, über tote Zivilisten. Lieber zeigt man irgendetwas über die Situation in Afghanistan oder die Panne vom Bundesflieger von der Frau Baerbock. Das ist nicht zu fassen. Mit so etwas beschäftige ich mich hier mittlerweile. Ich bin ein anderer Mensch geworden. Ich war ein halbes Jahr mitten in einer Kriegssituation, habe alles erlebt, was man im Krieg erleben kann. Ich habe ein halbes Jahr gebraucht, um das Erlebte in Marhanez zu verkraften, auch körperlich. Ich war mein ganzes Leben lang Pazifist, aber das verändert einen. Ich werde viel schneller aggressiv. Es ist ein Instinkt zur Selbstverteidigung geworden.

Aggressiv werde ich zum Beispiel sofort, wenn ich die Diskussion in Deutschland mitbekomme, ob man der Ukraine Taurus-Raketen liefern soll: Ich will ja nicht Moskau bombardieren, sondern die Südukraine befreien. Ich habe diese Lügen von der deutschen Politik so satt. Wer ist denn schuld, dass die Großoffensive der Ukrainer nicht vorankommt? Ukrainer müssen sich jetzt durch Minenfelder kämpfen, die zu legen die Russen ein halbes Jahr lang Zeit hatten, weil Scholz keine Panzer geliefert hat. Ständig sagen: „Die Ukraine darf den Krieg nicht verlieren“, aber null Handlung. Das werde ich der deutschen Politik nie verzeihen.

Hans-Thomas Simmler aus Mainleus hält sich seit mehr als einem Jahr in der Ukraine auf. Nach Angriffen der Russen in der Nähe des Atomkraftwerks Saporischschja ist er nun im Kurort Truskawez im Westen des Landes untergekommen.