Deutsch-deutsche Filmtage Brückenschlag zwischen Ost und West

Uwe Faerber

Beifall im Kino ist selten – im „Casino“ wurde geklatscht: für den Kurzfilm „Hüben und Drüben – Wie Jugendliche den Mauerfall erlebt haben“. Die Produktion zweier Schiller-Gymnasiasten hat bundesweit einen dritten Preis errungen; nun war der Film in Hof zu sehen.

„Der Film stellt intelligente Fragen, gibt kluge Antworten und ist gut geschnitten“, sagt Jürgen Stader (links) von der Stadtverwaltung Hof. Florian Czekalla (Zweiter von links) und Jakob Schwanck vom Schiller-Gymnasium wurden für ihren Kurzfilm ausgezeichnet. Lehrerin Sophie Lilienthal hatte sie auf die Idee gebracht. Jetzt war der Film Teil der Deutsch-Deutschen Filmtage im Hofer „Casino“. Foto: ufa

Jakob Schwanck und Florian Czekalla, beide 17 Jahre alt, beide besuchen das Schiller-Gymnasium, haben diesen Film gemeinsam gemacht: „Hüben und drüben – wie Jugendliche den Mauerfall erlebt haben“. Die Zutaten ihres Films sind Interviews mit Zeitzeugen und kluge Fragen, historische Aufnahmen und vor allem: Interesse für das Thema. Daraus sind 33 Minuten Regionalgeschichte entstanden mit dem Blick von West nach Ost – und umgekehrt. Der Film war nun im Rahmen der Deutsch-Deutschen-Filmtage in Hof im Kino zu sehen.

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Er zeigt Bilder von der Zonengrenze bei Hof und wie Bagger die Mauer abreißen; zu sehen sind triste Häuserfassaden in Plauen und Menschenmassen in Hof – und dennoch wird kein Schwarz-Weiß-Bild gezeichnet. Das liegt an Schwanck und Czekalla: Sie haben je zwei Frauen aus Bayern und Sachsen befragt – vier Mütter von Klassenkameraden: Jede hat den 9. November 1989 als Jugendliche erlebt.

Die Frau aus Oberkotzau wusste von „Stasi und Spitzelstaat“, kannte die DDR jedoch nur aus Zeitung und Fernsehen. Sie arbeitete als Verkäuferin: „Mir wurden die Seidenblusen aus den Händen gerissen“, berichtet die Frau, die damals in einem Kaufhaus in Hof jobbte. Mit Freundinnen besuchte sie im Januar 1990 Plauen: Die Mädchen sahen das traurige Warenangebot – „Alles war irgendwie grau“ – und staunten über das günstige Essen im Lokal.

Die zweite Interviewpartnerin stammt aus Schlema im Erzgebirge und hat nach eigenen Worten eine schöne Kindheit verbracht – trotz Reiseeinschränkungen und Mangelwirtschaft. Man habe sich mit wenig zufriedengegeben und sei dann recht schnell in den Westen gefahren, um mit dem Begrüßungsgeld einzukaufen. Man wusste, was man wollte, da man durch das Westfernsehen bestens informiert gewesen sei. Nach dem Abitur erfüllte sich die Frau den Wunsch nach Freiheit und wurde Au Pair in Amerika.

Für die dritte Frau, aus Feilitzsch, war die DDR weit entfernt – trotz naher Grenze und einem Vater, der als Zöllner arbeitete. Sie erinnert sich an die gigantischen Staus nach dem Mauerfall und an das mickrige Angebot in einer DDR-Bäckerei. Genauso schlimm sei es im Kaufhaus gewesen. Die vierte Frau aus dem sächsischen Freiberg spricht von einer behüteten Kindheit in der DDR: Eltern und Großeltern sei es gut gegangen. Von Repressalien habe sie nichts mitbekommen. Jeder habe Arbeit und eine Aufgabe gehabt – egal, wie sinnvoll sie gewesen sei. Nach dem 9. November sei man über die Grenze gefahren – und vom Warenangebot beeindruckt gewesen. Sie hat Betriebswirtschaft studiert und Arbeit in Bayern gefunden; sie ist die Mutter von Jakob. Im Filmkommentar heißt es: Im Westen habe man nicht glauben können, wie in der DDR gelebt wurde. Und in der DDR habe nicht unbedingt jeder falsch gefunden, was in dem Land passiert. „Aber alle sind froh, dass es die Einheit gibt.“

Und dann gab es Beifall für den Film – von mehr als 100 Elftklässlern des Schiller-Gymnasiums und etlichen anderen Filmzuschauern. „Heute Hof, morgen Hollywood?“, fragte Jürgen Stader von der Stadtverwaltung Hof augenzwinkernd, der beigetragen hat zum Film: Zum einen hat er den Jungs im Expresstempo geholfen, historisches Filmmaterial aus dem Rathaus zu besorgen. Zum anderen ist er einer der Organisatoren der „Deutsch-Deutschen Filmtage“, die Hof und Plauen gemeinsam veranstalten und die in diesem Jahr zum zwölften Mal über die Leinwände der Partnerstädte gehen.

Die Englischlehrerin Sophie Lilienthal stammt aus Sachsen-Anhalt und hatte die Schüler im Herbst 2021 angeregt, sich zu beteiligen am deutschlandweiten Jugendwettbewerb „Umbruchszeiten. Deutschland im Wandel seit der Einheit“, wo der Film ausgezeichnet wurde. Die ganze Klasse fuhr zur Auszeichnung nach Berlin.