Zukunft des Fichtelgebirges Düstere Prognosen, aber viele Ideen

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Das Fichtelgebirge erfindet sich seit einiger Zeit komplett neu. Gut möglich, dass die Region von den gesellschaftlichen Entwicklungen profitiert und die Wissenschaft Lügen straft.

Wunsiedel - Der fette Bauch, der schon an den Seiten hinauswächst, verschwindet. Dafür formen sich bis in einigen Jahren die Schultern mehr als stattlich. Eigentlich die ideale V-Form, wenn es sich denn tatsächlich um einen Athleten handeln würde. Doch die Silhouette spiegelt die demografische Entwicklung des Landkreises Wunsiedels wider. Und die ist alles andere als ansehnlich. Die Ausbuchtungen zeigen die Altersstruktur in der Region. Derzeit sind die meisten Menschen im Landkreis zwischen 50 und 65 Jahre alt – also die Generation der Babyboomer, die sich langsam, aber sicher auf den Ruhestand zubewegt. Die Bevölkerungsvorausberechnung für den Landkreis Wunsiedel für das Jahr 2037 zeigt nur zu deutlich, dass bis dahin die 70- bis 80-Jährigen die größte Gruppe stellen werden.

Mit diesen Zahlen konfrontierte Professorin Gabi Troeger-Weiß bei einer Veranstaltung des Fördervereins Fichtelgebirge im Evangelischen Bildungszentrum Bad Alexandersbad eine ganze Riege von Politikern und an der Region interessierten Bürgern. Die Professorin lehrt zwar an der Technischen Universität Kaiserslautern, hat aber einen engen Bezug zum Fichtelgebirge. Geboren in Hof, aufgewachsen in Bayreuth und lange Jahre Geschäftsführerin der Euregio Egrensis, stellte sie sich als echtes Kind der Region vor.

Klar wissen viele Bürger, dass der Landkreis nicht vergleichbar mit den Boomregionen im Speckgürtel um München ist, in dem die Städte und Gemeinden wachsen und wachsen. Doch angesichts der Statistiken, die die Regionalentwicklungs- und Raumordnungsexperin präsentierte, musste manch einer schlucken. So sollen im Landkreis Wunsiedel laut der Bevölkerungsvorausberechnung 2037 14,3 Prozent weniger Menschen leben als 2017. Das sind etwa 10 439 Menschen . In einem derartigen Ausmaß schrumpft laut der Prognosen kein anderer Landkreis.

Weniger Menschen bedeuten weniger öffentliche Einrichtungen

Weniger Menschen bedeuten weniger Bedarf an öffentlichen Einrichtungen. Daher mahnt Gabi Troeger-Weiß, aufzupassen: auf die Kliniken, auf die Schulen, auf die Hochschulen und Forschungseinrichtungen und vor allem auf die jungen Leute. Vor allem Letztere seien die Zukunft und dürften nicht abwandern, sondern müssten mit attraktiven Arbeitsplätzen und belebten Innenstädten gehalten werden.

All das, was die Wissenschaftlerin aus der Theorie der Regionalforschung herleitet, ist im Fichtelgebirge tatsächlich virulent. Schon „durch“ ist zum Teil das Thema Schulen, gibt es doch etliche der früheren Hauptschulen (heute Mittelschulen) längst nicht mehr. Die Diskussion um die Zukunft des Selber Krankenhauses ist zwar abgeklungen, droht aber früher oder später wieder loszubrechen. Nach wie vor wandern zwar junge Leute ab, allerdings scheint sich der Trend zu verlangsamen. Zudem wollen viele gut qualifizierte junge Fachkräfte nach Studium oder Ausbildung wieder ins Fichtelgebirge zurück.

Und noch eine Gefahr sieht Gabi Troeger-Weiß. Oberfranken, insbesondere der Landkreis Wunsiedel, sei extrem stark von der Automobilindustrie geprägt. „Der Umstieg vom Verbrenner zum E-Auto wird Arbeitsplätze kosten.“ Dem Wandel müssten sich die Unternehmen stellen.

„Eine fantastische Kampagne“

Herausforderungen gibt es mehr als genug für die Region. Doch die Fichtelgebirgler sitzen längst nicht wie das Kaninchen vor der Schlange und harren der Dinge, die da kommen mögen. Auch das sieht die Regionen-Expertin Troeger-Weiß und nennt beispielhaft die „ Freiraum-Kampagne“. „Sie ist fantastisch und sorgt bundesweit für Aufsehen.“ Es sei wichtig, mit der „wahnsinnig hohen Lebensqualität und den vielen Möglichkeiten auch für junge Familien“ zu werben.

Die Wissenschaftlerin und die heimischen Experten sehen etliche Ansatzpunkte, wie der von den Statistikern errechnete Negativtrend gedreht werden kann.

Sybille Kießling, sie ist Vorsitzende des Fördervereins Fichtelgebirge, brachte zum Beispiel den Zusammenschluss der Region in ein großes, landkreisübergreifendes ILE-Gebiet ins Spiel. ILE steht für integrierte ländliche Entwicklung. Der Bund fördert diese Gebiete mit einem Programm. Zusammenarbeit, Vernetzung, Kooperationen. Immer wieder fielen diese Worte, die einerseits seit Jahren Standardfloskeln der Regionalentwicklung sind, anderseits deshalb aber nicht falsch.

So tragisch die Corona-Pandemie auch ist, hat sie doch einen Reset der Gesellschaft bewirkt. Auf einmal sehen viele Menschen eine Region wie das Fichtelgebirge mit neuen Augen. Das anmutige Hügelland ist urplötzlich für Menschen attraktiv, die sich bislang einen Urlaub hier nie hätten vorstellen können. „Und der Trend zum Homeoffice hat vielen Arbeitnehmern vor Augen geführt, dass sie zwar für ein Unternehmen in einem Ballungsraum arbeiten, aber nicht unbedingt dort wohnen müssen.“ Damit der Wunsch vom Leben auf dem Land keiner bleiben muss, forderte die Wissenschaftler eine Digitalisierungsoffensive. „Digitalisierung muss zur Chefsache werden.“ Damit rannte sie bei Landrat Peter Berek offene Türen ein. Bekanntlich ist der Landkreis seit geraumer Zeit dabei, die Digitalisierung für viele Lebensbereiche zu nutzen, angefangen von einer Mobilitäts-App bis hin zur digitalen Verwaltung.

Strategien für die Zukunft
Die Zukunft des Fichtelgebirges bewegt seit Jahren etliche Menschen in der Region. Schon als vor drei Jahrzehnten reihenweise Porzellanfabriken schlossen, machten sich die Einheimischen Gedanken, wie es hier weitergehen kann. Mittlerweile ist der Turnaround geschafft, wie es in der Wirtschaft heißen würde. Seit Jahren wächst die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze und liegt bereits wieder bei um die 30 000 (2012 waren es etwas mehr als 26 000). Auch in der Diskussion zu den Zukunftsperspektiven des Landkreises Wunsiedel haben die Teilnehmer das Rad nicht neu erfunden. Dennoch gab es am Mittwochabend interessante Ansätze für das Fichtelgebirge. Unter anderem schlugen Regionalforscherin Gabi Troeger-Weiß und die Teilnehmer Folgendes vor:

Den Ausbau wissenschaftlicher, außeruniversitärer Einrichtungen in Verbindung mit Tschechien.

Das Fichtelgebirge für Verlagerungen von Bundes-Einrichtungen ins Spiel bringen.

Eine noch stärkere Nutzung ehrenamtlichen Engagements und der Bürgerbeteiligung.

Eine weitere Professionalisierung der Verwaltung

Den Ausbau und die Nutzung der digitalen Infrastruktur, damit mobiles Arbeiten auch wirklich möglich ist.

Den Ausbau regionaler Wertschöpfungsketten. Hier nannte die Expertin die Kette Land- und Forstwirtschaft, Holzindustrie, Holzhandwerk und Möbelproduktion.

Eine noch stärkere Nutzung europäischer Förderprogramme.

Die Sicherung der Daseinsvorsorge. Hierzu nannte die Wissenschaftlerin den Erhalt des Klinikums Fichtelgebirge mit beiden Standorten Marktredwitz und Selb und die Sicherung der ärztlichen Versorgung in den Kommunen. Sie brachte auch ins Spiel, einen mobilen Landarzt zu engagieren.

Im Tourismus ist das Fichtelgebirge prädestiniert für die beiden Mega-Trends Wandern und Radfahren.

Im Handel bieten sich laut der Expertin regionale und lokale Amazon-Plattformen mit den heimischen Händlern und Dienstleistern an.

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