Eigener Inhalt Der Mitte neues Maß

Auch die achte Generation ist kein Design-Umsturz - aber nie war der Golf digitaler und besser vernetzt.

Wer Hand an eine Ikone legt, übt sich am besten in Behutsamkeit. Das gilt noch mehr bei einem Modell, dem nicht bloß eine Fahrzeugklasse ihren Namen verdankt, sondern obendrein eine ganze Generation. Eine Baureihe, von der alle 40 Sekunden irgendwo auf der Welt ein Exemplar vom Band rollt. Seit mehr als 45 Jahren. Lass’ gut sein, haben sie sich bei Volkswagen also gesagt – und auch bei der achten Ausgabe des Golf keinen Design-Umsturz angezettelt.

Die Revolution findet woanders statt. Der Neue wird bis Tempo 210 teilautonom unterwegs sein können, auch für Fußgänger und Radfahrer bremsen und sich per "Car2X" mit anderen Autos austauschen. Fahrer – und auch Fahrerin – kann den Blick schweifen lassen über ein Breitwand-Display, zu dem digitales Cockpit und Touchscreen ähnlich wie beim Flaggschiff Touareg verschmelzen. Nie war ein Golf digitaler und besser mit der Außenwelt vernetzt.

Das ist die Basis, auf der man per User-ID seine ganz eigenen Einstellungen konfigurieren kann – von Sitz und Lenkrad bis zu Bildschirm-Menüs und Lieblingssendern. Einmal in der Cloud gespeichert, lässt sich diese Personalisierung auch in anderen angeschlossenen Autos abrufen. Weitere wichtige Neuerung: Dank "shift by wire" wird die Automatik nicht mehr mechanisch gesteuert, sondern rein elektronisch. Damit wird der Golf künftig noch weit mehr Aufgaben ganz allein erledigen können.

Der Clou: Vieles von dieser Assistenz wird man nachrüsten können. Genauer gesagt: gegen Entgelt freischalten. Weil entsprechende Sensoren sowieso an Bord sind und nur mehr pfiffige Software den Unterschied macht. Das hat Vorteile für beide Seiten. Käufer mit begrenztem Budget verbauen sich spätere Optionen nicht – und VW kann Gebrauchtwagen auf spezielle Kundenwünsche hin aufrüsten.

Aber zu einer Revolution gehören immer auch Opfer. Auf der Strecke bleibt etwa die Vielfalt. Es wird beim Golf 8 keinen Dreitürer mehr geben, kein Cabrio – und auch der leicht erhöhte Sportsvan fällt weg. Übrig bleibt als Wahlmöglichkeit einzig der Kombi. Immerhin: Für die Tour über Stöckchen und Steinchen werden auch weiterhin diverse Allrad-Versionen im Angebot sein.

Und auch Vortrieb geht nicht digital. Das Motoren-Angebot beginnt zum Marktstart Anfang Dezember beim Basisbenziner im Layout dreier Coladosen mit 90 und 110 PS, ein 1,5-Liter-Vierzylinder mit variablem Turbo wird – teilweise von 48 Volt unterstützt – 130 und 150 PS liefern, und selbstzündend bietet VW 115 und 150 PS feil. Mit Speicherkat und AdBlue-Reinigung im Verbund. Ein Erdgas-Modell mit 130 PS und einem Not-Tank für zwölf Liter Sprit ist ebenfalls im Angebot.

Geschichte allerdings ist der e-Golf. Die Konzern-Strategie lässt ab 2020 sämtliche reinen Akku-Autos unter dem I.D.-Label rollen. Auf die Kraft der zwei Herzen indes kann man auch im Golf 8 noch vertrauen. Aber wohl erst im kommenden Jahr. Der normale Plug-in-Hybrid wird gut 200 PS Systemleistung freisetzen und an die 70 Kilometer elektrisch fahren, beim GT-E dürften es – bei etwas weniger Radius – 245 PS sein.

Doch Golf war immer auch der GTI. Und so wird es auch für den Neuen eine rot-linierte Variante geben – mit 245 PS aus einem Zwei-Liter-Turbo. An einer TCR-Version für den Rennsport wird, wie man hört, ebenfalls schon eifrig gebaut. Und wem selbst GTI noch nicht reicht: Aus der Abteilung R darf man einen Ableger erwarten, der dann vermutlich mehr als 300 PS in den Allradstrang haut.

Die weitaus meisten indes bewegen ihren Wagen dann doch im Alltag. Mit deutlich bescheideneren Ansprüchen. All denen zum Trost: Mag der Mitte Maß nicht mehr ganz so bieder daherkommen wie ehedem, so bleibt doch auch Generation acht wie der Golf immer war – praktisch und grundsolide. Und was, wenn nicht Verlässlichkeit, sollte man schätzen in einer Zeit, da die Welt zunehmend aus den Fugen gerät?

 

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